Swêd: „Vor uns liegt ein großer Krieg“

Die eskalierenden Angriffe der Türkei auf Nord- und Ostsyrien deuten auf einen großen Krieg, sagt Evîn Swêd, AANES-Vertreterin in Südkurdistan: „Alle müssen sich sehr gut vorbereiten, um nicht zum Opfer zu werden.“

In den Gebieten der Autonomen Administration von Nord- und Ostsyrien (AANES) eskaliert die militärische Gewalt der Türkei. Seit Monaten erfolgen im Rahmen eines wie nach den Lehrbüchern der NATO-Aufstandsbekämpfung geführten „Krieges niedriger Intensität” tägliche Artillerie- und Drohnenangriffe gegen Wohngebiete sowie zivile und militärische Infrastruktur. Konkrete Ziele sind hierbei nicht selten Verantwortliche der AANES, Repräsentant:innen von Basisräten und Angehörige der Selbstverteidigungskräfte. Währenddessen finden in der türkischen Besatzungszone massive Truppenbewegungen statt. Dschihadisten des Al-Qaida-Ablegers Hayat Tahrir al-Sham (HTS) sind aus der von Ankara kontrollierten Provinz Idlib in das besetzte Efrîn verlegt worden und inzwischen bis nach Minbic vorgerückt.

Swêd: Vorbereitung auf großen Krieg

Diese Entwicklungen sollten als ernsthafte Vorbereitung auf einen großen Krieg betrachtet werden, sagte Evîn Swêd, AANES-Vertreterin im südkurdischen Silêmanî, im Gespräch mit ANF. Im Hinblick auf die Lage in Efrîn erinnerte Swêd an die Verhältnisse vor der Besetzung durch die Türkei und verbündete Terrorgruppen: „Vor der Invasion ist Efrîn nach dem Kantonsprinzip verwaltet worden. Unter der Führung von Frauen wurde ein demokratisches System aufgebaut. Die gesamte Region galt als sicherer Hafen für hunderttausende Menschen, die aus Kriegsgebiet geflohen waren und in Efrîn ein friedliches Leben führten. Doch 2018 startete der türkische Staat mit Unterstützung internationaler Mächte einen Invasionsangriff auf Efrîn. Ob Einheimische oder Binnenvertriebene – die gesamte Bevölkerung verteidigte bis zuletzt die Selbstverwaltung, ihr Land und ihre Häuser. 58 Tage lang wurde Widerstand geleistet – ein Kampf, der die ganze Welt in Erstaunen versetzt hat. Dann folgte der Einmarsch des türkischen Staates und in der Folge wurden Söldner und ihre Familien in Efrîn angesiedelt.“


„Morde, Plünderungen und Diebstähle dauern bis heute an“

„Die Söldner plünderten und brandschatzten alles – von Olivenbäumen bis hin zu heiligen Stätten der ezidischen und christlichen Gemeinschaften. Die Bevölkerung von Efrîn war allen Arten von Gewalt ausgesetzt, von Übergriffen auf Frauen und Kinder bis hin zu Raub und Diebstahl. Folter wurde integraler Bestandteil des Alltags in Efrîn. Obwohl dies vor den Augen der ganzen Welt geschah, wurde niemand zur Rechenschaft gezogen. Es wurde mit Dokumenten bestätigt, dass das Eigentum der Bevölkerung von Efrîn an verschiedene Unternehmen in Kuwait und vielen anderen arabischen Ländern verkauft worden ist. Gleichzeitig werden neue Wohngebäude für Söldner und ihre Familien errichtet. Frauen und Kindern waren am heftigsten von Folter und Angriffen betroffen. Hunderte von Frauen wurden in den Gefängnissen gefoltert, und das Schicksal vieler Betroffener ist immer noch unbekannt. Unzählige Milizionäre haben sich in Efrîn niedergelassen und ihre Morde, Drohungen, Plünderungen und Diebstähle dauern bis heute an.“

