Die Kräfte in Idlib und ihre Widersprüche

Idlib stellt einen den Knotenpunkt in dem seit neun Jahren andauernden Konfliktgeflecht des Syrienkriegs an. Die Frage ist, wie dieser Knoten gelöst werden kann.

Durch die Abkommen zwischen Russland und der Türkei, Russland und dem Iran sowie der Türkei und dem Iran hat sich die Lage in Idlib zu einem nur schwer entwirrbaren Knoten entwickelt.

Die Rolle von Idlib

Idlib ist nach Abkommen zwischen der Türkei und Russland zu Dscharablus, al-Bab, Azaz, Exterin, Meryemîn und zuletzt Efrîn zum Sammelpunkt von Dschihadisten aus Homs, Hama, Quneytra, Quseyr, Dara und vielen anderen Orten Syriens geworden.

Bei den von Russland, der Türkei und dem Iran organisierten Treffen von Sotschi und Astana wurde ein von den drei Mächten garantiertes Waffenstillstandsgebiet ausgerufen. Russland verlangt nun den Abzug der Dschihadistengruppen aus ganz Syrien von der Türkei. Allerdings befinden sich im Moment nicht nur Dschihadisten in Idlib. Russland hatte gegen den Abzug der Dschihadisten aus Latakia, Tartus und Jisr al-Shugur nach Idlib die Besetzung von Efrîn zugelassen. Außerdem schickte die Türkei militärische Kräfte nach Idlib und richtete zwölf Beobachtungspunkte ein.  

Russland wollte so seine Basis zwischen Latakia und Tartus sichern, dem Regime Kontrolle über Damaskus, Latakia, Tartus, Jisr al-Shugar verschaffen und mit Hama, Homs, Dara, Quneytra, Quseyr und Tadmur zeigen, dass das Regime einen Großteil Syriens beherrscht. Russland hat immer wieder klar gemacht, dass auch Idlib dieses Schicksal erfahren würde. Jetzt möchte Russland, dass die Türkei die von ihr dort versammelten Dschihadisten aus Idlib abzieht. Wenn die Dschihadisten nicht abgezogen werden, dann bedeutet dies, dass der Küstenstreifen und die als Zentren des Regimes bekannten Orte Latakia, Tartus, Jisr al-Shugur sowie Städte wie Hama und Homs und die russische Basis Hmeimim immer in Gefahr sein werden. Deswegen will Russland den Abzug aus Idlib auf die eine oder die andere Weise durchsetzen.

Das taktische Spiel der Türkei

Die Türkei hat von Anfang an in Syrien taktiert. Zuerst hat sie mit der indirekten Unterstützung der USA und der westlichen Mächte die Dschihadisten unterstützt und darauf abgezielt, das syrische Regime alleine zu vernichten und an dessen Stelle durch die Milizen herrschen. Als die Banden unter der Kontrolle der Türkei scheiterten, führte die Türkei al-Nusra und und danach Strukturen wie den IS ins Feld.

Als der IS nach den Muslimbrüdern und den Al-Qaida-Gruppen auftauchte, begannen die Schwierigkeiten zwischen den USA, den westlichen Mächten und der Türkei. So wollte die Türkei das von den Muslimbrüdern beherrschte Territorium von Tunesien, Libyen und Ägypten mit Syrien vervollständigen. Daher begann der Westen eine Politik zu verfolgen, welche die Türkei an der Verwirklichung ihrer Ziele hindern sollte. Denn eine Durchsetzung dieser Strategie durch die Türkei hätte die Region für die USA und die westlichen Mächte verschlossen.

Gleichzeitig kam es zu einem heftigen Konflikt zwischen der Türkei und Russland, der zum offenen Krieg zu eskalieren drohte. Die Türkei wandte sich dennoch in Richtung Russland und bezog anschließend auch den Iran mit ein. Die Türkei gab dafür gegenüber Russland ihre Pläne für einen großen Teil Syriens auf und beschränkte sich auf Ostsyrien. Ihr Ziel war es, das in der Region aufgebaute System zu zerschlagen und die Region zu besetzen. Zu diesem Plan gehörte, dass die Türkei mit der Erlaubnis Russlands in Dscharablus, dann in Bab, Azaz, Exterin und schließlich in Efrîn einmarschierte. Dafür musste sie die Milizen aus Aleppo, Hama, Homs, Latakya, Dara, Tartus, Quneytra, Quseyr und Damaskus abziehen. Die Milizen wurden nach Idlib gebracht. Der Versuch der Türkei, den mit Russland vereinbarten Plan umzusetzen, führte zu ökonomischen Abkommen und der Unterzeichnung des Vertrags über die Lieferung des S-400-Raketenabwehrsystems. Durch diese Taktik lieferte sich die Türkei Moskau aus und es begannen die Probleme der Türkei mit ihren NATO-Bündnispartnern.

