Rote Nelken für Hasan Ocak

Hasan Ocak war 30 Jahre alt, als er am 21. März 1995 festgenommen und in der „Obhut“ des türkischen Staates zu Tode gefoltert wurde. Für ihn legten die Samstagsmütter heute rote Nelken auf dem Galatasaray-Platz nieder.

Samstagsmütter

Als Emine Ocak am 27. Mai 1995 zum ersten Mal auf dem berühmten Galatasaray-Platz in der Istanbuler Innenstadt demonstrierte, war ihr Sohn bereits tot. Hasan Ocak, Gymnasiallehrer, gebürtig aus Dersim, war 30 Jahre alt und betrieb in Istanbul eine Teestube, als er am 21. März 1995 während der Unruhen in Gazi festgenommen wurde. Nach seinem Verschwinden wurde sein Leichnam in einem Waldgebiet abgeworfen und später auf einem „Friedhof für Namenlose“ entdeckt. Das Ergebnis der Autopsie zeigte deutlich, dass er durch einen Strick um den Hals ermordet wurde. Sein Körper wies zudem Verbrennungen durch Strom und Schnitte im Gesicht auf. Hasan Ocak wurde in der „Obhut“ des türkischen Staates zu Tode gefoltert.

Festgenommen, gefoltert, ermordet und anonym verscharrt

Diese Sitzaktion von Emine Ocak war der erste Schritt, um den Protest gegen die Praxis des „Verschwindenlassens” in der Türkei öffentlich zu machen und neue Fälle von Verschwundenen zu verhindern. Von da an versammelten sich jeden Samstag immer mehr Menschen um 12 Uhr auf dem Galatasaray-Platz, friedlich, schweigend, mit Fotos ihrer „Verschwundenen“, um auf diese Weise für eine halbe Stunde ihre Forderung sichtbar zu machen: die Verbrechen aufklären und die Schuldigen vor Gericht bringen. Sie machten es wie die Mütter und Großmütter in Argentinien, die in der dunkelsten Zeit der Militärdiktatur regelmäßig die Plaza de Mayo umrundeten. Die Presse gab ihnen den Namen „Samstagsmütter“.


Das Bild von Hasan Ocak ist seither stets präsent auf den Mahnwachen der Samstagsmütter, die heute zum 991. Mal zusammengekommen sind, um gegen das Verschwindenlassen in staatlichem Gewahrsam zu protestieren. Emine Ocak war aus gesundheitlichen Gründen verhindert, ließ sich aber von ihrer Tochter Maside und ihrem Sohn Ali vertreten. „Egal wie viele Jahre der Ungerechtigkeit noch vergehen müssen; unser Wille, die Mörder unserer Angehörigen zur Rechenschaft zu ziehen und den Staat zur Wiedergutmachung zu verpflichten, wird immer bestehen“, sagte Ali Ocak.

Vor Ort war auch die Rechtsanwältin Eren Keskin, die Ko-Vorsitzende des Menschenrechtsvereins IHD ist und die Familie Ocak seit Jahrzehnten bei ihrem juristischen Kampf zur Ermittlung der Mörder von Hasan Ocak und ihrer Ahndung begleitet. Vor türkischen Gerichten war in Sachen Gerechtigkeit kein Erfolg errungen worden, deshalb zog die Familie vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR). Die Straßburger Richter verurteilten Ankara im Zusammenhang mit dem Tod Hasan Ocaks im Jahr 2004 wegen einem Verstoß gegen Artikel 2 der Menschenrechtskonvention, der das Recht auf Leben garantiert, und rügten, dass die Behörden nicht unabhängig waren und ihre Verpflichtung zur Aufklärung nicht erfüllt hatten.

Rote Nelken auf dem Boden vor dem abgesperrten Menschenrechtsdenkmal

Keskin: Die Spuren der Wahrheit können nicht verwischt werden

Zwölf Jahre später versuchte ein Staatsanwalt die Akte Ocak wegen Verjährung zu schließen. Dagegen konnten sich seine Angehörigen erfolgreich durchsetzen und ein Wiederaufnahmeverfahren erwirken. Seit 2017 hat sich allerdings nichts getan. Der Staat weigert sich nach wie vor, eine juristische Aufarbeitung in dem Fall zuzulassen und seine Täter preiszugeben. Eren Keskin kommentierte: „Diejenigen, die versuchen, die Spuren der Wahrheit zu verwischen, sollten wissen, dass wir dies nicht zulassen werden.“ Nach diesen Worten wurden rote Nelken für Hasan Ocak auf dem Galatasaray-Platz niedergelegt und die Samstagsmütter verabschiedeten sich bis zum nächsten Sonnabend, an dem an das Schicksal eines anderen verschwunden gelassenen Menschen erinnert wird.

17.000 Verschwundene in der Türkei

In der Türkei gelten seit den 1980er Jahren etwa 17.000 Menschen, größtenteils Kurdinnen und Kurden, politisch Aktive und Engagierte, journalistisch und juristisch Tätige und einfache Landwirte als „verschwunden”. Mit dieser Praxis machte das Land nach dem Militärputsch vom September 1980 Bekanntschaft. Mitte der 90er Jahre, als der schmutzige Krieg des türkischen Staates gegen die PKK besonders blutig war, erreichte diese Methode ihren Höhepunkt.

Die Leichen der Verschleppten wurden in Massengräbern, Höhlen oder in stillgelegten Industrieanlagen verscharrt, auf Müllhalden geworfen, in Brunnenschächten und Säuregruben versenkt oder wie in Argentinien durch den Abwurf aus Militärhubschraubern beseitigt. Oft waren die Betroffenen von der Polizei oder der Armee zu Hause abgeholt worden, oder man hatte sie in die Wache vor Ort zu einer „Aussage“ bestellt, oder sie waren bei einer Straßenkontrolle des Militärs festgehalten worden. Das ist oft das letzte, was ihre Angehörigen vom Verbleib der Vermissten wissen.

Die meisten „Morde unbekannter Täter“ gehen auf das Konto der religiös-extremistischen Terrororganisation Hizbullah, der „Antiterrorpolizei“ sowie von JITEM. So lautet die Bezeichnung für den informellen Geheimdienst der türkischen Militärpolizei, der allein in Nordkurdistan für mindestens vier Fünftel der unaufgeklärten Morde verantwortlich ist, dessen Existenz aber jahrelang vom Staat geleugnet wurde. Der Tod von Hasan Ocak war der erste Fall von staatlichem Verschwindenlassen in der Türkei, der in Erfahrung gebracht werden konnte.