Die Kurden und ihre PKK

Die rund 100-jährige Dauer einer Kriegs- und Krisensituation in Kurdistan ausblendend, wird die türkische Invasion in Südkurdistan auf eine „Operation gegen die PKK“ reduziert. Berxwedan Jiyan erklärt, warum es sich um einen Krieg gegen Kurden handelt.

Die knapp hundertjährige Dauer einer Kriegs- und Krisensituation in Kurdistan und viele weitere Informationen ausblendend, reduziert man den aktuellen Vorstoß des türkischen Staates in Südkurdistan auf eine „Operation gegen die PKK“. Sowohl in der medialen Berichterstattung wie auch von der Bundesregierung im Bundestag wurde der Krieg des türkischen Staates gegen die kurdische Gesellschaft und Befreiungsbewegung folgendermaßen vermittelt: Die Türkei greife auf der Grundlage ihres nationalstaatlichen Rechts auf Selbstverteidigung und ihrer Sicherheitsinteressen an und tötet dabei legitimerweise die Separatisten und Terroristen der PKK.¹ Auch Texte von Stimmen, die nicht von liberalistischen und herrschaftstragenden, sondern solidarischen Kreisen kommen, entkommen der obigen diskursiven Gestaltung nicht, wenn sie argumentieren, dass bei den militärischen Angriffen der Türkei „auch Zivilist:innen zum Opfer“ fallen. Diese moralistische, aber moralisch eigentlich schwache Argumentation enthält auch unbeabsichtigt eine Logik, nach der dieser Krieg gerechtfertigt sei, solange dabei keine Zivilist:innen, sondern ‚nur‘ PKK-Kämpfer:innen sterben. An diesem Punkt, wonach die Vernichtung der PKK als legal und legitim akzeptiert und konstruiert wird, macht es Sinn, diese PKK hinsichtlich ihrer Ziele und Bedeutung in Kurdistan und dem Mittleren Osten etwas näher zu betrachten. Welche Ziele verfolgt sie, wie ist ihre Praxis und welche Entwicklungen im Sozialen, Gesellschaftlichen, Kulturellen und Politischen zog und zieht ihre Existenz und ihr Kampf nach sich? Eine historische Rekonstruktion aller emanzipativen Wandlungsprozesse, welche sich im Zusammenhang der Existenz und des Widerstands der PKK in Kurdistan vollzogen haben, kann hier nicht geleistet werden. Skizzieren lassen sich die grundlegenden Aspekte und Tendenzen dennoch.

Kampf für das Recht der Kurden auf Selbstbestimmung

Die fünf Jahrzehnte lange Existenz der kurdischen Befreiungsbewegung um die PKK und Abdullah Öcalan hat weitreichende Folgen für das kurdische Volk, für Kurdistan und darüber hinaus nach sich gezogen und birgt gegenwärtig gleichermaßen weitreichende Potentiale für die ganze Region in sich. Grundsätzlich festzuhalten ist, dass Millionen Kurd:innen mit der kurdischen Bewegung sympathisieren und sie unterstützen, weil für sie die PKK ihre nationale Interessen verfolgt. Man darf nicht vergessen, dass die PKK, metaphorisch gesprochen, die Kurd:innen in Nordkurdistan national wiederbelebt hat, nachdem der türkische Staat und Faschismus die kurdische Existenz an sich leugnete und alles Kurdische verbot. Die Kurd:innen verstehen den Kampf der PKK daher als einen Kampf um ihr Recht auf Selbstbestimmung. Des Weiteren geht die Verbundenheit vieler Tausender kurdischer Familien, ja ganzer Stämme mit der kurdischen Bewegung um die PKK sehr tief, emotional und moralisch, weil ihre Kinder innerhalb der PKK gefallen sind oder noch kämpfen. Die Existenz und die Politik der PKK hat in den letzten 50 Jahren viele Einflüsse innerhalb der kurdischen Gesellschaft, ihrem kollektiven Bewusstsein und der Identität vieler Kurd:innen bewirkt. Es ist ein geschichtlicher Fluss an sozialen Prozessen und Beziehungen, kollektiven Bedeutungen und Orientierungen innerhalb der kurdischen Gesellschaft, der sich bis in die Gegenwart erstreckt und in die Zukunft fließt. Ein junges Beispiel, das vor allem die existentielle Bedeutung der PKK für die Kurd:innen prägnant symbolisiert, ist die Intervention und Rettungsaktion der Guerillakräfte im ezidischen Şengal 2014. Vor den Augen der ganzen Welt spielte sich das Drama um den Angriff des IS auf die Ezid:innen ab. Doch kein Staat und keine Macht der Welt oder in der Region handelte und eilte zu Hilfe, außer der kurdischen Bewegung. Die Rolle der PKK reicht aber weit über die militärische Verteidigung der Kurd:innen hinaus.

Nicht ohne Grund wird von der kurdischen „Bewegung“ gesprochen

Man sollte sich auch vergegenwärtigen, dass die PKK keine klassische Partei oder typische Organisation ist. Nicht ohne Grund wird von der kurdischen „Bewegung“ gesprochen, die zahlreiche und diverse soziale und politische Entitäten umfasst. Diese Bewegung äußert sich insbesondere kulturell, politisch, künstlerisch, intellektuell oder auch ästhetisch. In den letzten Jahrzehnten waren oder handeln viele der beliebtesten Lieder innerhalb der Kurd:innen von oder über die Guerillakämpfer:innen. Auf kurdischen Hochzeiten wird zu diesen Liedern getanzt. Kurdische Neugeborene erhalten die Namen der Gefallenen.

