Gerechtigkeit für Sezgin Dağ gefordert

Sezgin Dağ überlebte 2015 den IS-Anschlag in Pirsûs – vor einem Jahr starb er im Alter von 41 Jahren im schweizerischen Lyss, wo er als Geflüchteter in einem Asylzentrum lebte. Zum ersten Todestag ist an ihn gedacht und Gerechtigkeit gefordert worden.

Zu seinem ersten Todestag haben Familienmitglieder und Freundinnen und Freunde in der Schweiz an Sezgin Dağ erinnert. Der kurdische Aktivist starb in der Nacht auf den 13. November 2020 im Alter von 41 Jahren in einem Taxi auf dem Weg in ein Krankenhaus in der Gemeinde Lyss, wo er als Geflüchteter in einem Asylzentrum lebte. Seine Hinterbliebenen beschuldigen die Behörden, falsch gehandelt zu haben und damit verantwortlich für seinen zu sein: Sezgin Dağ hätte nicht sterben müssen, wenn ihm eine angemessene medizinische Versorgung für seinen sensiblen Gesundheitszustand nicht verweigert worden wäre. Sie fordern Gerechtigkeit.

Die erste Gedenkveranstaltung wurde vor den Toren des Bundesasylzentrums (BAZ) in Lyss abgehalten, wo Sezgin Dağ bis zu seinem Tod untergebracht war. Unter den Anwesenden waren neben Angehörigen auch Aktivistinnen und Aktivisten vom schweizerischen Ableger des Bündnisses demokratischer Kräfte (ADGB), der Föderation der Alevitischen Vereine in der Schweiz (IABF), der Migrantischen Selbstorganisation ROTA, von Migrant Solidarity Network, Alarmphone, Drei Rosen gegen Grenzen, PangeaKolektif und von Solidarité sans frontières. Nach einer Schweigeminute wurden Reden gehalten, es wurde die Geschichte von Sezgin Dağ erzählt und die Umstände seines Todes wurden geschildert. Güneş Erzurumluoğlu, die Überlebende des IS-Anschlags von Pirsûs (tr. Suruç) ist, verlas eine Botschaft der Initiative der Suruç-Familien. Zu Wort kam auch der Rechtsanwalt der Hinterbliebenen von Sezgin Dağ, der die Flüchtlingspolitik der Schweiz scharf kritisierte. Ein Aktivist prangerte an, dass bis heute niemand Verantwortung übernommen habe für den tragischen Tod von Sezgin Dağ.

Am Nachmittag fand eine zweite Zusammenkunft statt, diesmal in den Räumlichkeiten des kurdischen Vereins in Bern. Das Gedenken wurde begleitet von Reden, in denen ein eindrückliches Porträt einer „unmenschlichen” Flüchtlingspolitik gezeichnet wurde. Zwar gebe sich das Land gerne als Vorzeigemodell eines flüchtlingsfreundlichen und demokratischen Rechtsstaates, mit Blick auf das Schicksal von Sezgin Dağ und die andauernde Straflosigkeit für die Verantwortlichen seines Todes ließen sich solche Prinzipien aber nicht erkennen. Solange keine legalen Migrationswege geschaffen und Fluchtursachen bekämpft werden, würde die sogenannte Flüchtlingspolitik von Ländern wie der Schweiz und anderen imperialistischen Staaten nur weitere Menschen in die Flucht treiben. Geschlossen wurde gefordert: „Gerechtigkeit für Sezgin, Gerechtigkeit für alle“. Zum Ausklang des Abends gab es Musik.

Gedenkveranstaltung im Berner Komel

Der vermeidbare Tod von Sezgin Dağ

Sezgin Dağ war in der Türkei ein aktives Mitglied der ESP (Sozialistische Partei der Unterdrückten), die sich 2014 der als Dachpartei mehrerer Kleinparteien fungierenden HDP (Demokratische Partei der Völker) anschloss. Als politischer Flüchtling hatte er im August 2020 ein Asylgesuch in der Schweiz gestellt, wo er sich bei der IGIF (Föderation der Immigrierten Arbeiter in der Schweiz) engagierte. Er gehörte zu den Überlebenden des IS-Selbstmordanschlags am 20. Juli 2015 in der nordkurdischen Grenzstadt Pirsûs (tr. Suruç), bei dem 33 hauptsächlich junge Menschen ums Leben kamen und 104 weitere teils schwer verletzt wurden. Dieser Terroranschlag richtete sich gegen eine Versammlung des ESP-Jugendverbands und kurdischer Organisationen, die von Pirsûs aus über die nur wenige Kilometer entfernte syrische Grenze zur westkurdischen Stadt Kobanê ziehen wollten, um dort beim Wiederaufbau zu helfen und Hilfsgüter zu bringen.

Sezgin Dağ war einer der Schwerverletzten des Anschlags: In seinen Körper hatten sich mehrere Granatsplitter gebohrt. Bei seinem Asylgesuch im August 2020 in der Schweiz klärte Sezgin Dağ die zuständigen Behörden nicht nur über die gegen ihn in der Türkei verhängten Haftstrafen auf, sondern auch über seinen kritischen Gesundheitszustand. Dass er nicht nur mit den Splitterstücken in seinem Körper zu kämpfen hatte, sondern auch unter einer koronaren Herzkrankheit litt. In der Türkei hatte Sezgin einen Myokardinfarkt erlitten, nach der Genesung wurde ihm ein Stent gesetzt.

Am 12. November 2020 begab sich Sezgin Dağ gegen 16.00 Uhr ins Spital Aarberg mit Beschwerden über Taubheitsgefühle im Arm und am Kiefer sowie Sodbrennen, Schmerzen im Hals und Magen. Diese Symptomatik hatte er auch beim Myokardinfarkt in der Türkei. In der Klinik wurden ein Blutbild und eine Röntgenaufnahme erstellt. Die Diagnose des behandelnden Arztes lautete Magenverstimmung und Herzrhythmusstörungen wegen des zuvor getrunkenen Energiegetränks. Der Mediziner verschrieb ein Dafalgan-Schmerzmittel und ein weiteres Medikament gegen das Sodbrennen und schickte Sezgin Dağ zurück ins Asylzentrum.

Im Verlauf des Tages verschlechterte sich sein Zustand immer mehr. Seine Freunde warnten die Verantwortlichen im Asylzentrum und wiesen auf den schlechten Gesundheitszustand von Sezgin Dağ hin. Gegen 22.00 Uhr wurde es sehr kritisch und lebensbedrohlich: Nach Zeugenaussagen hatte der Aktivist Schaum vor dem Mund und weinte. Er umarmte sich selbst, schrie „Mein Herz, mein Herz!“ und verkrampfte zeitweise. Trotz dieser offensichtlich kritischen und lebensbedrohlichen Situation bestellte der verantwortliche Mitarbeiter des Asylzentrums ein Taxi, anstelle eines Krankenwagens. Sezgin Dağ wurde ohne Begleitung in den Wagen gesetzt, um in das Spital Aarberg gefahren zu werden. Dort ist er am 13. November 2020 um ca. 00.20 Uhr verstorben.