Girê Spî: Vorbild für den Mittleren Osten und die arabische Welt

Was die Türkei mit den Angriffen auf Girê Spî bezweckt und wie sich das jetzige Selbstverwaltungsmodell der Stadt von der Herrschaft des syrischen Regimes, der FSA und des IS unterscheidet, beschreibt Hamid al-Abid im Gespräch mit ANF.

Hamid al-Abid ist ein arabischer Einwohner der Stadt Girê Spî (Tall Abyad). Knapp ein Jahr, nachdem der IS die Stadt eingenommen hatte, musste al-Abid flüchten. Als im Juni 2015 die Kräfte der YPG und YPJ die Stadt befreiten, kehrte er zurück. Er engagierte sich dann bei der Selbstorganisierung der Bevölkerung und ist heute Ko-Vorsitzender des Volksrates im Kanton Girê Spî.

Im Gespräch mit ANF bewertet al-Abid die Drohungen der Türkei gegen seine Heimatstadt. „Die Türkei hat Angst vor Demokratie in der Region", erklärt er und setzt fort: „In den Gebieten, die von der Türkei in Syrien besetzt sind, sind Massaker, Vergewaltigungen und Raub Teil des Alltags. Das ist in Efrîn, al-Bab, Cerablus und Ezaz so. Deswegen hat Erdoğan Angst vor der Stabilität und der Demokratie in unserer Region und will sie auch ins Chaos stürzen."

Das Regime interessierte sich nie für unsere Gebiete

Laut al-Abid hat es in der Stadt Girê Spî bislang noch nie eine solch positive Grundstimmung und ein an der Bevölkerung orientiertes Gesellschaftsystem gegeben. Zu der Zeit der Herrschaft des Baath-Regimes erklärt er: „Jeder weiß, dass das Baath-Regime machtfokussiert war. Zu Zeiten des Regimes war Korruption hier weit verbreitet. In allen staatlichen Einrichtungen wurde auf der Basis von Korruption gearbeitet. Es herrschte soziale Ungerechtigkeit vor. Die Geheimdienste und Sicherheitskräfte kontrollierten die Gesellschaft. Hinzu kommt, dass es in Raqqa, Deir ez-Zor, Hesekê und Girê Spî viel Armut gab und kein Wert auf Bildung gelegt wurde. Diese Region wurde vom Regime vernachlässigt. Es gab kein Interesse an unserem Gebiet."

Baath-Regime und Türkei haben die islamistischen Banden groß gemacht

Al-Abid erklärt, dass die antidemokratische und ungerechte Struktur des Regimes sowie der Druck der Sicherheitskräfte und der Geheimdienste zum Aufstand der Bevölkerung geführt haben. Diese Gelegenheit nutzten dann verschiedene Banden, die sich unter dem Label der FSA organisierten. Die Türkei mischte sich in dieser Phase aktiv ein, erklärt al-Abid und beschreibt die nachfolgenden Entwicklungen wie folgt: „Im Ergebnis hat die Bevölkerung gegen das Regime rebelliert. Die Menschen hassten die staatlichen Einrichtungen wegen ihrer Ungerechtigkeit und ihrer antidemokratischen Art. Die Türkei mischte sich an diesem Zeitpunkt ein. Aus der Türkei kamen Waffen, die der Bevölkerung übergegeben wurden.

Durch diese Einmischung der Türkei entstanden allein in Girê Spî plötzlich 105 Gruppen der ‚Freien Syrischen Armee'. Alle zwei Stunden kontrollierte eine dieser Gruppen den Grenzübergang. Sie kassierten Steuern von der Bevölkerung. Maschinen aus den Fabriken in Girê Spî, landwirtschaftliche Erzeugnisse, alles verkauften sie an die Türkei.

