Lebenslange Haftstrafe für Überlebenden von Sûr

Einer der Überlebenden der türkischen Militärbelagerung des Altstadtbezirks Sûr in der kurdischen Metropole Amed ist zu einer erschwerten lebenslänglichen Haftstrafe verurteilt worden.

Ein türkisches Gericht in Amed (Diyarbakir) hat einen Überlebenden der Militärbelagerung von Sûr zu einer erschwerten lebenslänglichen Freiheitsstrafe plus weiteren dreizehn Jahren verurteilt. Mehmet Çoreşoğlu war einer von Dutzende Menschen, die nach ihrer Evakuierung aus dem umkämpften Altstadtviertel vor vier Jahren verhaftet wurden. 40 von ihnen wurden später wegen Zerstörung der staatliche Einheit und Gesamtheit und Mitgliedschaft in einer Terrororganisation angeklagt.

Çoreşoğlu war zum Zeitpunkt seiner Evakuierung schwer verletzt. Eigenen Angaben nach wurde er bei einem Beschuss des Hauses verletzt, in dem er bei der Belagerung Zuflucht gesucht hatte. An seinem Körper wurden Rückstände von Antimon gefunden, einem hochgiftigen Legierungsbestandteil, mit dem die Härte des Bleis in der Munition gesteuert wird. Darauf baute die Anklage auf und behauptete, Çoreşoğlu habe sich an den Kämpfen beteiligt. Der Zivilist wies diese Anschuldigung beim Prozess immer wieder zurück und erklärte, nur aus Neugier nach Sûr gekommen zu sein. Er selbst habe in einem anderen Bezirk von Amed gelebt.

Weitere zwei von insgesamt zehn Personen, die gemeinsam mit Çoreşoğlu am 2. März 2016 aus Sûr evakutiert wurden, waren ebenfalls schwer verletzt. Eine von ihnen war Seniha Sürer, die Ko-Vorsitzende des Volksrates von Xweşneamkê (Hasırlı) im Landkreis Çêrmûg (Çınar). Die ehemalige HDP-Abgeordnete Sibel Yiğitalp hatte Telefonmitschnitte mit Sürer veröffentlicht, als diese noch in Sûr eingeschlossen war. Eines der Gespräche wurde durch Bombardierungen unterbrochen. In einem anderen Telefonat sagte Sürer damals: „Das, was sie uns hier antun, ist mit nichts zu vergleichen.“

Die Zerstörung von Sûr

Im November 2015 begann mit der Ausrufung einer Ausgangssperre die Zerstörung von Sûr. Die Altstadt von Amed, die eine fünftausendjährige Geschichte hat und unter dem Schutz der UNESCO steht, hatte kurz zuvor die Selbstverwaltung ausgerufen. Ungefähr dreieinhalb Monate leisteten die Bewohner*innen Widerstand gegen ein barbarisches Angriffskonzept des türkischen Staates. Die Zerstörung setzt sich bis heute fort.