„Mit der PKK haben wir die Angst besiegt“

Sultan Ibrahim engagiert sich seit den 1990er Jahren für den kurdischen Freiheitskampf. Sie berichtet, wie sie zur Freiheitsbewegung kam, und von ihren Begegnungen mit Abdullah Öcalan.

Der kurdische Vordenker Abdullah Öcalan hielt sich fast 20 Jahre in Syrien auf und prägte die Menschen in Rojava mit seiner Arbeit. Die PKK organisierte die Gesellschaft und stärkte insbesondere das Selbstbewusstsein der Frauen. Eine dieser Frauen ist Sultan Ibrahim. Sie berichtet im ANF-Gespräch über ihr bewegtes Leben.


Die aus Qamişlo stammende 75-Jährige lernte den kurdischen Freiheitskampf 1990 kennen. Zwei ihrer Söhne schlossen sich der Guerilla an. Sultan Ibrahim verabschiedete sie selbst. Ihr Sohn Barzan Ibrahim (Memo Ibrahim) hatte sich 1992 angeschlossen und kam 1995 in Botan ums Leben. Ihr anderer Sohn kämpft bis heute. Sultan Ibrahim berichtet, wie sie Abdullah Öcalan im Libanon und in Damaskus getroffen hat und spricht über den Einfluss des PKK-Begründers auf die Entwicklungen in Rojava.

Ihr Lebensstil hat mich tief berührt“

Zunächst beschreibt Sultan Ibrahim, wie sie die PKK kennenlernte: „Ich kannte damals diese Menschen nicht als apoistische Bewegung oder PKK. In der Anfangszeit waren sie nur als ‚Studenten‘ bekannt. Ich lernte die Apoisten kennen, als die Freunde [Begriff für Mitglieder der Freiheitsbewegung] zu uns nach Hause kamen. Die erste Freundin, die uns besuchte, war Hevala Saliha. Damals hatten wir Angst: Wenn das Baath-Regime davon erführe, würde das für uns Lebensgefahr bedeuten. Zunächst lehnte ich das, was Hevala Saliha sagte, ab, denn ich hatte Angst. Außerdem hatten die Freunde ein Haus in unserer Nachbarschaft. Sie waren sehr arm. Sie hatten keinen Zucker für ihren Tee und kein Essen. Mein Mann kannte sie. Er brachte ihnen heimlich Tee, Zucker, Salz und Lebensmittel. Es waren sehr ehrliche und respektvolle Menschen mit reinem Herzen. Der Besuch von Hevala Saliha in unserem Haus und der Kampf dieser jungen Menschen, die ihr Zuhause verlassen hatten und hungrig und durstig lebten, hat mich tief berührt. Wir kannten weder Rêber Apo noch die PKK. Später wurde uns klar, dass es sich um Kämpfer von Rêber Apo handelte. Ein solches Bewusstsein hatten wir damals noch nicht erreicht, wir hatten nur den Lebensstil der Studenten gesehen und waren beeindruckt.“

In der Volksarbeit

Nach einer Weile schloss sich Sultan Ibrahim den Arbeiten der Freiheitsbewegung an: „Ich beteiligte mich an der Organisierung der Arbeiten in den Vierteln Hilko und Korniş in Qamişlo. Wir gingen von Haus zu Haus und mischten uns unter die Leute. Wir gingen immer wieder zu den Familien, die ihre Türen nicht geöffnet hatten, stellten uns vor und brachten sie dazu, uns zu akzeptieren. Wir gaben nicht so schnell auf. Wir gingen zu jeder Familie und erzählten ihnen vom Kampf. Wir hielten Versammlungen ab und sammelten materielle Unterstützung für die Durchführung von Aktivitäten.“

Schließlich hatte Sultan Ibrahim auch mehrfach die Gelegenheit, Abdullah Öcalan im Libanon und in Damaskus zu treffen. Sie erinnert sich: „Er redete sehr lange. Er beschrieb die Realität des Volkes und den Feind. Er sprach und sah uns in die Augen. Er sagte, dass das kurdische Volk ohne Kampf nicht überleben könne, nicht einmal für eine Sekunde. Er versuchte uns klar zu machen, dass die Angriffe des Feindes nicht aufhören würden, dass es große Opfer kosten würde, und fragte uns immer wieder, ob wir bereit seien. Er hatte eine Art, die uns bereit zum Kampf machte.

Rêber Apo [Abdullah Öcalan] hielt beeindruckende Reden, in denen er die Liebe zum Land zum Ausdruck brachte und die Bedeutung eines freien Landes hervorhob. Er traf auch viele Aussagen über die Bedeutung der Frau. Er brachte die Organisierung des Volkes, das Bewusstsein und dessen Aufstandspotential mit dem Organisationsgrad und der Aktivität der Frauen in Verbindung. Er sagte, dass kein einziger Mensch untätig bleiben dürfe, und dass alle tun müssen, was ihnen möglich ist. Rêber Apo weckte das Volk aus einem tiefen Schlaf und zeigte uns die Wahrheit über unseren Feind. Nachdem ich von Rêber Apo zurückgekehrt war, beteiligte ich mich mit größtem Enthusiasmus an den Arbeiten. Ich versprach, dass es nie wieder so sein würde wie früher. Mein Haus war zur Heimat der Hevals geworden, es hatte sich in ein echtes Lager verwandelt.

Unsere Wut gegen den Feind wuchs“

Wir waren ein marginalisiertes Volk, eine marginalisierte Gemeinschaft. Mit der Anwesenheit von Rêber Apo begannen wir uns zu fragen, warum und für wen wir leben. Wir erkannten, wie wir leben sollten, wir begriffen, was Kampf bedeutet, wir wussten, wie wir unsere Rechte erlangen konnten. Mit unserem geschaffen Bewusstsein hatten wir keine Angst mehr vor dem Baath-Regime. Die Angriffe, Folterungen und Verhaftungen schüchterten uns nicht ein. Wir wussten, dass wir uns den Angriffen des Feindes stellen mussten, wenn wir unser Volk und unser Land schützen wollten.

Rêber Apo erweckte das Bewusstsein eines Volkes, und leistete Unglaubliches als Wegweisender. Aus diesem Grund hatte auch sein Weggang aus Syrien unweigerlich Auswirkungen auf das Volk, aber die Arbeit hörte nicht auf. Im Gegenteil, unser Hass, unsere Wut und unsere Abneigung gegen den Feind nahmen zu. Dadurch entwickelten sich der Kampf und der Widerstand. Dass wir heute noch aufrecht stehen, dass wir noch am Leben sind, dass wir nicht ausgerottet wurden, verdanken wir Rêber Apo.“