Russland versuchte eine gemeinsame Front mit dem Iran gegen die USA in der Region zu bilden und die Türkei als einen Teil dieses Blocks darzustellen. Während Russland einerseits diese Linie verfolgte, schloss Moskau in Syrien ein Abkommen mit Israel gegen den Iran. Dieses Abkommen richtete sich gleichzeitig gegen die Türkei.

Während die Türkei einen Annäherungskurs gegenüber Moskau verfolgte, gingen die Beziehungen zu den USA ebenso weiter. Es fanden gemeinsame Planungen zu einem Vorgehen gegen den Iran von Südkurdistan aus statt. Die Türkei verfolgte eine Appeasement-Politik sowohl gegenüber Moskau als auch gegen Washington.

Die Türkei hatte natürlich auch ihre eigenen Pläne mit ihren Dschihadisten in Idlib. Über die zwölf eingerichteten Beobachtungsposten wurden die Dschihadisten pausenlos mit schweren Waffen versorgt. Außerdem hat der MIT sich in der Gegend organsiert und eigene Gruppen aufgebaut. Im Abkommen mit Russland war eigentlich vorgesehen, die Dschihadisten aus Idlib abzuziehen und diese in verschiedene besetzte Gebiete in Rojava umzuleiten.

Irans Position zu Idlib

Russland dachte in diesem Kontext vor allem an Tell Rifat und Şehba. Deswegen hat sich Russland vor zwei Monaten aus Şehba zurückgezogen. Die Türkei begann daraufhin die Dörfer Merenaz und Malikiya anzugreifen. Eigentliches Ziel dieser Angriffe waren Şehba und Tell Rifat.

Der dritte Partner Iran stellte sich diesen Angriffen entgegen. Der Iran betrachtete diese Angriffe als Beginn einer gemeinsamen Offensive der USA und Israels gegen Teheran. Die USA, Russland und die Türkei hatten sich über dieses Thema bereits verständigt. Der US-amerikanische Syrien-Sondergesandte James Jeffrey hatte auf einem Treffen mit Russland gefordert, dass Russland und die Türkei im Rahmen der Abkommen über Idlib zu der US-Politik gegenüber dem Iran schweigen sollte. Als Iran sich gegen diese Offensive stellte, zog Russland seine Erlaubnis zurück und die Türkei stoppte die Attacke. Daraufhin errichtete Russland erneut eine Basis in Tell Rifat.

Die Taktik hinter der Taktik

Die drei selbsternannten Garantiemächte Russland, Türkei und Iran stellen sich zwar einhellig dar, sind jedoch von tiefen Widersprüchen zerrissen. Russland hat immer die Politik verfolgt, die Türkei gegen den Iran und den Iran gegen die Türkei auszuspielen. Der Iran ist sich des gegen ihn stattfindenden Taktierens bewusst und geht sehr vorsichtig vor. Während die Türkei die Kurden durch Rojava und Şehba zu vernichten sucht, richtet sie sich im Hintergrund auch gegen den Iran. So hat sie versucht, den Einfluss des Iran in der Umgebung von Aleppo zu neutralisieren. Sie rechnete damit nach der Neutralisierung des Einflusses des Irans und Aleppos, diesen auch in der Umgebung von Hama, Homs und Damaskus auszuschalten.

Idlib als Spielball

Während Russland mit der Türkei gegen den Iran taktierte, versuchte Russland gleichzeitig in Idlib mit dem Iran zusammen gegen die Türkei vorzugehen. Russland wollte, dass der Iran und die libanesische Hisbollah an der seit dem letzten Monat vom syrischen Regime begonnenen Offensive auf Idlib teilnehmen. Nur beteiligte sich der Iran wegen der Verabredungen Russlands mit den USA und der Türkei gegen ihn nicht an der Offensive auf Idlib. Da sich der Iran nicht beteiligte, konnten Russland und das Regime keine großen Fortschritte in Idlib verzeichnen. Russland und das Regime erlitten schwere Verluste. Bisher wurden fast 40 russische Soldaten bei der Idlib-Operation getötet. Zwanzig weitere Soldaten gerieten bei Hama in Gefangenschaft dschihadistischer Milizen. Auch wenn Russland und das Regime bei der Idlib-Operation etwas vorrücken konnten, wurde die Operation aufgrund der Verluste nur noch auf dem Papier weitergeführt. Die Operationen an der Front sind faktisch eingestellt. Russland versucht aber durch Luftschläge den Eindruck zu erwecken, sie dauerten an.

