Samstagsmütter fordern von Erdoğan Aufklärung über Verschwundene

Bei ihrer 1045. Mahnwache gegen das Verschwindenlassen in staatlicher Obhut forderten die Samstagsmütter Gerechtigkeit für Talat Türkoğlu, der 1996 festgenommen wurde und nie wieder auftauchte – und Aufklärung von Staatschef Erdoğan über alle Vermissten.

Gedenken an Talat Türkoğlu

Im Rahmen ihrer 1045. Mahnwache auf dem Galatasaray-Platz in Istanbul haben die Samstagsmütter erneut Gerechtigkeit für ihre verschwundenen Angehörigen gefordert. Im Mittelpunkt der dieswöchigen Kundgebung stand der Fall von Talat Türkoğlu, der am 1. April 1996 nach seiner Festnahme in Istanbul spurlos verschwand.

Mit roten Nelken in den Händen und Fotos ihrer vermissten Familienmitglieder erinnerten die Angehörigen an den damals 45-jährigen Türkoğlu und forderten die strafrechtliche Verfolgung der Täter. In einer verlesenen Erklärung richteten sie einen eindringlichen Appell an den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan: „Erfüllen Sie Ihre Verantwortung gegenüber den Familien der Verschwundenen – schaffen Sie zugängliche Rechtswege und unterstützen Sie ihre Bemühungen um Aufklärung.“

Verschwunden nach Polizeigewahrsam

Laut der von Gülseren Yoleri, Ko-Vorsitzende der Istanbuler Zweigstelle des Menschenrechtsvereins IHD, vorgetragenen Erklärung war Talat Türkoğlu, ein sozialistischer Aktivist aus dem Istanbuler Stadtteil Avcılar, am 1. April 1996 auf dem Rückweg von einem Familienbesuch in Edirne, als er zuletzt gesehen wurde. Danach verlor sich jede Spur.

Trotz wiederholter Nachforschungen der Familie, des IHD und von Amnesty International behaupteten die Behörden, Türkoğlu sei nie in Polizeigewahrsam gewesen. Doch Aussagen des ehemaligen JITEM-Agenten Kasım Açık, der 1997 detaillierte Informationen zu Türkoğlus Kleidung, persönlichen Gegenständen und seinem Verbleib öffentlich machte, widersprachen dieser Darstellung.

Açık zufolge wurde Türkoğlu in einem Lager in der Nähe von Edirne von einem gemischten Team aus Polizei, Militär und Spitzeln verhört, unter Folter getötet und seine Leiche in den Grenzfluss Meriç (Maritsa) geworfen. Dennoch weigerte sich die Staatsanwaltschaft trotz dieser Aussagen, ein Verfahren einzuleiten – wegen „mangelnden Verdachts“.

Rechtliche Aufarbeitung gescheitert

Im Jahr 2016 legte die Familie Verfassungsbeschwerde ein, nachdem der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) die Türkei wegen unzureichender Ermittlungen verurteilt hatte. Doch auch das türkische Verfassungsgericht wies die Beschwerde 2020 aus formalen Gründen ab. Die Familie reichte daraufhin erneut Beschwerde beim EGMR ein. Die Menschenrechtsaktivist:innen betonen, dass alle juristischen Mittel im Inland ausgeschöpft und der Fall auf „unrechtmäßige Weise durch Verjährung“ geschlossen worden sei.

Kritik an politischen Blockaden

„Die Frage ‚Was ist mit unseren festgenommenen Angehörigen geschehen?‘ richtet sich seit 23 Jahren an Sie und Ihre Regierung, Herr Erdoğan“, erklärte Yoleri. „In Fällen des Verschwindenlassens tragen nicht nur die damaligen Machthaber, sondern auch die nachfolgenden Regierungen Verantwortung.“ Der Präsident sei verpflichtet, funktionierende innerstaatliche Rechtsmittel zu schaffen und die Stimme der Opferfamilien zu unterstützen.

„Wir sind Opfer einer staatlichen Verschwörung“

Nach der Erklärung sprach auch Münübe Türkoğlu, die Schwester von Talat Türkoğlu. Sie kritisierte die behördliche Beschränkung der Teilnehmerzahl bei den Mahnwachen der Samstagsmütter auf zehn Personen und forderte mehr Offenheit für die Anliegen der Angehörigen. „Warum stört es die Behörden, wenn wir gemeinsam unsere Gefühle und Gedanken äußern?“, fragte Türkoğlu. Sie äußerte zudem Zweifel an der offiziellen Darstellung: „Man sagt, er sei in den Meriç-Fluss geworfen worden – aber warum wurde nie eine Leiche gefunden?“ Die Familie habe Leichenhallen und Gräber Unbekannter durchsucht, jedoch ohne Ergebnis. „Wir sind Opfer eines staatlichen Komplotts. Wenn der politische Wille vorhanden wäre, gäbe es längst Gerechtigkeit. Doch dieser Wille fehlt.“