Langer Marsch: Protest gegen Chemiewaffen

„Wir müssen unsere Zukunft selbst in die Hand nehmen, geschwisterlich als Völker dieser Erde. Wir haben keine Geduld und keine Zeit mehr für die Herrschenden und ihre Entschuldigungen“, erklären die Teilnehmenden der Jugenddemonstration in Leverkusen.

Der Lange Marsch der kurdischen Jugendbewegung für die Freiheit von Abdullah Öcalan führt heute von Leverkusen nach Köln-Mülheim. Zum Auftakt der zwanzig Kilometer langen Etappe fand eine Protestaktion gegen den Einsatz von Chemiewaffen durch die türkische Armee in Kurdistan statt. Die Aktivist:innen aus mehreren Ländern versammelten sich in Schutzanzügen und mit gelbem Rauch am Chempark Leverkusen und zeigten Symbole der kurdischen Guerilla.

Warum stehen wir heute hier?“

In einem bei der Aktion gehaltenen Redebeitrag hieß es: „Wir stehen gerade vor dem Hauptsitz der Bayer AG in Leverkusen. Bayer ist ein Chemie- und Pharmakonzern, den es seit 1863 gibt. Das heißt, Bayer stellt Medikamente, Medizinprodukte und Pflanzenschutzmittel her. Warum stehen wir heute hier, als italienische, katalanische, französische, deutsche und kurdische Jugendliche? Um diese Frage zu beantworten, muss ich ein paar Zusammenhänge klarmachen. Denn der Pharma- und Chemiekonzern Bayer steht auch in einer Reihe mit weiteren Konzernen, wie z.B. BASF in Ludwigshafen, die beschuldigt werden, Chemiewaffen und chemiewaffenfähige Stoffe in Kriegsgebiete zu liefern. Diese Einsätze sind zwar international verpönt und werden auch skandalisiert, aber sie nützen den herrschenden Despoten und vor Allem: Sie bringen den Konzernen Geld, viel Geld.

Was hat Halabdscha mit uns zu tun?“

Jetzt kommen wir zum zweiten Punkt. Im Jahre 1988 wurde im Irak der größte Chemiewaffenangriff seit dem ersten Weltkrieg durchgeführt. Es starben drei- bis fünftausend unschuldige Zivilist:innen. An diesem Angriff können wir zwei Folgen ableiten. Zum einen wurde nach den Chemiewaffenangriffen, zwölf Jahre später, bekannt, dass auch deutsche Konzerne an der Herstellung der giftigen Gase beteiligt waren. Die deutschen Konzerne verdienten daran, einem Diktator giftige Chemie in Massen zu verkaufen. Und zweitens war das Dorf Halabdscha kein zufälliges Ziel. Es war Teil einer Kriegsstrategie. Denn dieses Dorf war ein kurdisches Dorf. Es war ein Zentrum des Widerstands gegen Saddam Hussein, aber auch gegen die Unterdrückung, die die Kurden im ganzen Mittleren Osten erfahren, seit den letzten hundert Jahren.

Was hat Halabdscha jetzt mit uns, hier, heute, zu tun? Heute, gestern, vorgestern und die letzten fünf Monate wurden weiter Chemiewaffenangriffe auf kurdische Dörfer im Nordirak geplant, vorbereitet und durchgeführt. Allein seit Beginn der Offensive waren es 1762 Angriffe. Der türkische Staat, Erdogan, mit Unterstützung der nordirakischen Regierung, bombardieren und greifen an, um den kurdischen Widerstand zu brechen. Dieser Krieg gegen die Bevölkerung wird auch geführt mit deutschen Leopard-Panzern, mit deutscher Drohnentechnik. Alles Technik, um gezielt oder wahllos zu ermorden. Um Hoffnung zu ersticken und die Bevölkerung wehrlos zu machen. Die Chemiewaffen, die im Nordirak seit Anfang des Jahres eingesetzt wurden, wurden ausreichend dokumentiert, es wurden Proben entnommen und nach Europa gebracht. Aber die zuständigen Institutionen weigern sich, die Proben zu kontrollieren. Warum das so ist, können wir nur spekulieren. Aber wenn wir uns die unschönen Probenergebnisse aus Halabdscha ansehen, die beweisen, dass deutsche chemische Kampfstoffe im Einsatz waren, können wir uns auch denken, warum sich niemand die Proben genauer angucken will.

