Vater von hungerstreikendem Anwalt: Bedingungen bedeuten den Tod

Der Vater des hungerstreikenden Anwalts Aytaç Ünsal, Nihat Ünsal, erklärt: „Wir sind am Ende der Worte angelangt. Unsere Kinder diesen Bedingungen zu überlassen bedeutet, sie sterben zu lassen.“

Seit sechs Tagen hält Nihat Ünsal vor dem Sultan Süleyman Klinikum in Istanbul Wache. Sein Sohn Aytaç Ünsal wurde dorthin zwangsverlegt und wird in einem kleinen Raum festgehalten. Als einzige „Physiotherapeutin“ wurde seine Mutter zugelassen.

Bedingungen im Krankenhaus schlimmer als im Gefängnis“

Der Vater erklärt im ANF-Gespräch, die Bedingungen im Krankenhaus seien sogar noch schlimmer als im Gefängnis. Dort sei er zumindest mit seinen Genossen zusammen, werde in einem weitläufigeren Raum festgehalten und könne bei Hofgängen frische Lust schnappen. Im Krankenhaus sei sein Sohn jedoch vollkommen isoliert. Ünsal berichtet, seinem Sohn gehe es nach 184 Tagen Hungerstreik immer schlechter, ihm sei übel und er habe Wunden im Hals die ihn daran hinderten, Zucker zu sich zu nehmen.

Das hat nichts mir Rechtsstaatlichkeit zu tun“

Ünsal hatte nach dem Haftunfähigkeitsbericht der Gerichtsmedizin erwartet, dass die Hungerstreikenden frei gelassen werden. Er sagt: „Wenn sie freigelassen würden, dann wären wir als Familien ebenso frei wie unsere Kinder.“ Aber trotz der Entscheidung der Gerichtsmedizin befinden sich die hungerstreikenden Anwält*innen aufgrund eines politischen Beschlusses weiter in Haft. „Sie wollen, dass unsere Kinder sterben”, betont Ünsal. „Wir sind am Ende der Worte angekommen. Wir sind auf der Straße. Wenn in einem Land nicht einmal Anwälte gerechte Urteile erhalten, hat das nichts mehr mit Rechtsstaatlichkeit zu tun.“

Freilassung, bevor es zu spät ist

Nun warten die Familien der Hungerstreikenden auf eine Entscheidung des 38. Schwurgerichts von Istanbul über einen Widerspruch. Ünsal sagt zur zwangsweisen Einlieferung ins Krankenhaus: „Dass sie dort festgehalten werden, beschleunigt ihren Tod. Unsere Kinder diesen Bedingungen zu überlassen, bedeutet sie sterben zu lassen. Sie werden dort sowieso nicht behandelt, deswegen macht es auch keinen Sinn, dass sie dort bleiben.“ Ünsal klagt, dass Anwältinnen und Anwälte ihre hungerstreikenden Kolleg*innen nicht ausreichend unterstützten: „Wenn sie unsere Kinder von Anfang an unterstützt hätten, wäre das nicht passiert.“ Der Kassationsgerichtshof müsse das Urteil gegen seinen Sohn und seine ebenfalls hungerstreikende Kollegin Ebru Timtik annullieren und die beiden umgehend freilassen, fordert Ünsal.

200 Verfahren aufgrund von Kronzeugenaussagen

Aytaç Ünsal, Anwält der linken Vereinigung „Rechtsbüro des Volkes“ (türk. Halkın Hukuk Bürosu“), und seine Kollegin Ebru Timtik befinden sich mit der Forderung nach einem gerechten Verfahren im Hungerstreik. Beide wurden aufgrund von widersprüchlichen Aussagen eines Kronzeugen zu langjährigen Haftstrafen verurteilt. Die Aussagen des Überläufers Berk Ercan haben bisher zur Verhaftung von knapp 200 Menschen geführt, unter ihnen auch mehrere Mitglieder der Musikgruppe Grup Yorum und Mustafa Koçak, der zu lebenslanger Haft verurteilt worden war und am 24. April nach 297 Tagen Hungerstreik verstarb. Sie alle wurden im Komplex der Verfahren gegen vermeintliche Angehörige der DHKP-C nach Terrorparagrafen verurteilt.

Das Revisionsverfahren für die Neuprüfung des Urteils gegen Timtik und Ünsal vor dem Kassationshof in Ankara ist noch anhängig.