Doch nach kurzer Zeit mischten sich islamistische Organisationen unter die bewaffneten Gruppen. Vor allem Ahrar al-Sham und die Al-Faruq-Brigaden (Kataib al-Faruq) führten diese an. Auch die Al-Nusra-Front machte von sich reden. Als dann aber der IS auftauchte, verschwanden die meisten Gruppen von der Bildfläche. Viele haben sich dem IS angeschlossen. Zu Zeiten des IS war der Grenzübergang zur Türkei geöffnet. Zuvor brachen unter den ‚FSA-Gruppen' von Zeit zu Zeit Kämpfe aus. Doch als der IS kam, gab es keine Kämpfe mehr, denn es gab nur noch den IS."

Sie wollten einen arabisch-kurdischen Konflikt entfachen

Al-Abid berichtet davon, dass auf Befehl der Türkei 2013 eine 21-köpfige Islamistengruppe in Şehba, Minbic, Raqqa und Girê Spî die kurdische Bevölkerung attackierte:

„Auch der IS wollte später, dass der Krieg zwischen den Arabern und den Kurden geführt wird. Einige ließen sich darauf ein. Doch die Bevölkerung aus der Region versuchte diese Spielchen ins Leere laufen zu lassen. Als unter Ahrar al-Sham und dem IS die kurdische Bevölkerung aus Girê Spî vertrieben wurde, haben sie ihr Eigentum uns Arabern überlassen.

Später haben sie Kobanê angegriffen. Auch hier war es ihr grundlegendes Ziel, zwischen den Kurden und den Arabern einen Krieg zu entfachen. Doch in Kobanê sind sie damit gescheitert. Dass die Türkei heute Girê Spî bedroht, ist eine Fortsetzung dieser Politik. Es soll unbedingt ein Keil zwischen unsere Völker getrieben werden.“

Die Emire des IS waren Dauergäste in der Türkei

Zu der Herrschaftszeit des IS in Girê Spî erklärt al-Abid, dass die Emire der islamistischen Organisation problemlos in die Türkei ein- und ausreisten. „Dort konnten sie sich erholen. Einmal hatte ein Bewohner ein Problem, wegen dem er zu dem IS-Verantwortlichen ging. Dieser sagte ihm, dass der Emir in der Türkei sei und bis zu seiner Rückkehr das Problem nicht gelöst werden könne. Das war nicht nur unter der IS-Herrschaft so. Auch die Kommandanten der FSA und al-Nusra blieben über Nacht in der Türkei. Der Grenzübergang war nämlich offen und der Übertritt für diese Leute kein Problem. "

Erdoğan hat Angst vor der Demokratie

Weshalb die Türkei gerade nun ihre Angriffe auf Girê Spî und andere Orte Rojavas verstärkt, erklärt al-Abid wie folgt: „Der IS steht kurz vor einer vernichtenden Niederlage und das wäre für Erdoğan ein herber Rückschlag. Dann kann er nämlich nicht mehr in der Region mitmischen. Seine Interessen sind in ernster Gefahr. Er fürchtet sich sehr vor unserer demokratischen Selbstorganisierung und den demokratischen Kräften überhaupt. Eine Demokratie in der Region ist nicht gewollt. In den Gebieten, die von der Türkei in Syrien besetzt sind, sind Massaker, Vergewaltigungen und Raub Teil des Alltags. In unseren Gebieten ist das nicht der Fall. Deswegen hat Erdoğan Angst und er will auch unsere Gebiete wieder ins Chaos stürzen."

Wir verwalten uns selbst

Zum Schluss seiner Bewertung lädt al-Abid alle Journalistinnen und Journalisten dazu ein, sich die Selbstverwaltung von Girê Spî mit eigenen Augen anzuschauen: „Schaut euch Girê Spî an und seht, was wir hier aufgebaut haben. Hier gibt es eine andere Form der Selbstverwaltung. Diese Erfahrungen sollten alle vor Ort selbst anschauen und untersuchen. Wir verwalten uns selbst, ohne dass jemand über uns herrscht. Ich trage die Hoffnung in mir, dass sich dieses Verwaltungsmodell im gesamten Mittleren Osten und den arabischen Ländern ausbreitet und die Völker sich auf Grundlage dieses Beispiels schon bald selbst leiten werden."