Sûr: Gefängnisarchitektur zur Aufstandsbekämpfung

Fünf Jahre nach der Zerstörung des Altstadtbezirks Sûr in Amed ist ein neues Wohnviertel nach dem Vorbild der staatlichen Gefängnisarchitektur errichtet worden.

Stadtplanung wird von Staaten und Regimen als Waffe zur Herrschaftssicherung über die Bevölkerung eingesetzt. Bereits als Napoleon ll. Georges-Eugène Baron Haussmann 1853 zum Präfekten von Paris ernannte, hatte er nicht nur die architektonische Glorifizierung seiner Herrschaft, sondern auch die Erleichterung der Aufstandsbekämpfung durch große Straßen zur Verlegung von Truppen und schwerem Gerät im Auge. Ganze Stadtviertel wurden dem Erdboden gleichgemacht, um entsprechende Verbindungsachsen zu schaffen. Nicht zuletzt die Zerschlagung der Pariser Kommune war eine Folge dieser Form der Stadtplanung, die in Zukunft prototypisch für die Planungen in Berlin, London und anderen Metropolen der Welt bis heute stehen sollte. Gewachsene gesellschaftliche Strukturen sind hierbei im Weg. Ein aktuelles Beispiel dieser Politik ist das Stadtviertel Amed-Sûr (tr. Diyarbakır-Sur). Der Altstadtbezirk zählte mit seinen verwinkelten Gässchen zum UNESCO-Weltkulturerbe und war eine Hochburg des kurdischen Widerstands.

Malls und Einheitswohnblocks anstelle von kurdischer Altstadt

2015/2016 haben türkische Armee und Polizei das Stadtviertel in Teilen dem Erdboden gleich gemacht, viele Gebäude wurde jedoch auch erst nach dem Ende der Gefechte zerstört. Nun werden von der Gefängnisarchitektur inspirierte Wohnkomplexe errichtet, in denen die Bevölkerung normiert und atomisiert werden soll.

Gefängnisarchitektur  in Amed-Sûr | Foto: MA

Fünf Jahre Betretungsverbot

Damals erlebte der historische Bezirk Sûr eine langandauernde Ausgangssperre. Am 2. Dezember 2015 war über die Viertel Cevat Paşa, Dabanoğlu, Fatihpaşa, Hasırlı, Savaş und Cemal Yılmaz eine vollstände Blockade verhängt worden. Am 11. Dezember wurde das Verbot für einen Tag ausgesetzt, die Zivilbevölkerung musste die Nachbarschaften verlassen. Seitdem herrscht ein Betretungsverbot für die mit eisernen Barrieren abgesperrten Viertel. Bis heute gibt es keine Erklärung von Seiten der Behörden, wann das Verbot aufgehoben werden soll. Am 21. März 2016 beschloss der Ministerrat ein Eilverfahren zur „Verstaatlichung“ von 6.292 der 7.714 Grundstücke in dem Gebiet. Nach der Verstaatlichung des Flächen wurden die sechs Wohnviertel dem Erdboden gleichgemacht. Historische Kirchen, Moscheen, Bäder und Herbergen wurden vollständig zerstört.

Zerstörtes Altstadtviertel von Amed | Foto: ANF

3.569 Gebäude zerstört

Nach Angaben der Ingenieur- und Architektenkammern (TMMOB) wurden 3.569 Bauwerke zerstört. Die meisten der Gebäude wurden nach dem Ende der Kämpfe und einer teilweisen Aufhebung der Ausgangssperren niedergerissen. Anstelle der zerstörten Gebäude wurde damit begonnen, mit Basalt verkleidete Häuser und Malls zu errichten. Gleichzeitig geht der Bau von einfarbigen, einheitlichen Wohnblocks in den Gebieten weiter.

Foto: MA

Über 5.000 Familien verloren ihr Heim

Die über 5.000 Familien, die während der Verbotszeit fliehen mussten, erhielten drei Möglichkeiten der „Entschädigung“. Den Familien wurde entweder Geld für ihr Eigentum, ein Platz in TOKI-Wohnblocks außerhalb der Stadt oder in neu gebauten Wohnungen angeboten. Die Mehrheit der Familien wollte kein Geld, sondern beantragte Wohnraum an den Orten, an denen sie zuvor gelebt hatten. Allerdings wurden für den Quadratmeter in den neuen Wohnungen trotz Entschädigung 2.000 TL (etwa 200 Euro) pro Quadratmeter verlangt. Aufgrund dieser Kosten mussten die obdachlosen Familien, die nicht über die finanziellen Möglichkeiten verfügen, doch auf die TOKI-Blocks außerhalb der Stadt zugreifen und wurden in Üçkuyular und Çölgüzeli vor der Stadt untergebracht. Auch hierfür mussten sich die Familien mit vierstelligen Lira-Beträgen verschulden.

