Vor 22 Jahren verschwunden: Er wollte nur ein Ticket kaufen

In der Türkei „verschwinden“ Menschen vor allem aus politischen Gründen. Wie der Fall von Recep Buttanri aus Amed zeigt, steht manchmal auch schlichte Habgier der Sicherheitskräfte dahinter. Buttanri wird seit 22 Jahren vermisst.

„Verschwundene finden, Täter bestrafen!“ - Mit dieser Forderung sind Angehörige von „Verschwundenen“ und das Büro des Menschenrechtsvereins in Amed (tr. Diyarbakir) zum 622. Mal an die Öffentlichkeit getreten, um Aufklärung über das Schicksal von vermissten Personen zu verlangen. Corona-bedingt fand die Aktion online statt.

Thematisiert wurde heute der Verbleib von Recep Buttanri, der seit dem 3. April 1999 vermisst wird. Wie der IHD-Vertreter Yakup Güven ausführte, sind in den vergangenen dreißig Jahren Tausende Menschen in den nordkurdischen Provinzen extralegalen Hinrichtungen zum Opfer gefallen. Viele Leichen sind niemals aufgefunden worden, erklärte der Menschenrechtler: „Viele Menschen, darunter Politiker und Journalisten, sind auf offener Straße hingerichtet worden. Ein Teil der Vermissten ist aus ihren Wohnungen geholt worden, ein weiterer Teil wurde anderweitig festgenommen und ist danach verschwunden.“

 

Recep Buttanri war Wehrpflichtiger in Konya und zum Urlaub nach Hause gekommen. Zum Ende seines Urlaubs ging er zum Busbahnhof in Amed, um ein Ticket für die Rückfahrt nach Konya zu kaufen. Dort verlaufen seine Spuren. Wie Güven weiter schilderte, drangen vier Tage nach seinem Verschwinden drei zivil gekleidete Personen morgens um sechs Uhr in die Familienwohnung ein. Die Familienmitglieder wurden in einen Raum gesperrt, die Eindringlinge durchsuchten das Haus. „Nach Angaben der Familie haben diese Personen vierzig Milliarden Lira, die im Kohlenkeller versteckt waren, und eine registrierte Waffe mitgenommen“, so Yakup Güven.

Buttanris Mutter ging daraufhin zur Bereitschaftspolizei in Amed und gab an, dass es sich bei den Eindringlingen um Polizisten gehandelt habe. Ihr wurden Fotos gezeigt, auf denen sie die Personen identifizieren konnte. „Daraufhin wurden die Polizisten nervös und drängten die Familie gewaltsam aus dem Revier.“

Unterdessen hatten Minderjährige, die auf der Straße verwertbaren Müll einsammelten, der Familie berichtet, dass sie Recep Buttanri in dem Auto gesehen haben, mit dem die drei mutmaßlichen Polizisten zur Familienwohnung bekommen waren. Er soll gefesselt gewesen sein. Die Familie stellte Anzeige bei der Staatsanwaltschaft. „Das Verfahren wurde eingestellt, es wurde so getan, als ob es sich um einen normalen Diebstahl gehandelt hätte. Trotz intensiver Suche der Familie gibt es bis heute keine Spur von Recep Buttanri“, erklärte IHD-Vorstandsmitglied Yakup Güven.