Zum dritten Todestag: Erinnern an Waka

Farid Medjahed war Internationalist aus Frankreich. Am 6. Oktober 2018 starb er als YPG-Kämpfer beim finalen Sturm auf den IS im Osten von Syrien. Ein Freund, der „Waka” bei Klimakämpfen in Großbritannien kennenlernte, erinnert sich an ihn.

Farid Medjahed war Klimaaktivist, Antikapitalist und Antifaschist aus Frankreich. Als Waka, wie ihn seine Freundinnen und Freunde nannten, beteiligte er sich an dem Widerstand gegen Braunkohle im Hambacher Forst und im englischen Pont Valley. Als Şahîn Qereçox setzte er ab Juni 2018 seinen Kampf für Ökologie und gegen Kapitalismus und Patriarchat in Rojava fort. Er war Mitglied der internationalistischen Einheiten der YPG. Am 6. Oktober 2018 starb er in Hajin bei Deir ez-Zor im Zuge der finalen Offensive „Gewittersturm Cizîrê“ auf die letzten vom IS gehaltenen Regionen in Ostsyrien.

Während seiner Zeit in Großbritannien begegnete Farid Medjahed einigen Aktivistinnen und Aktivisten der örtlichen Kurdistan-Solidarität. Einer von ihnen schildert in einem Nachruf anlässlich des dritten Todestages des Internationalisten seine Erinnerungen an ihn:

Dies ist der dritte Herbst, in dem ich in Trauer um Waka gedenke.

Ich falle in eine Schockstarre, wenn der 6. Oktober naht. Aber es ist nicht der Zeitpunkt, an dem ich ihn und die anderem am meisten vermisse. Ich stelle mir vor, was sie gedacht haben, als sie in Deir-ez-Zor waren. Ich frage mich, ob sie Angst vor dem Klang der Artillerie hatten. Ich frage mich, ob sie wussten, dass sie gleich sterben würden, als es geschah.

Aber am meisten vermisse ich Waka, wenn es November wird. Er wurde in seiner Heimatstadt Marseille beerdigt. Einige von uns erfuhren von der Beerdigung erst zwei Tage zuvor. Wir befanden uns damals in der Nähe von Köln, im Hambacher Wald, in Deutschland. Also trafen wir eine schnelle Entscheidung und fuhren mit dem Zug nach Marseille. Für drei von uns gab es 1.000 Euro Bußgeld für diese Fahrt. Es war eine passende Art und Weise, unsere Reise zu Ehren von Wakas Andenken zu beginnen!

Momente aus dem Leben von Waka in Europa

In Marseille war es Mitte November noch warm. Die Sonne schien, und es war ein lebhafter Tag, voller eiliger Autofahrten, Reden und Fahnen. Ich erinnere mich daran, wie ich mit leerem Magen und wenig Schlaf in einem rasenden Auto auf dem Weg zur Beerdigung eine Zigarette rauchte und mich fast übergeben musste, aber verzweifelt versuchte, mich nicht zu blamieren oder respektlos zu sein, während ich über die 15 Jahre im Gefängnis sprach, von denen mir der kurdische Genosse neben mir erzählte. Der Ernst der Lage wurde von Momenten der Absurdität und natürlich auch der Schönheit durchsetzt.

Nach der Beerdigung verbrachten einige von uns, die zu den Weggefährten von Waka gehörten, Zeit mit seiner Familie. Wir unternahmen eine kurze Tageswanderung auf einen wunderschönen Berg mit Blick auf das Meer. Wir erfuhren ein wenig über Wakas Kindheit und lernten seine Geschwister und Cousins kennen. Wir wurden willkommen geheißen und waren dankbar dafür.

