IS-Mitglied Riedjik: Der Angriff auf die Kurden war unser Ende

„Ich habe immer noch nicht verstanden, warum der IS gegen die Kurden gekämpft hat. Es gab außer den Kurden keine Kraft, die uns hätte besiegen können“, erklärt der niederländische Dschihadist Yago Alexandre Riedijk in QSD-Gefangenschaft.

Einer der Dschihadisten, die von den Demokratischen Kräften Syriens (QSD) in der letzten IS-Enklave al-Bagouz gefangengenommen worden sind, ist der Niederländer Yago Alexandre Riedijk. Er wird für zahlreiche Massaker verantwortlich gemacht und ist der Ehemann von Shamima Begum, die von Großbritannien ausgebürgert wurde.

Wir haben mit Riedjik in einem der von der Autonomieverwaltung von Nord- und Ostsyrien kontrollierten Hochsicherheitsgefängnisse gesprochen. Der 27-Jährige hat sich Ende 2014 in Syrien dem „Islamischen Staat“ (IS) angeschlossen. Den Namen, den er beim IS benutzte, möchte er nicht nennen. Am 21. Januar 2019 ist er zusammen mit Shamima Begum von den QSD gefangengenommen worden.

Zu acht Jahren Freiheitsstrafe in den Niederlanden verurteilt

Laut Berichten niederländischer Nachrichtendienste hat Riedjik eine aktive Rolle im IS gespielt und war an diversen Massakern beteiligt. Aufgrund seiner Mitgliedschaft in der islamistischen Organisation ist er in den Niederlanden zu acht Jahren Haftstrafe verurteilt worden. Bis zu seinem Beitritt zum IS lebte er in Arnhem. Dort lernte er eine muslimische Frau kennen und konvertierte im Alter von 17 Jahren zum Islam. Danach begann er, Moscheen in Arnhem zu besuchen, in denen er mit Salafisten in Kontakt kam.

Türkische und marokkanische Moscheen in Arnhem

Nach eigenen Angaben besuchte Riedjik häufig eine marokkanische Moschee sowie eine türkische Moschee mit dem Namen Ayasofya. Der dort erteilte Religionsunterricht stellte einen Wendepunkt in seinem Leben dar. Ab 2013 hatte er Kontakt zu Menschen, die sich dschihadistischen Gruppierungen in Syrien angeschlossen hatten. Ohne Einzelheiten zu nennen, erzählt er von seinem Weg nach Syrien: „Ende 2014 bin ich mit dem Zug nach Deutschland gefahren, von dort aus mit dem Flugzeug nach Istanbul weitergereist und später nach Antep. Am Flughafen in Antep wurde ich von Polizisten aufgehalten. Sie stellten mir einige Fragen, anschließend ließen sie mich laufen, obwohl sie wussten, dass ich nach Syrien weiterfahren werde. Später holten mich IS-Mitglieder, mit denen ich über das Internet Kontakt aufgenommen hatte, aus dem Hotel in Antep ab und brachten mich an einen Ort. Dort waren Dutzende Menschen, die aus anderen Ländern gekommen waren, um sich dem IS anzuschließen. Abends konnten wir Dank der IS-Mitglieder problemlos die Grenze nach Syrien überqueren. Direkt auf der anderen Seite nahmen uns bewaffnete IS-Mitglieder in Empfang und brachten uns in ein Gästehaus in Dscharablus.“

Heirat mit der 15-jährigen Shemama Begum

Nach drei Tagen wurde Riedjik von Dscharablus nach Raqqa gebracht, wo er in einem Camp zwei Monate eine Militär- und Scharia-Ausbildung erhielt. Danach übernahm er aktiv jede ihm vom IS übertragene Aufgabe. In Raqqa heiratete er die 15-jährige britische Staatsangehörige Shemama Begum. Nach seinen Angaben gingen aus der Ehe zwei Kinder hervor, von denen eins in al-Bagouz ums Leben kam und das andere im QSD-kontrollierten Camp Hol, in dem Shemama Begum zurzeit festgehalten wird, an einer Krankheit verstarb. Wie Riedjik sagt, wurde er im „Islamischen Staat“ innerhalb kurzer Zeit bekannt und benutzte eine Waffe. Wo er gekämpft hat und an welchen Massakern er beteiligt war, erzählt er hingegen nicht.

Ermordete Zivilisten in Raqqa zur Schau gestellt

Von seinen eigenen Taten will Riedjik nicht sprechen. Zu den Massakern an der Zivilbevölkerung in Raqqa sagt er nur: „Der IS hat die Leichen der ermordeten Zivilisten im Stadtzentrum zur Schau gestellt, um Angst zu verbreiten. Bei jedem getöteten Menschen wurde aufgeschrieben, wegen welchen Vergehens er bestraft wurde. Die ermordeten Menschen waren alle zivile Moslems. Viele wurden des Agententums beschuldigt.“

Folter im IS-Gefängnis

Wie Riedjik angibt, wurde er selbst verhaftet, weil er sich vom IS lossagen wollte. Er war ungefähr sieben Monate in einem Gefängnis und wurde nach eigenen Angaben gefoltert: „Draußen fanden Massaker statt, aber was im Gefängnis ablief, war fürchterlich. Ich kann es nicht erzählen. Das meiste, was ich vorher nicht über den IS wusste, erfuhr ich dort, aber ich kann dazu nichts sagen.“

„Keine Terrororganisation“

Riedjik sagt zwar, dass er seinen Beitritt zum IS bereut, er den IS jedoch insgesamt nicht als terroristische Organisation betrachtet. Trotz der zahlreichen Massaker, an denen er beteiligt war, sieht er sich selbst nicht als schuldig.

Angriff auf die Kurden war ein Fehler

Den Angriff auf die Kurden bezeichnet Riedjik als „historischen Fehler“ des IS: „Ich habe immer noch nicht verstanden, warum der IS gegen die Kurden gekämpft hat. In dieser Gegend gab es außer den Kurden keine Kraft, die uns hätte besiegen können. Ich weiß nicht, warum dieser Fehler gemacht wurde. Für den IS hatte es nicht den geringsten Nutzen, die Kurden anzugreifen. Der Angriff auf die Kurden war unser Ende.“

Gesamter Bedarf über die Türkei gedeckt

Der IS ist von der Türkei und vielen weiteren Staaten unterstützt worden, sagt Riedjik: „Wir kämpften zum Beispiel gegen das Regime, aber gleichzeitig verkauften wir ihm Öl. Wir hatten über das Offensichtliche hinaus Beziehungen zur Freien Syrischen Armee. Unser Waffenbedarf wurde größtenteils über diese Organisation gedeckt. Der IS hat auch einen großen Teil des Öls an die Türkei verkauft. Der gesamte Bedarf des IS wurde über die Türkei gedeckt. Ich denke, dass es zwischen dem IS und der Türkei ein Abkommen gab, von dem niemand wusste. Dieses Abkommen basierte auf dem Vorschlag: ‚Misch dich nicht in meine Angelegenheiten ein und bekämpfe die Kurden, dann decke ich deinen gesamten Bedarf.‘ So war es auch. Der IS hat Öl verkauft und seinen gesamten Bedarf über die Türkei gedeckt.“