Illegale Jagd: Bergziegen im Visier von Wilderern

Die Bergziegen Dersims sind wieder verstärkt im Visier von Wilderern. Trotz provinzweitem Jagdverbot treiben immer mehr Wilderer ihr Unwesen. Die Wetterverhältnisse erschweren jedoch die Verfolgung.

Die illegale Jagd auf artgeschützte Tiere in der nordkurdischen Provinz Dersim hat wieder zugenommen. Trotz provinzweitem Jagdverbot treiben immer mehr Wilderer ihr Unwesen in der Region. Insbesondere die Bergziege wird in Dersim durch die illegale Jagd an den Rand der Ausrottung gebracht. Vor allem im Landkreis Melkişî (Çemişgezek) häufen sich die Fälle von abgeschossenen Bergziegen. Aber auch aus Pilemor (Pülümür) gibt es einzelne Meldungen. Die Wetterverhältnisse im schneebedeckten Winter Dersims erschweren jedoch die Verfolgung der Wilderer.

Bergziegen im Alevitentum heilig

Die Provinz Dersim ist die Region mit dem höchsten Anteil an Personen alevitischen Glaubens. Das Alevitentum ist ein Glaube an eine natürliche Gesellschaft, wonach die Beziehungen zwischen sämtlichen Lebewesen auf gegenseitiger Anerkennung fußen, auf der Grundlage einer kommunalen, solidarischen und teilenden Gesellschaft. Alle Völker sind unabhängig von ihrer Ethnie und ihrer Religion gleichwertig. Lebewesen, also Menschen, Tiere und Pflanzen gelten als heilig. Die Bergziegen genießen einen besonderen Status im Alevitentum, da sie als Herdentiere des Propheten Xizir (Hızır) verehrt werden. Der alevitischen Glaubenslehre nach lebten die Brüder Xizir und Ilyas als Propheten und tranken das „Wasser der Unsterblichkeit“, um Bedürftigen zur Hilfe zu eilen. Xizir kommt dem Glauben zufolge den Hilfsbedürftigen zu Lande zur Hilfe, Ilyas hingegen denen zur See.

Bergziegen-Massaker in Melkişî

In Pilemor ist gestern nahe der Ortschaft Kozluca der Abschuss einer Bergziege gemeldet worden. Die Wilderer haben zudem Fotos des toten Tieres in den sozialen Medien veröffentlicht. Daraufhin haben die Behörden Ermittlungen eingeleitet.  

In Melkişî ist es sogar zu einem Bergziegen-Massaker gekommen. Dort sind die Tiere vor allem entlang des Tagar-Wadîs bis zum Aliboğazı, einem Gebiet unter Denkmalschutz, gefährdet. Wie es heißt, habe ein afghanischer Hirte in der Region Sorpiyan 14 Bergziegen getötet.

Europäischer „Jagdtourismus“ in Kurdistan 

Doch auch der sogenannte Jagdtourismus fordert immer mehr tote Wildtiere in Dersim. Zuletzt haben vergangene Woche Wilderer aus Spanien zwei Bergziegen in Pilemor erschossen. Solche Jagden nach Dersim werden üblicherweise von Reiseunternehmen in türkischen Touristengebieten wie Antalya und Burdur angeboten. Sogenannte „Hobby-Jäger“ zahlen rund 7.000 Euro und teilweise mehr, um ein Wildtier erlegen zu können. Laut Gesetz sollen „Jagdtouristen“ von Scouts ausschließlich zu älteren Tieren geführt werden, die Praxis sieht allerdings anders aus. Die Schneemassen machen neben den Menschen auch den Wildtieren zu schaffen. Für zahlreiche Tiere ist die Situation wegen des Futtermangels kritisch. Auf der Suche nach Nahrung verlassen viele Arten ihren Lebensraum in den Felsregionen mit Bergwäldern. Zudem ist bei den Wildziegen im Januar und Februar Paarungszeit. Nach Angaben von Umweltaktivist*innen aus der Region finden die Jagdreisen nach Dersim gezielt in dieser Phase statt, um möglichst viele Tiere illegal zu erlegen.