KJAR: Die „Jin Jiyan Azadî“-Revolution ist nicht vorbei

Der Frauendachverband KJAR hat auf einem Kongress in den kurdischen Bergen über die „Jin Jiyan Azadî“-Revolution und die organisierte Selbstverteidigung von Frauen in Ostkurdistan und Iran diskutiert und zum gemeinsamen Kampf aufgerufen.

Vierter Kongress des Frauendachverbands KJAR aus Rojhilat

Die Gemeinschaft der freien Frauen Ostkurdistans (KJAR) hat vom 7. bis 9. Mai ihren 4. Kongress abgehalten. An dem Kongress in den Bergen Kurdistans nahmen Delegierte aus verschiedenen Arbeitsbereichen teil. Zentrales Thema waren die „Jin Jiyan Azadî“-Revolution und die organisierte Selbstverteidigung von Frauen in Rojhilat (Ostkurdistan) und Iran.


Der Kongress wurde mit einer Rede von Deniz Derya und einem Gedenken der Gefallenen im Freiheitskampf eröffnet. Deniz Derya, Koordinationsmitglied der KJAR, widmete die dreitägige Veranstaltung dem PKK-Begründer Abdullah Öcalan, allen Freiheitskämpfer:innen und Frauen und dem kurdischen Volk und sagte: „Dass dieser Kongress stattfindet, ist unseren für Freiheit gefallenen Weggefährtinnen zu verdanken. Sie haben ihr Leben geopfert, damit dieser Kampf weitergeht und immer stärker wird. Unser Kongress ist eine Antwort auf Herrschaft und Sexismus. Wenn die Jin-Jiyan-Azadî-Revolution Erfolg hat, werden die Frauen frei sein und die Gesellschaft demokratisch.“

Bedeutung von Abdullah Öcalan

Als erstes Thema auf der Agenda wurde über die Bedeutung von Abdullah Öcalan für Kurdistan und die kurdische Frauenbewegung gesprochen. „Jin, Jiyan, Azadî“ (Frau, Leben, Freiheit) bezeichnet den Kern der kurdischen Frauenbefreiungsideologie und steht nicht nur für Widerstand, sondern für den Willen, die Kraft und die Organisation zum Aufbau eines neuen Systems unter der Führung von Frauen. Der Autor dieser Formel ist Abdullah Öcalan, Begründer der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK). Seit den 1980er Jahren betonte er in seinen Reden und Schriften immer wieder, dass ein freies Leben ohne die Befreiung der Frauen nicht möglich ist. Öcalan befindet sich seit 1999 auf der türkischen Gefängnisinsel Imrali und wird vollständig von der Außenwelt isoliert. Seit März 2021 gibt es von dem kurdischen Vordenker und seinen drei Mitgefangenen kein Lebenszeichen mehr. In der Diskussion auf dem KJAR-Kongress wurde hervorgehoben, dass der 2022 nach dem Tod von Jina Mahsa Amini ausgebrochene Aufstand, mit dem die Parole „Jin Jiyan Azadî“ weltweit bekannt wurde, in Inhalt und Form dem Ansatz Abdullah Öcalans entspricht.

Die „Jin Jiyan Azadî“-Revolte

Der zweite Tagesordnungspunkt war eine Auswertung des Aufstands. Die Delegierten bewerteten die Geschehnisse in Rojhilat und Iran seit 2022 als eine Revolution, mit der der Mittlere Osten erneut seine auf die Menschheit ausstrahlende Wirkung bewiesen habe. „Der Frauenkampf hat eine neue Etappe erreicht. Die Jin-Jiyan-Azadî-Revolution ist ein Lichtblick, der auf die ganze Welt auswirkt. Die kurdischen Frauen kämpfen seit vielen Jahren für Freiheit und haben dafür einen hohen Preis gezahlt. Die Revolution ist ein neuer Höhepunkt dieses Kampfes“, sagte eine Teilnehmerin.

In einem Redebeitrag wurde darauf hingewiesen, dass es in Rojhilat bereits Anfang September 2022 zu Massenprotesten kam. Der Auslöser war der Tod von Şilêr Resuli, die in Mêrîwan aus einem Fenster stürzte, um der Vergewaltigung eines Geheimdienstmitarbeiters zu entgehen. Der Mord an Jina Amini zwei Wochen später habe die Wut der Frauen explodieren lassen, so die Rednerin:

„Nachdem die Menschen in Mêrîwan für Şilêr auf die Straße gegangen sind, setzten sich Menschen im gesamten Iran für Jina ein. Überall in Rojhilat und Iran rebellierten Frauen gegen das Leben, das ihnen vom iranischen Regime aufgezwungen wurde. In den letzten acht Jahren gab es mehrere Massenaufstände gegen das Regime, aber sie wurden mit brutaler Gewalt unterdrückt. Tausende Menschen wurden verhaftet und ermordet. Dieser Aufstand ist jedoch anders. Erstmalig haben sich alle Völker, Glaubensrichtungen und Klassen daran beteiligt, angeführt von Frauen und Jugendlichen. Es herrscht seit Jahren große Unzufriedenheit mit dem Regime, die aufgestaute Wut hat sich bei dem Jina-Aufstand entladen. Die Jin-Jiyan-Azadî-Revolution ist nicht vorbei, sie wird nicht aufhören.“

Arbeitsbereiche der KJAR

In der dritten Sitzung wurden die verschiedenen Arbeitsbereiche der KJAR diskutiert. Die Kernaufgabe ist es, Frauen in Rojhilat, Iran und Europa zu organisieren. Die bestehenden Bereiche sollen mit Komitees für Gefangene, Ökologie und Selbstverteidigung erweitert werden. Eine Delegierte der Guerillaorganisation HPJ (Hêzên Parastina Jinên Rojhilatê Kurdistanê) wies auf die Rolle von Frauen in der Strategie des Revolutionären Volkskriegs hin. Ein weiterer Schwerpunkt waren die Verhaftungen von Frauen und die Hinrichtungen durch das iranische Regime. In der Diskussion wurde betont, dass Hunderte Frauen im Gefängnis sind, weil sie für Freiheit kämpfen. Eine dieser Frauen sei Zeynab Jalalian, die seit 16 Jahren ununterbrochen Widerstand gegen die Torturen im Kerker leiste.

Aufruf zum gemeinsamen Kampf

Auf dem Kongress wurden Richtlinien für die nächsten zwei Jahre verabschiedet und ein aus 15 Frauen bestehender neuer Leitungsrat gewählt. Die frühere Ko-Vorsitzende der PJAK, Zîlan Vejîn, erklärte zum Abschluss: „Wir haben detailliert über wichtige Themen gesprochen und über Lösungsansätze diskutiert. Um die Probleme aller Frauen zu lösen oder zu beenden, müssen wir zusammenhalten. Wir rufen alle Frauen aus Rojhilat und Iran dazu auf, gemeinsam mit uns für Freiheit zu kämpfen.“