Kriegsverbrechen: Zwei Menschen aus Efrîn zu Tode gefoltert

Wieder sind in der türkischen Besatzungszone in Nordwestsyrien verschleppte Zivilist:innen aus Efrîn in Haft zu Tode gefoltert worden. Bei den Opfern handelt es sich um eine 64 Jahre alte Frau sowie einen 35-jährigen Mann.

Im besetzten Efrîn sind erneut kurdische Zivilist:innen in Gefängnissen der Invasionstruppen zu Tode gefoltert worden. Das konnte die „Menschenrechtsorganisation Efrîn” dokumentieren. Bei den Opfern handelt es sich um die 64-jährige Moulida Noman und den 35 Jahre alten Kawa Omar. Wie der Sprecher der Organisation, Ibrahim Şexo, gegenüber ANF äußerte, starb Noman am vergangenen Sonntag im Gefängnis Al-Rai. Die Frau lebte bis zu ihrer Entführung im April 2019 durch die Türkei-treue dschihadistische Miliz „Furqat al-Hamza“ (auch als „Hamza-Brigade“ bekannt) in einem Dorf im Kreis Cindirês.

Begründet wurde ihre Haft mit angeblichen Verbindungen zur Selbstverwaltung. Fast ein Jahr lang war ihr Aufenthaltsort unbekannt. Nur durch einen Zufall erfuhren die Angehörigen von Moulida Noman, dass sie im Gefängnis Al-Rai inhaftiert ist, das von syrisch-turkmenischen Söldnern unter Aufsicht des türkischen Geheimdienstes MIT betrieben wird. „Diese Frau starb an den Folgen der brutalen Folter, der sie durch ihre rücksichtslosen Peiniger ausgesetzt war”, sagt Şexo. Den Familienangehörigen sei von Furqat al-Hamza mitgeteilt worden, Noman habe im Gefängnis einen tödlichen Herzinfarkt erlitten.  

Kawa Omar war Lehrer und stammte aus dem Dorf Dargir in Mabeta. Er wurde im August 2018 zusammen mit seiner damals 27-jährigen Ehefrau Rokan Manla Mohammad (in Medien oftmals auch Rokan Munla), seinem Schwager, Schwiegervater sowie einem weiteren Verwandten verschleppt – ebenfalls von der Hamza-Brigade. Omar und die drei Männer kamen in das Al-Zira-Gefängnis in der Stadt Bab, Rokan Manla Mohammad brachten die Islamisten in ihren Stützpunkt in Zentral-Efrîn, dessen Untergeschoss als Folterkeller betrieben wird. Sie ist eine von elf Frauen, die im Mai vergangenen Jahres auf Videoaufnahmen identifiziert werden konnten, die nach einer Auseinandersetzung zwischen der Hamza-Brigade und „Ahrar al-Sham“ im Internet auftauchten. Die Videos zeigen unter anderem die Evakuierung der verschleppten Frauen, eine von ihnen trägt ein Kleinkind in einem Tragetuch auf dem Rücken: Rokan Manla Mohammad. Sie war im zweiten Monat schwanger, als sie entführt wurde.

Moulida Noman (l.) und Kawa Omar

Von der Folter an ihrem Mann Kawa Omar hatte erst vergangene Woche ein kürzlich aus der Haft in Al-Zira entlassener Mitgefangener in einem Interview mit der Agentur ANHA berichtet. „Sie gaben uns Stromschläge und rissen unsere Fingernägel heraus. Sie steckten Nadeln unter unsere Fingernägel. Sie ließen uns hungern. Sie warfen uns manchmal etwas trockenes Brot oder ein paar Oliven zu. Alle Verhöre fanden unter Aufsicht des MIT statt. Sie hängten mich einen Monat lang immer wieder mit dem Kopf nach unten auf. Sie schlugen mit Knüppeln. Sie verweigerten uns, uns waschen zu können. Einige Monate lang konnten wir uns nur einmal im Monat mit Wasser waschen. Die Gefangenen waren alle verlaust. Die Mehrheit von ihnen starb aufgrund ansteckender Krankheiten”, schilderte I.H. und warf damit ein deutliches Licht auf die verheerende Situation in der türkischen Besatzungszone im Nordwesten von Syrien. Über seine Begegnung mit Kawa Omar äußerte I.H.: „Sie haben ihn schwer gefoltert. Sie haben auch nicht zugelassen, dass er medizinisch versorgt wird. Die Kurden wurden ständig beschimpft. Sie wollten, dass die Menschen langsam durch die Folter sterben. Manche Gefangene ertrugen die Folter nicht und nahmen sich das Leben.“

Ibrahim Şexo von der Menschenrechtsorganisation Efrîn seien weitere Todesfälle von verschleppten Zivilist:innen in Gefängnissen des Besatzungsregimes bekannt. „I.H. berichtete auch vom Foltertod eines Mannes namens Mihemed Umer. Den Fall konnten wir bislang noch nicht bestätigen. Mesud Yusif, der aus dem Dorf Moseka in Raco entführt und eingesperrt wurde, soll an den Folgen von verunreinigtem Trinkwasser gestorben sein. Das Wasser sei ihm gewaltsam eingeflößt worden. Wir wissen nicht, womit es verunreinigt wurde.“  

Die systematischen Kriegsverbrechen des türkischen Staates und seiner Verbündeten in Efrîn seit der Invasion im Januar 2018 und der darauf folgenden Besatzung zwei Monate später sind auch von internationalen Institutionen dokumentiert worden. Unter anderem eine unabhängige Untersuchungskommission der Vereinten Nationen machte in Berichten auf willkürliche Festnahmen, Entführungen, Menschenhandel, Folter, Übergriffe, Korruption und Plünderungen in der ehemals friedlichsten Region ganz Syriens aufmerksam. Dennoch wird die Besatzung Efrîns und anderer Gebiete in Rojava von der internationalen Gemeinschaft gedultet.