Zuerst sollen die Journalisten zum Schweigen gebracht werden

Die Journalistin Kibriye Evren wurde in Amed verhaftet, nachdem ihre Tür aufgebrochen und sie misshandelt wurde. „Zuerst sollen die Journalisten zum Schweigen gebracht werden, damit die ganze Gesellschaft schweigt“, sagt sie.

Die Journalistin Kibriye Evren ist im Rahmen der Repressionswelle gegen die kurdische Opposition am 9. Oktober in Amed (Diyarbakir) mit 140 weiteren Personen festgenommen und anschließend verhaftet worden. Ihre Anwälten hat sie im Gefängnis von Amed von der Hausdurchsuchung, ihrer Festnahme und der dahinter stehenden Absicht berichtet.

„Nachts um ein Uhr wurde die Tür der Wohnung aufgebrochen, in der ich mich aufhielt. Maskierte Sondereinheiten stürmten schreiend herein. Sie richteten ihre Waffen auf uns und warfen uns auf den Boden. Mit der Waffe an unseren Köpfen traten sie auf unseren Rücken. Die anderen durchsuchten die Wohnung und meldeten, dass es ‚sauber‘ sei. Dann gingen sie hinaus und Zivilpolizisten kamen herein. Alle Zimmer wurden durchsucht und dabei verwüstet. Meine beiden Laptops, die ich für meine Arbeit verwende, sowie mein Telefon und Bücher wurden beschlagnahmt. Eine Polizistin holte mich ins Nebenzimmer und zwang mich dazu, mich nackt durchsuchen zu lassen. Bei der Durchsuchung wurden Nachbarn als Zeugen hinzugezogen, aber es waren nur Männer. Bei meiner körperlichen Durchsuchung war keine Zeugin dabei.“

Akte unter Geheimhaltung

Kibriye Evren wurde festgenommen und in Handschellen auf dem Rücken zur Gesundheitskontrolle ins Krankenhaus gebracht. „Obwohl ich dem Arzt sagte, dass die Polizisten auf meinen Rücken getreten waren, attestierte er keine Gewalteinwirkung. Er war nicht anders als die Polizisten. Auf der Polizeistation wurde ich ein zweites Mal nackt durchsucht. Nach drei Tagen in Polizeigewahrsam wurde ich am vierten Tag der Staatsanwaltschaft vorgeführt.“

Da die Ermittlungsakte unter Geheimhaltung stehe, wisse sie selbst nicht, was ihr vorgeworfen werde, erklärte die Journalisten gegenüber ihren Anwälten. „Bei der Staatsanwaltschaft wollte ich mich auf Kurdisch äußern, deshalb wurde ich ohne Anhörung direkt zum Haftrichter gebracht. Dort erfuhr ich, dass gegen mich Aussagen von drei verdeckten Zeugen vorliegen.“

Justiz als Mittel der Einschüchterung

Wie auch in der Vergangenheit sei es heute in der Türkei sehr schwer, als freie Journalistin zu arbeiten, sagte Kibriye Evren: „Mir ist klar, dass ich wie alle anderen verhafteten Journalistinnen und Journalisten auch aufgrund meiner beruflichen Tätigkeit im Gefängnis bin. Die Regierung deklariert alle, die anders sind, nicht wie sie denken und sich nicht anpassen, als Terroristen und setzt ihren Gewaltapparat ein, um sie zum Schweigen zu bringen. Mit den Verhaftungen sollen die Journalisten zum Schweigen gebracht und alle, die sich noch in Freiheit befinden, eingeschüchtert und an ihrer Arbeit gehindert werden. In türkischen Gefängnissen befinden sich Dutzende Journalisten, deren einziges Verbrechen es ist, die Wahrheit berichtet zu haben. Es geht nicht um individuelle Anschuldigungen. Die ganze Gesellschaft soll zum Schweigen gebracht werden und die Justiz macht sich zum Mittel dieser Unterdrückungspolitik.“

Schweigen die Journalisten, schweigt die ganze Gesellschaft

„Der Staat verlangt von uns, dass wir nichts hören, nichts sehen und nichts sagen. Medienschaffende sind jedoch das Gewissen der Gesellschaft. Wenn sie nicht über die Wahrheit berichten, dienen sie nicht der Gesellschaft, sondern den Herrschenden. Freier und objektiver Journalismus hat nur Bedeutung, wenn damit die Wahrheit ans Licht gebracht wird. Er hat eine Verantwortung der Gesellschaft gegenüber. Deshalb sollen mit der ganzen Repression zunächst die Journalisten zum Schweigen gebracht werden.“