12. März 2004 – Aufstand von Qamişlo

Am 12. März 2004 brach in Qamişlo ein Aufstand aus, der schnell auf ganz Rojava übergriff. Er gilt als erster Massenaufstand in Rojava, der den Grundstein für die kurdische Selbstorganisierung und die Revolution vom 19. Juli 2012 legte.

Grundstein der Rojava-Revolution

Am 12. März 2004 brach in Qamişlo ein Aufstand aus, der schnell auf ganz Rojava übergriff. An diesem Tag sollte in der Stadt im Nordosten von Syrien eigentlich nur ein Fußballspiel zwischen der kurdischen Mannschaft Jihad und der arabischen Mannschaft Al-Fatwa aus Deir ez-Zor stattfinden. Doch es sollte ein blutiges Massaker folgen, das vom Geheimdienst des syrischen Baath-Regimes gezielt geplant und initiiert worden war.

Schon im Vorfeld der Partie kam es zu Provokationen seitens arabisch-nationalistischer Fans, die antikurdische Parolen zugunsten des irakischen Diktators Saddam Hussein skandierten, ohne dass die Polizei eingriff. Beim Betreten des Fußballstadions wurden die Fans von Jihad dann auf Waffen durchsucht, nicht aber die Fans von Al-Fatwa. Im Fußballstation selbst fuhren die Gäste aus Deir ez-Zor fort, Parolen wie „Lang lebe Saddam Hussein” und „Wir geben unser Blut für Saddam Hussein” zu rufen und Kurd:innen als „Verräter” zu beschimpfen. Außerdem wurden Bilder von Saddam Hussein gezeigt. Kurdische Fans reagierten mit dem Ruf „Lang lebe Kurdistan”.


Dutzende Tote, über tausend Verletzte, Verhaftete und Verschwundene

Als die Stimmung kippte und es schließlich zu Ausschreitungen kam, griffen die Sicherheitskräfte des Regimes gemeinsam mit den arabischen Fans die Kurd:innen im Stadion an. Die Anhänger von Al-Fatwa hatten Steine und Eisenketten mitgebracht, versteckt in ihren Teekannen. Die Bilanz dieses ersten Angriffs: Vier Tote und zahlreiche Verletzte. Die Ausschreitungen weiteten sich schließlich auf die gesamte Stadt aus. Denn trotz einer am Abend über Qamişlo verhängten Ausgangssperre gingen zehntausende Menschen auf die Straße, syrische Fahnen wurden verbrannt, mehrere Statuen des früheren syrischen Präsidenten Hafiz al-Assad zerstört. Die Sicherheitszentrale der Polizei, das Gebäude des syrischen Geheimdienstes sowie der Sitz des Landrates wurden in Brand gesetzt. Bei diesen Demonstrationen wurden mindestens 30 weitere Kurd:innen getötet, mehr als tausend Menschen wurden verletzt und über 2.500 verhaftet. Viele der Festgenommenen tauchten nie wieder auf.

Gezielte Provokation des syrischen Geheimdienstes

Unter den Soldaten des Baath-Regimes, die mit scharfer Munition in die Menschenmenge geschossen hatten, war auch der damalige Gouverneur von Hesekê. Damaskus verbreitete die Theorie, es habe sich um eine „spontane Aktion“ der arabischen Fans gehandelt. Dagegen sprach Einiges, unter anderem die massive Bewaffnung der Al-Fatwa-Fans sowie das Vorhandensein von Saddam-Bildern. Auch die ab Ende 2002 angesichts des sich abzeichnenden Regimewechsels im Irak aufkommenden kurdischen Proteste – beispielsweise eine Demonstration vor dem syrischen Parlament in Damaskus im Dezember 2002 und eine große Aktion am 25. Juni 2003 vor dem Hauptgebäude von UNICEF ebenfalls in Damaskus – sprachen für die Annahme, dass es sich bei dem Massaker von Qamişlo um eine gezielte Provokation des syrischen Geheimdienstes respektive der Baath-Partei gehandelt hat.

Aufstand legte Grundstein für Revolution von Rojava

Der Aufstand von Qamişlo hatte auch andere Teile Rojavas erfasst und breitete sich sogar bis Aleppo und Damaskus aus. In jenen Tagen nach dem Massaker fasste die kurdische Bevölkerung den Beschluss, sich fortan umfassend klandestin zu organisieren, um jeden weiteren Angriff des Regimes abwehren zu können. Diese Selbstorganisierung legte den Grundstein für die Revolution von Rojava, die knapp acht Jahre später losbrechen sollte, und das Fundament der Geschwisterlichkeit der Völker und ihres gemeinsamen Kampfes gegen ein Regime, das Feindschaft und Ausgrenzung schürte und die Menschen spaltete, um den eigenen Machterhalt zu garantieren. Als erste große Bewegung zur Organisierung der Gesellschaft gilt die Frauenbewegung Kongra Star, die am 15. Januar 2005 unter dem Namen „Yekîtiya Star“ gegründet wurde. Viele ihrer späteren Aktivistinnen und Gründungsmitglieder waren im Schatten des Massakers in Qamişlo vom Baath-Regime verfolgt worden, zahlreiche kurdische Frauen verschwanden in den Folterzentren des syrischen Geheimdienstes.