Hoffnung auf Rückkehr

Swêd betont, dass die Vertriebenen aus Efrîn die Hoffnung auf eine Rückkehr in ihre Heimat trotz allem nie aufgegeben hätten. Zur aktuellen Übergabe der Region an HTS gibt sie folgende Einschätzung ab: „In Efrîn sind zahlreiche Terrorgruppen angesiedelt worden. Seit der Besetzung der Region bekämpfen sie sich gegenseitig. Im Krieg geht es nur um Beute, Plünderung und Diebstahl. Nun ist HTS in Efrîn stationiert worden. Sie werden gleichermaßen als Besatzer betrachtet.

HTS-Verlegung gilt als Vorbereitung eines Einmarschs in Rojava

Die Stationierung von HTS in Efrîn ist Teil eines Plans des türkischen Staates. Einige Söldnergruppen protestierten gegen diese Entscheidung. Durch HTS sollen all diese dschihadistischen Fraktionen unter Kontrolle gebracht werden. So können sie sich neu formieren, stärken und sich für einen möglichen Angriff auf Nord- und Ostsyrien organisieren. Dies stellt eine große Gefahr für die Autonomiegebiete dar.“

Gespräche zwischen Ankara und Damaskus

Hinter der Verlegung der HTS-Dschihadisten von Idlib nach Efrîn und Umgebung scheint aber noch ein weiteres Kalkül zu stehen. Die Türkei will sich durch die Übergabe von Idlib an das Regime von Moskau, Damaskus und Teheran grünes Licht für eine Großinvasion in Rojava erkaufen. Swêd weist auf entsprechende Gespräche zwischen Ankara und Damaskus hin und sagt: „Es hat bereits Treffen zwischen der Türkei und Syrien gegeben. Vor allem Geheimdienstgruppen trafen zusammen. Es gibt nichts, was der türkische Staat nicht getan hat, um die Revolution in Rojava zu zerstören. Die Verhandlungen mit der Türkei werden dem syrischen Volk und seinen Interessen nicht dienen. Das Ziel der Türkei ist es, die Errungenschaften der Völker zu zerstören und Massaker zu begehen."

„Ein demokratisches Syrien ist die Forderung aller Menschen im Land“

Mit Blick auf die Gespräche zwischen der AANES und Damaskus sagt Swêd: „Die Selbstverwaltung kann ein Beispiel für ganz Syrien sein. Es kann ein gemeinsames Leben geschaffen werden, in dem Menschen aller Identitäten und Glaubensrichtungen zusammenleben. Die Treffen zwischen der Selbstverwaltung und Damaskus haben bisher möglicherweise nicht zu dem gewünschten Ergebnis geführt. Aber die AANES und einige internationale Parteien sind beharrlich. Früher oder später werden diese Verhandlungen abgeschlossen sein. Es wird ein demokratisches Syrien entstehen. Alles, was die Menschen in Syrien wollen, ist die Schaffung eines Landes, in dem alle Menschen die gleichen Rechte haben.“

„Die Menschen bereiten sich auf einen schweren Krieg vor“

Swêd unterstreicht, dass ein großer Krieg durch die Türkei dennoch wahrscheinlich sei. „Alle kalkulieren mit dem Krieg. Viele Länder könnten sich daran beteiligen. Die Menschen in Nordostsyrien bereiten sich auf einen schweren Angriff vor. Es gibt einen Feind, der darauf besteht, zu töten. Dieser Krieg könnte sich auf die gesamte Region ausweiten. Wir wollen nicht Opfer dieses Krieges werden, wir wollen nicht das Schicksal des armenischen Volkes erleben. Um nicht zu den großen Opfern des 21. Jahrhunderts zu werden, müssen wir unsere Errungenschaften schützen und sie verstetigen. Wir können nur durch Einigkeit und Solidarität gewinnen.“