Baumbesetzungen aufgrund akuter Rodungsgefahr

Klimaaktivist:innen besetzen ein Waldstück gegen die geplante Kiesgrubenvergrößerung bei Oberankenreute in Baden-Württemberg. Auch in Ulm wurden Bäume besetzt, um ihre Abholzung zu verhindern.

Am Dienstagmorgen haben Klimaaktivist:innen ein Waldstück gegen die geplante Kiesgrubenvergrößerung bei Oberankenreute in Baden-Württemberg besetzt. Anlass ist, dass für dieses – anders als für das Waldstück, das bereits seit einem Jahr durch Aktivist:innen besetzt ist – akute Rodungsgefahr besteht. Denn noch in dieser Rodungssaison (ab dem 1. März 2022 bis Oktober dürfen aufgrund der Brutzeit keine Bäume gefällt werden) soll das Waldstück gerodet werden. Die Aktivist:innen spannen Hängematten in 4 bis 20 Meter Höhe, bauen ein komplexes Traversennetzwerk und verkünden mit Spruchbannern eine Not-Waldbesetzung. Sie sind mit Schlafsäcken, Baumaterial, Essen, warmer Kleidung und Spruchbannern ausgestattet und verlangen nach einem Gespräch mit dem Landrat und einer Erklärung, weswegen im Zeitalter der Klimakrise immer noch Wälder gerodet werden. „Die Rodungssaison geht nur noch genau eine Woche. Im Alti haben wir sogar den Winter überdauert. Wir werden dem Wald bis Oktober Zeit verschaffen, und im Oktober wird bereits ein ganz anderer politischer Wind wehen!", so Aktivist Samuel Bosch aus Schlier.

Nach Aussage der Aktivist:innen behaupten die Kiesfirmen immer wieder, lediglich die Nachfrage nach Kies aus der Region zu bedienen. „Tatsächlich blieb die Nachfrage in den letzten Jahren trotz Bauboom aber deutlich hinter den Erwartungen zurück. Tullius vergrößert die Kiesgrube trotz ausbleibender Nachfrage. Dem Konzern geht es nur darum, Profitrechte für die nächsten Jahrzehnte auf Kosten der Umwelt zu sichern. Das ist ein Skandal!" so Anwohner Martin Lang aus Oberankenreute Laut Recherchen von SPD und des Altdorfer Wald e.V. wird der Kies zu substanziellen Teilen in die Schweiz und nach Österreich exportiert, wo Umweltauflagen den Kiesabbau im Vergleich zu Baden-Württemberg unrentabler machen.

„Wir haben Angst um das Grundwasser, die Luftqualität und das Weltklima", so Kletteraktivist Samuel Bosch. „Wir werden nicht locker lassen, bis das Thema Kiesabbau auf das ökologisch notwendige Maß reduziert ist", ergänzt er. Dabei lässt er das Argument des Landratsamts zur Genehmigung der vergleichsweise kleinen Kiesgrubenerweiterung nicht gelten: „Wir sehen doch in den Gruben Grenis und Molpertshaus, dass stets mit kleinen Gruben begonnen wird und Schritt für Schritt weitere Vergrößerungen beantragt und genehmigt werden. Damit wird die Öffentlichkeit hintergangen, denn die großen Gruben sind von Anfang das Ziel."

Das Landratsamt gibt an, auf Grundlage eines zwar hauchdünnen, aber positiven Beschlusses der Gemeinde Schlier entschieden zu haben. Jedoch ist sich der Gemeinderat Schlier sicher, dass das Landratsamlt sowieso die Abbaugenehmigung beschlossen hätte. Deswegen vermutet auch Gemeinderatsmitglieder eine strategische Manipulation der Öffentlichkeit und enthielt sich aus Protest der Abstimmung. Insgesamt ist der Gemeindebeschluss zur neuen Kiesgrube mit sieben Ja und sechs Enthaltungen denkbar knapp ausgegangen. „Das zeigt, dass der ehemals große regionale Rückhalt des Kiesabbaus schwindet,“ fügt Kletteraktivist:in Charlie Kiehne aus Ulm hinzu.

Bäume am Klinikum in Ulm besetzt

Am Montagmorgen haben junge Menschen Bäume in einem Waldstück neben der Uniklinik in Ulm besetzt. Sie protestieren damit gegen die von der Stadt geplante Rodung der 150-jährigen Eichen.

Die Bäume sollen für ein provisorisches Bettenlager der Klinik weichen. Die Stadt hatte zuvor alle alternativen Bauvorschläge der Klinik, etwa den auf der hauseigenen Parkplatzfläche, abgelehnt.

Am Samstagabend entdeckten die jungen Ulmer:innen Markierungen an den Bäumen, die auf die Fällung hindeuten. Die Stadt, die die Entscheidung ohne vorherige Information der Öffentlichkeit getroffen hatte, so die Befürchtung, schafft somit Fakten und fällt die über 150 Jahre alten Eichen bevor sich ein demokratischer Diskurs in Stadtrat und Bevölkerung entwickeln kann. Denn es gab bereits zahlreiche Kritik an dem Vorhaben, wobei sich kritische Stimmen im Stadtrat fraktionsübergreifend von Grünen bis CDU/UfA stark verwundert zeigten.

„Wir haben uns schon geärgert, dass in Zeiten der Klimakrise die 150 Jahre alten Eichen gefällt werden, nur damit ein Containerbau nicht ein paar Parkplätze blockiert. Als wir aber die Fäll-Markierungen gesehen haben und damit klar wurde, dass die Stadt gar keinen kritischen Diskurs zulassen möchte, da sind wir wirklich stinksauer geworden und haben sofort entschieden: Wir besetzen diesen Wald und verhindern die Rodung", erklärt die Ulmer Kletterin Charlie Kiehne den spontanen Protest.

Und so hat sich am Sonntagabend eine Gruppe auf den Weg in den Wald gemacht. Zu Hause gebliebene Freund:innen entwarfen derweil eine provisorische Website, die auf ulmer-uniwald-bleibt.de erreichbar ist.

Die jungen Erwachsenen und Jugendlichen kletterten mit ihren Klettergurten die Bäume hoch, hievten an selbst gebauten Seilzügen das Baumaterial in 4–15 Meter Höhe und begannen provisorische Plattformen an den Bäumen zu befestigen. Dabei schlagen Sie keine Nägel in die Bäume; alles hält an Balken, die baumschonend mit besonderem Seil an die Bäume gebunden werden.

Neben dem undemokratischen Verhalten der Stadtverwaltung bewegt die jungen Menschen vor allem die Angst vor der Klimakrise. Kiehne sieht auch die Stadt Ulm in der Verantwortung: „Die Stadt versteht nicht, dass wir mit Vollgas in die größte Katastrophe der Menschheit steuern. Da können wir nicht einfach unseren engsten Verbündeten, die Natur, weiter schwächen. Wir schießen uns damit nur ins eigene Bein!"

Die Aktivist:innen geben an, solange auszuharren, bis die Stadt eine der früheren baumschonenden Alternativplanungen wieder aufgreift. Sie haben sich mit Schlafsäcken, regensicheren Planen und Decken ausgestattet um aller Witterung zu trotzen. Auch vor einer Räumung durch die Polizei haben sie keine Angst. „Wir sind eine Versammlung nach dem Grundgesetz und demonstrieren hier für das Wohl der Allgemeinheit. Das ist unser Recht und als Bürger dieser Erde auch unsere Pflicht", erklärt Kiehne.

Titelbild: Mit Baumbesetzungen protestieren Klimaaktivist:innen gegen die Rodung eines Waldstückes an der Uniklinik in Ulm.