Ehemalige Altstadt wird zum Spekulationsobjekt

Die neuen Wohnungen, Läden und Malls waren für die ursprünglichen Eigentümer:innen unerschwinglich. Daher wurden sie auf dem Immobilienmarkt versteigert und zu Spekulationsobjekten. Was mit den im Bau befindlichen Objekten geschehen soll, ist bisher unbekannt.

Neu erbaute Viertel an der historischen Stadtmauer von Amed | Foto: MA

Ein Viertel in Gefängnisarchitektur

Mehr als fünf Jahre nach der Absperrung des Gebiets wurden die Neubauten und Baustellen in den Vierteln aus der Luft aufgenommen. Die Aufnahmen zeigen, dass viele weitere Bauwerke abgerissen und einige historische Stätten restauriert wurden. Das architektonische Modell der einfarbigen, gleichförmigen Häuser fällt direkt ins Auge. Die Häuser sind praktisch Wand an Wand gebaut, haben einen Innenhof und sind nach außen abgeschlossen. Das sind typische Elemente der Gefängnisarchitektur.

46 Hektar Verwüstung

Im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Mezopotamya beschreibt der Ko-Vorsitzende der Architektenkammer von Amed, Ferit Kahraman, seine Beobachtungen. Er berichtet, dass nach dem Ende der Auseinandersetzungen ein Gebiet von 46 Hektar abgerissen wurde. Darüber hinaus seien 89 registrierte Gebäude beschädigt worden, so Kahraman. Viele der Gebäude seien zur Errichtung von Straßen aus „Sicherheitsgründen“ oder um Routen für Baumaschinen zu schaffen, abgerissen worden. 49 historische Gebäude in der verbotenen Zone würden gerade restauriert. Kahraman sagt: „Das begann vor etwa einem Jahr und ist eigentlich zu spät.“

Ferit Kahraman, Ko-Vorsitzende der Architektenkammer von Amed | Foto: MA

Ein Panoptikum

Kahraman stellt fest, die neuen Gebäude befänden sich weder in Übereinstimmung mit der zivilen Architektur noch den traditionellen Bauformen. Er kritisiert, dass auch der zuvor beschlossene Schutz- und Konservierungsplan von Amed-Sûr nicht eingehalten werde. „Die Häuser haben einen Innenhof und stehen dicht aneinander. Wenn wir über traditionelle Häuser oder Beispiele der ursprünglichen zivilen Architektur sprechen, sollten wir auch über das Konzept der Privatsphäre sprechen. Im Moment reihen sich hier acht oder zehn Häuser um einen Hof und alle Fenster blicken in diesen. In dieser Form der Architektur existiert keine Privatsphäre.“

Pläne aus Ankara

Kahraman erklärt, dass die Nichtbeteiligung der Zivilgesellschaft an der Projektierungs- und Bauphase zu einer solchen Architektur geführt habe. Er führt aus: „Alle Planungen, die Projekte und Prozesse werden von Ankara aus zentral gesteuert. Viele von denen, die das Projekt entworfen haben, sind Menschen, die Amed und seinen architektonischen Aufbau nie gesehen haben.“ Er weist darauf hin, dass auch der historische Anstrich der Fassaden durch Basaltverkleidung nur ein Schein sei und nicht von der traditionellen Bauart gesprochen werden könne.

Ein seelenloser Ort

Der Architekt fährt fort: „Wenn man dort hineingeht, sieht man, dass es dort keine Wärme gibt, dass dieser Ort keine Seele hat.“ Das Projekt sei vor allem nach dem Paradigma des Profits errichtet worden. Während des Bauprozesses war versprochen worden, dass die ursprüngliche Bevölkerung darunter nicht leiden werde. Dieses Versprechen wurde jedoch nicht gehalten, sagt Kahraman, und weist insbesondere auf die Situation derjenigen hin, auf deren Land Malls oder andere Verkaufsflächen errichtet wurden: „Den Menschen, die für diese Grundstücke im Grundbuch stehen, wird nichts mehr übertragen, da an Stelle ihrer Häuser und Gewerberäume entstanden sind. Sie haben die größten Schwierigkeiten.“

Ausdruck des Monismus

Kahraman beschreibt die Architektur als Ausdruck des Monismus und schließt: „Die Tatsache, dass alle Strukturen identisch sind, ist Ausdruck der monistischen Mentalität. Wir können dieses monistische Denken hier live beobachten. Es wird nicht genau gesagt, wie lange die Bauarbeiten dauern oder wann die Verbote in diesen Bereichen aufgehoben werden. Wenn es so weitergeht, sieht es so aus, als würde es Jahre dauern.“