Samstagsmütter fragen nach Cüneyt Aydınlar

Die Samstagsmütter haben vor dem Galatasaray-Gymnasium in Istanbul gegen das Verschwindenlassen in staatlichem Gewahrsam protestiert. Thematisiert wurde das Schicksal von Cüneyt Aydınlar, der 1994 in Istanbul verschwunden ist.

Die Istanbuler Initiative der Samstagsmütter hat bei ihrer 988. Mahnwache gegen das „Verschwindenlassen“ in staatlichem Gewahrsam Aufklärung über das Schicksal von Cüneyt Aydınlar gefordert. Aydınlar studierte im dritten Jahr Wirtschaftswissenschaften an der Universität Istanbul, als er am 20. Februar 1994 im Alter von 22 Jahren an einer Bushaltestelle im Bezirk Bakırköy festgenommen und zur politischen Polizei Gayrettepe gebracht wurde. Das Revier galt damals als berüchtigtes Folterzentrum. Aydınlar wurde dort gemeinsam mit dreizehn weiteren Personen, die im Rahmen derselben Operation in Gewahrsam genommen worden waren, in einer Zelle festgehalten. Erst am 27. Februar wurden die Festnahmen bestätigt.

Zeugen: Cüneyt wurde schwer gefoltert

Einen Tag später wurde die Gruppe an ein Staatssicherheitsgericht (DGM, mittlerweile abgeschafft) überstellt – Cüneyt Aydınlar war nicht darunter. Am 17. März 1994 führte die Gruppe erstmals eine Konsultation mit ihrem Rechtsbeistand. Im Rahmen dieses Gesprächs machte sie öffentlich, dass sich Aydınlar bis zum 2. März 1994 in Gewahrsam befunden habe und schwer gefoltert wurde. So massiv, dass er nicht mehr laufen konnte. Die Polizei behauptete hingegen, der Student sei am 28. Februar 1994 bei einer Ortsbegehung geflohen. Über seinen weiteren Verbleib ist bis heute nichts bekannt.


Mutter Aydınlar: Ich habe das Recht zu erfahren, was meinem Kind widerfahren ist

Die Angehörigen von Aydınlar gehen davon aus, dass der 22-Jährige in Polizeihaft extralegal hingerichtet wurde. Auch der Menschenrechtsverein IHD ist davon überzeugt. „Wir fordern die Regierung auf, die dunklen Kapitel ihrer Vergangenheit aufzuarbeiten, eine Kommission einzusetzen, die das Schicksal der Vermissten restlos aufklärt, und dafür zu sorgen, dass die Verantwortlichen für die schweren Taten, die sie begangen haben, bestraft werden “, sagte Sebla Arcan von der Istanbuler Zweigstelle des IHD. „Dies ist die Pflicht des Staates und wir werden nicht müde, ihn daran zu erinnen.“ Aydınlars Mutter Menekşe Aydınlar ergänzte: „Nach dreißig Jahren in Unwissenheit über das Schicksal meines Kindes muss ich endlich wissen, was ihm widerfahren ist, bevor ich sterbe. Das ist mein Recht.“

Eren Keskin brachte Fall vor Gericht

Im Fall von Cüneyt Aydınlar hatte Eren Keskin, die Ko-Vorsitzende des IHD ist, jahrelang nichts unversucht gelassen, das Schicksal des jungen Mannes aufzuklären. Sie vertrat die Familie als Nebenklageanwältin und hatte auf der Suche nach Antworten lange und vielfältig recherchiert. So hatte sie mit Esmer Bardakçı, der Eigentümerin einer der Wohnungen, in die Aydınlar von der Polizei für die vermeintliche Ortsbegehung gebracht worden war. „Sie äußerte, dass er in einer schlechten Verfassung war und nur noch ein Schatten seiner selbst gewesen sei. Er hätte ihr gesagt, dass es die 25. Wohnung sei, in die er geschleppt wurde, und er nicht wisse, weshalb all dies geschieht. Viel später sind dieselben Beamten bei ihr aufgetaucht, um sie zur Unterzeichnung eines Zeugenprotokolls zu zwingen. In dem Papier hieß es, Cüneyt Aydınlar sei bei der Ortsbegehung geflohen und Esmer Bardakçı könne dies bezeugen”, erklärte Keskin vor zwei Jahren auf einer Mahnwache der Samstagsmütter.

Polizisten freigesprochen, Akte wegen Verjährung geschlossen

Keskin sprach während ihrer Recherche auch mit Kindern, die beobachtet hätten, wie Cüneyt Aydınlar nach der Ortsbegehung von der Polizei auf eine nahegelegene Baustelle gebracht wurde. Kurz darauf hätten sie Schussgeräusche aus der Richtung vernommen, sich jedoch gefürchtet, die Stelle aufzusuchen. Der IHD konnte Jahre später zwar einen Gerichtsprozess gegen die verantwortlichen Polizisten anstrengen, doch diese wurden aus Mangel an Beweisen freigesprochen. Die Akte im Fall von Cüneyt Aydınlar wurde wegen Verjährung geschlossen. Seine Leiche ist bis heute nicht aufgefunden worden.