In den kürzer werdenden Tagen des Novembers erinnere ich mich immer wieder an diese Reise, die Dunkelheit des Waldes und die Mischung aus Aufregung und Zurückhaltung angesichts einer so langen Fahrt und der Einschüchterung durch den Abschied. Die Wärme der Sonne und die Farbe des Sandsteins in Marseille, das Lächeln, das wir mit der Familie teilten. Die lange Fahrt per Anhalter zurück in den Wald, die über einen Tag und eine Nacht dauerte und in Schnee überging, als wir uns Westdeutschland näherten.

Als internationalistischer Kämpfer in Nordostsyrien

Jeder Herbst, wenn er in den Winter übergeht, erinnert mich daran, dass einer unserer Freunde fehlt.

Aber das ist nicht die einzige Zeit, in der ich Waka vermisse. Das Gefühl über den Verlust ist besonders intensiv in Zeiten, in denen ich richtungsweisende Weggefährtinnen und Gefährten am meisten brauche. Wenn die Widersprüche, die dem Leben in dieser Ära der Klimakatastrophe und des Spätkapitalismus innewohnen, am bizarrsten sind, wenn wir uns am meisten erdrückt fühlen, wenn der Weg nach vorn am unklarsten ist. Ich frage mich, was Waka über die Pandemie denken würde, welche Methoden er uns vorschlagen würde, um uns kollektiv zu organisieren. Waka und die anderen hatten ein Gespür für Nuancen und Mitgefühl - sie sahen den Ernst einer Situation, ohne darin zu erstarren oder in binäre Denkweisen zu verfallen, und am Ende waren sie in der Lage, die Situation auf die leichte Schulter zu nehmen, ohne sie zu verharmlosen.

Solche Freundinnen und Freunde sind selten zu finden. Ich kannte Waka nur für eine kurze Weile, er ist schon viel länger weg, als wir uns kannten. Aber ich weiß trotzdem, dass mir etwas fehlt. Dieses Bewusstsein ist unerklärlich.

Wussten er und die anderen, als wir uns verabschiedeten, dass es das letzte Mal sein würde?

Ich wünsche mit ihren Beitrag zu unserer politischen Richtung. Ich würde so gerne mit ihnen über alle Ebenen des Organisierens sprechen und diskutieren, was bestimmte Gefühle ausmacht; ich möchte weiter darüber diskutieren, was die Natur der Liebe ist. Ich möchte die Leichtigkeit ihrer Herangehensweise und die Prägnanz ihrer Einsichten.

Wir haben sie nicht. Wir haben Erinnerungen und Vorstellungen, aber sie machen nur deutlich, wie viel uns fehlt.

Der Trost, den ich finde, liegt in der Tatsache, dass die Trauer geteilt wird. Es gibt Dutzende oder Hunderte von Menschen, die Waka vermissen, aber es gibt Tausende von Menschen, die jeweils von Dutzenden oder Hunderten vermisst werden. Während wir alle diese Dimension der Trauer durchschreiten, teilen wir etwas, das dem Leben innewohnt. Ich möchte den Schmerz nicht verherrlichen, denn er ist es nicht wert, verherrlicht zu werden. Aber wir alle werden Trauer erleben; wir alle verlieren jemanden, und wir alle sterben. Ich finde es ein wenig ironisch, dies zu schreiben, denn ich kann mir nur vorstellen, ein brillantes Gespräch mit Waka zu führen, in dem er die von Descartes formulierte Kosmologie des Westens in Bezug auf den Tod, die Seele und die Bedeutung des Lebens zerlegt.

Waka, ich werde diesen Weg weiter mit dir gehen.

Wir sind in Konstellationen, die sich durch die Zeit bewegen, und über die Zeit hinweg in Beziehung bleiben.

Wir haben nicht aufgehört zu kämpfen, zu denken, oder zu lachen.

Ich werde mehr vom Mond beschienene Spaziergänge machen und mich über die Welt wundern.

Ich werde versuchen, eine unvollkommene Integrität und eine sanfte Tapferkeit aufzurufen. Im Gedenken an dich, mit Liebe.