Samstagsmütter: Gerechtigkeit für Ferhat Tepe

Bei ihrer virtuellen Mahnwache gegen das „Verschwindenlassen“ in Gewahrsam hat die Initiative der Samstagsmütter das Schicksal von Ferhat Tepe thematisiert. Der kurdische Journalist war erst 19, als er von Paramilitärs zu Tode gefoltert wurde.

Ferhat Tepe war gerade 19 Jahre alt, als er am 28. Juli 1993 von der türkischen Konterguerilla im Stadtzentrum von Bedlîs (türk. Bitlis) in Nordkurdistan verschleppt wurde. Seit wenigen Monaten arbeitete er als Korrespondent für die mittlerweile verbotene Tageszeitung Özgür Gündem („Freie Tagesordnung”), die als erste ihrer Art die kurdische Frage in der Türkei thematisierte. Tepes Vater İshak, der zum damaligen Zeitpunkt Vorsitzender des Provinzverbands der DEP (Demokratiepartei, 1994 verboten) war, erhielt am Tag der Entführung seines Sohnes einen Anruf von einem Mann, der sich als Angehöriger der „Türkischen Rache-Brigade“ vorstellte. Er forderte die Schließung aller Parteibüros der DEP und eine Milliarde Türkische Lira Lösegeld für den Ferhat Tepe. Der Anrufer wurde von İshak Tepe als Korkmaz Tağma, Brigade-Kommandeur beim türkischen Militär, identifiziert. Am 4. August wurde die Leiche des schwer gefolterten Ferhat Tepe am Ufer des Hazar-Sees im knapp 350 Kilometer entfernten Xarpêt (Elazığ) aufgefunden. Die Nachricht seines Todes kam am selben Tag wie die Zulassung zum Journalistik-Studium, wie seine Mutter Zübeyde Tepe später in einem Interview erzählte.

Auch Tepe-Anwalt Şevket Epözdemir ermordet

Nach Augenzeugenberichten wurde Ferhat Tepe mindestens einige Tage lang in der Provinzkommandantur der Militärpolizei in Amed (Diyarbakir) festgehalten. Vier Monate nach seinem gewaltsamen Tod wurde auch sein Anwalt Şevket Epözdemir, Vorsitzender der DEP sowie des Menschenrechtsvereins IHD im Bezirk Tetwan, entführt. Zuvor war der Jurist von staatlichen Kräften immer wieder dazu genötigt worden, sein Mandat niederzulegen. Am 26. November 1993 fand man in Bedlîs seine Leiche. Epözdemir war mit einem Kopfschuss hingerichtet worden. Weder in seinem noch in Tepes Fall wurden Verantwortliche gefunden. Im Jahr 2003 verurteilte der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) die Türkei aufgrund der mangelhaften strafrechtlichen Untersuchungen im staatlichen Mord an Tepe und sprach seinen Angehörigen Entschädigungszahlungen zu.

Mutter von Tepe bei den Samstagsmüttern

Ferhat Tepes Mutter Zübeyde engagierte sich später bei den Istanbuler Samstagsmüttern, wo Frauen seit 1995 analog zu den argentinischen „Madres de la Plaza de Mayo” Woche für Woche in Sit-Ins mit Bildern ihrer Angehörigen gegen deren „Verschwindenlassen“ protestierten und Aufklärung über deren Verbleib forderten. Am 25. August 2018 jedoch löste die Polizei den friedlichen Protest der Frauen mit Tränengas, Plastikgeschossen und Wasserwerfern auf. An diesem Tag fand die Mahnwache der Initiative zum 700. Mal statt. Zahlreiche Teilnehmende, darunter auch ältere Angehörige von Menschen, die dem Verschwindenlassen zum Opfer gefallen sind, wurden misshandelt. Zusätzlich nahm die Polizei 47 Menschen vorübergehend fest. Seitdem verhinderten die türkischen Behörden die Versammlungen der Samstagsmütter auf dem angestammten Galatasaray-Platz in der Istanbuler Fußgängerzone Istiklal Caddesi. Stattdessen kamen die Frauen jeden Samstag vor der Zweigstelle des Menschenrechtsvereins IHD in der kleinen Seitenstraße Çukur Çeşme zusammen, um nach dem Verbleib der Vermissten zu fragen – bis zur Corona-Pandemie. Seit Ausbruch der Viruserkrankung finden die Aktionen virtuell statt.

Zübeyde Tepe: Wir werden den Galatasaray-Platz nicht aufgeben

Bei der heutigen 802. Aktion forderten Ferhat Tepes Eltern und seine Schwester Ayşe Tepe Doğan erneut die Bestrafung der Mörder. Zübeyde Tepe hob hervor, dass Korkmaz Tağma, der nach seiner „Karriere” beim türkischen Militär als Kolumnist für die von Fethullah Gülen gegründete und inzwischen verboetene Zeitung Zaman („Die Zeit”) arbeitete, nach wie vor ein Leben in Freiheit genießt. „Er ist der Mörder meines Sohnes. Er ist verantwortlich dafür, dass unsere Kinder verschleppt und getötet wurden. Als eine Samstagsmutter stelle ich mit Nachdruck klar: Wir werden den Galatasaray-Platz nicht aufgeben. Es ist der Ort unserer Kinder, an dem unser Widerstand für sie weitergehen wird.”

Repression gegen Özgür Gündem

Repressionen gegen Medien, von Verhaftung über Verschleppung bis hin zu Mord von Journalistinnen und Journalisten haben in der Türkei eine lange Tradition. Insbesondere kurdische Medien und Medienschaffende, vor allem Özgür Gündem und ihre Nachfolgerinnen sind davon betroffen. Allein acht ihrer Korrespondenten und 19 Verteiler wurden zwischen dem 30. Mai 1992 und April 1994 ermordet. Im Dezember 1994 wurden die Redaktionsräume in Istanbul und Ankara auf Befehl der damaligen Ministerpräsidentin Tansu Çiller in die Luft gesprengt. Dennoch gelang es den Mitarbeiter*innen, eine Ausgabe mit der Schlagzeile „Dieses Feuer wird euch auch verbrennen!“ herauszubringen. In 20 Jahren wurden insgesamt 76 Mitarbeiter*innen der Zeitung umgebracht.