Warum schütteln sich Erdogan und Baerbock die Hände?“

Warum ignorieren wir diese Fakten? Dass Menschen und Konzerne in Deutschland und Europa nicht mehr nach Moral und Werten, sondern nach Geiz und persönlichem Profit urteilen? Als Jugendliche verurteilen wir dieses dreckige Verhalten aufs Schärfste. Unsere Aufgabe ist es, die Moral und Prinzipien aufrecht zurück in diese Gesellschaft zu tragen und das elende Morden zu beenden.

Wir wissen, dass Erdogan und Baerbock sich die Hände schütteln, weil jede deutsche Regierung die Interessen der deutschen Industrie schützen will. Wir wissen, dass durch diese ekelhafte, buckelnde Haltung von Politikern und Unternehmern täglich Tausende sterben müssen. Wir trauern um unsere jugendlichen Freundinnen und Freunde, die am Gas in den Höhlen und auf den Bergen Kurdistans ersticken mussten. Aber wir wissen, es war nicht nur das Gas, an dem sie erstickten, sondern es war die Doppelmoral der Herrschenden, ihr fehlendes Rückgrat, ihre erbärmlichen Entschuldigungen und Kompromisse.

Wir werden reagiert von Menschen ohne Haltung und Gewissen“

Es mag surreal erscheinen, sich diese Situation vor Augen zu führen, aber als Jugendliche ist es unsere Realität. Wir werden reagiert von Menschen ohne Haltung und Gewissen. Die Wälder auf dem ganzen Globus brennen, die Meere weiten sich aus, das Eis schmilzt, die Bevölkerungen begehren auf.

Wir fordern alle Jugendlichen der Welt auf, dieser Realität ins Auge zu blicken und daraus die nötigen Konsequenzen zu ziehen. Wir müssen unsere Zukunft selbst in die Hand nehmen, geschwisterlich als Völker dieser Erde. Wir haben keine Geduld und keine Zeit mehr für die Herrschenden und ihre Entschuldigungen. Diesen jämmerlichen Zustand der Narkose werden wir durchbrechen. Wacht auf, wir befinden uns mitten im dritten Weltkrieg, der sich über die gesamte Erde verteilt. Wir fordern euch auf, eurem Gewissen zu folgen: Schluss mit dem Schweigen zu Kurdistan, Schluss mit den Massakern an der Bevölkerung des Mittleren Ostens und weltweit. Wir gedenken der tapferen Gefallenen. Ihr Andenken ist uns eine Lehre.

Wir sagen: Es lebe der Widerstand in Kurdistan, es lebe der Widerstand der Guerilla. Es lebe die Geschwisterlichkeit der Völker. Tod dem türkischen Faschismus und der deutschen Kollaboration!”

Nach der Protestaktion startete die heutige Etappe der Jugenddemonstration, die auf dem Wiener Platz in Köln enden soll. Für den Abend ist eine von Frauen organisierte Veranstaltung in Köln geplant.

Der lange Marsch: Widerstandstradition der kurdischen Jugendbewegung

Der lange Marsch (ku. Meşa Dirêj) ist eine traditionelle Veranstaltung der kurdischen Jugendbewegung mit dem Ziel der physischen Freiheit von Abdullah Öcalan und findet in diesem Jahr vom 11. bis 16. September statt. Abgedeckt wird die Strecke zwischen Essen und Aachen mit Zwischenhalten in Duisburg, Krefeld, Düsseldorf, Leverkusen und Köln-Mülheim. Die Aktion trägt 2022 das Motto „Für die Freiheit von Rêber Apo – Kommt zum Befreiungskampf!“ (ku. Ji Bo Azadiya Rêber APO – Werin Cenga Azadiyê!). Unter den Teilnehmenden sind kurdische und internationalistische Aktivist:innen aus Deutschland, England, Frankreich, Schweiz, Kolumbien, Österreich, Italien, Spanien und den Niederlanden.

Der Startschuss des „Meşa Dirêj“ war am Sonntag in Essen gefallen und hatte bis zum Duisburger Hauptbahnhof geführt, am Abend gab es in einem nahegelegenen Kulturverein eine Veranstaltung. Auf der Strecke dorthin kam es jedoch zu Provokationen durch die Polizei NRW. Nach einem Stopp des Demonstrationszuges durch die Einsatzleitung noch in Essen rannten Beamte in Kampfmontur in die Menge und holten ohne ersichtlichen Grund mehrere Teilnehmende zur Identitätsfeststellung heraus. Die kurdische Jugend kennt diese Praxis. Fast schon traditionell tritt die Polizei bei diesen Veranstaltungen mit aggressivem und provokativem Vorgehen in Erscheinung.