Die Türkei gegen Russland

So sehr auch die Türkei gegen die USA wettert und mit Russland in Syrien kooperiert, wenn sie sich in die Ecke gedrängt sieht, stellt sie sich als US-Alliierte und NATO-Mitglied dar und versucht so der Notlage zu entkommen. Deswegen brachte sie die in Idlib getöteten Zivilisten auf die Tagesordnung der NATO. Die NATO hier einzuschalten, war ein offensichtlicher Schachzug gegenüber dem Kreml. Doch die Türkei beschränkte sich nicht darauf, die NATO gegen Russland ins Spiel zu bringen. Sie aktivierte auch ihre Milizen in der Umgebung von Idlib, Hama und Homs. Diese Dschihadisten-Truppen konnten Gebietsgewinne gegenüber dem Regime und Russland machen. Allein im vergangenen Monat wurden über dreißig Dörfer, Gemeinden und Städte zwischen Hama und Homs von den Dschihadisten besetzt. Die Kämpfe haben sich von Idlib mehr in diese Richtung verlagert. Konkret heißt das, während das Regime und Russland gegen Idlib vorgingen, fielen die Dschihadisten dem Regime und Russland in die Flanke.

Da Russland am Boden nicht vorrücken konnte, wurden die Luftangriffe auf Idlib verstärkt. Die Türkei lieferte den Milizen einerseits Waffen und andererseits Russland ihre Koordinaten. Zuletzt wurde einer der türkischen Beobachtungspunkte getroffen. Ob dies aufgrund eines Fehlers der Türkei oder Russlands geschah oder auf eine Einschüchterung Ankaras abzielte, ist noch unklar. Als sich die Türkei wegen des Beschusses beschwerte, erklärte Russland, die Türkei habe selbst die Koordinaten geliefert. Mit der Durchgabe von Koordinaten versucht die Türkei einerseits Russland zu beruhigen und andererseits ihre Verbindungen zu den Dschihadisten verschleiern.

Die S-400-Krise

Die Türkei ging in Syrien unter der Hand gemeinsam mit der NATO in Idlib vor und mobilisierte ihre Milizen in Hama, Homs und Damaskus. Gleichzeitig erklärte Ankara, einen Vertrag über die S-400-Luftabwehrraketen mit Russland geschlossen zu haben. Die Raketen sollen demnach Ende Juli in die Türkei gebracht werden. Mit diesem Signal versucht die Türkei den Eindruck zu erwecken, dass sie gemeinsam mit Russland vorgeht.

Gleichzeitig versucht die Türkei in Südkurdistan Bradost und Xakurkê zu besetzen und erklärt, man bringe sich so gegen den Iran in Stellung. So möchte das AKP-Regime seine durch die S-400-Krise angeschlagenen Beziehungen zu den USA wieder in die Balance bringen. Die Türkei spielt auf diese Weise ein doppeltes Spiel, mit dem sie alle zufriedenzustellen versucht.

Dass die Türkei währenddessen die Kurden umbringt und Kurdistan zu besetzen versucht, ist ebenfalls eine Realität. Es muss klar verstanden werden, dass hinter diesen Machenschaften immer das Ziel steht, gegen die Kurden und den Iran vorzugehen. Die Türkei steht zwischen den USA und Russland. Sie geht gemeinsam mit Russland und inoffiziell auch mit den USA und der NATO vor, sie versucht die Besatzung in Südkurdistan auszuweiten und sich als Gegner des Iran zu präsentieren. So versucht sie dem Dilemma zu entkommen. Das zu erreichen ist schwer, denn ab einem bestimmten Punkt wollen sowohl die USA als auch Russland, dass die Türkei Position bezieht.

Die Kurden haben ebenfalls damit begonnen, ihre Stimme gegen die Besatzung zu erheben. Damit wird auch der Widerstand gegen die Invasion zunehmen. Deshalb wird die Türkei aus dieser multilateralen Taktiererei als am meisten Geschädigte hervorgehen. Dies kann Erdoğan und der AKP die Herrschaft kosten. Dieser Prozess kann durch die Wiederholung der Kommunalwahl in Istanbul am kommenden Sonntag noch weiter beschleunigt werden.