Abdullah Öcalan - Vordenker und Schlüsselfigur

Da die kurdische Frage ein Produkt des westlichen neokolonialen Imperialismus ist, sind antikolonialer Kampf und die kurdisch-nationale Befreiung bzw. Selbstbestimmung zwei wichtige Säulen des Kampfes der PKK. Im Zuge dieses Bemühens und als Folge der Erkenntnis, dass die Probleme in Kurdistan global-struktureller Natur sind, wurden dagegen theoretische und praktische emanzipative Konzepte in einem sozialen Prozess innerhalb der PKK erarbeitet, die von großen Teilen der kurdischen Gesellschaft angenommen und wiederum im Sozialen und gesellschaftlich konkretisiert werden. Ob autonome Frauenstrukturen gegen das kurdische Patriarchat, dezentrale und demokratische Selbstverwaltung der Gesellschaftsgruppen gegen staatlich-zentralisierte Macht und Unterdrückung oder ökologische und gemeinwohlorientierte Ökonomie gegen den räuberischen und zerstörerischen Kapitalismus – sie alle sind praktische Reaktionen auf die sogenannte kurdische Frage und damit auf das Wesen der herrschenden Ordnung. Ob die HDP als eine authentisch demokratische und pluralistische Partei oder die feministische und basisdemokratische Rojava-Revolution: Als soziale Phänomene stehen sie in einem unmittelbaren historischen Zusammenhang mit den politischen, intellektuellen, kulturellen und sozialen Entwicklungen, die innerhalb der PKK-Guerilla stattgefunden haben; ein vielschichtiger Prozess, bei dem Abdullah Öcalan als Vordenker eine Schlüsselfigur ausübt. Aus Sicht und im Kontext der kurdischen Gesellschaft, insbesondere in Nord- und Westkurdistan, wirkt die PKK, die zumeist aus Töchtern und Söhnen der kurdischen Gesellschaft besteht, vor allem kulturell und in der symbolischen wie auch sozialen Sphäre.

Şengal und Mexmûr praktische Beispiele für neue Art gesellschaftlicher Organisierung

Die zunächst in den kurdischen Bergen innerhalb der Guerilla in einem sozialen Prozess entwickelten Werte und Praktiken fließen in das Denken, Handeln und die Sprache der Menschen. Die Tragweite der kulturellen und sozialen Transformationen in Kurdistan, welche sich von der PKK-Existenz ableiten, ist weitreichend, dass alternative, auf Gleichberechtigung und Freiheit fußende Formen von Individualität, Sozialität und Gesellschaftlichkeit entstehen. Die Orte Şengal oder Mexmûr, die gegenwärtig auch angegriffen werden, sind zwei praktische Beispiele einer für die Region neuen Art von gesellschaftlicher Organisierung, sie sind zwei kleine demokratische und selbstverwaltete Oasen im politisch sonst öden Irak. Diese neue Art der sozialen Organisierung hat ihren Ursprung in den Bergen Kurdistans und ist das Ergebnis der Erfahrung der kurdischen Guerilla, die sich nicht nur die Befreiung der Kurd:innen, sondern auch eine grundlegende Emanzipation der kurdischen Gesellschaft auf die Fahne geschrieben hat. In Nordsyrien beispielsweise verändern sich derzeit das Verständnis von Männlichkeit und Weiblichkeit wie auch die Geschlechterbeziehungen. Diese Transformationen stützen sich auf Theorie, Praxis, Erfahrung, Sprache und Begriffe, die aus der kurdischen Bewegung und Guerilla kommen. Das Konzept der asexuellen freundschaftlichen Beziehung zwischen Männern und Frauen (Hevaltî/Freundschaft, Hevserokatî/Ko-Vorsitz) in der Rojava-Revolution und der dortigen Selbstverwaltung ist eine Entwicklung, welche ihren historischen Ausgangspunkt in der Guerilla und der darin stattgefunden sozialen Revolution hat. Wenn von der „freien Frau“ (Jina azad) die Rede ist, dann ist darauf hinzuweisen, dass die kurdische Frau sich zunächst in den Bergen in der Guerilla von patriarchalischen Zusammenhängen befreit hat und gerade deshalb als Vorbild für alle kurdischen Frauen dient.

Guerilla ist Quelle und Antrieb für Demokratisierung und Selbstbestimmung

Kurz gesagt, die kurdische Bewegung, insbesondere die kurdische Guerilla, die derzeit von der NATO massiv angegriffen wird, bildet die Avantgarde der Emanzipation und Demokratisierung in Kurdistan. Fügt man zu besprochenen Charaktermerkmalen der kurdischen Bewegung noch ihr Streben für ein ökologisches Gleichgewicht und eine darauf beruhende Wirtschaftsweise jenseits von Kapitalismus hinzu, dann erscheint sie konsequenterweise als eine natürliche Feindin der kapitalistischen, patriarchalischen und hierarchischen herrschenden Ordnung. So betrachtet, erscheint die Zusammenarbeit und Partnerschaft der mafiösen, patriarchalischen und ausbeuterischen Barzani-Familie sowohl mit der Türkei als auch mit dem Westen auch nur als natürlich und verständlich, weil ihnen allen – dem Westen, der Türkei und dem Barzani-Clan – die demokratische und emanzipatorische Kraft, welche von der kurdischen Bewegung für die Gesellschaft ausgeht, als eine Bedrohung gilt. Um die herrschenden Verhältnisse zu verteidigen und zu vertiefen, um weitere Gas- und Ölpipelines durch Kurdistan ziehen zu können, um die Gesellschaften weiterhin ausbeuten zu können und Demokratie und Emanzipation zu verhindern, greifen sie die Guerilla an, da diese die Quelle und der Antrieb für Demokratisierung und Selbstbestimmung Kurdistans und des Mittleren Ostens ist. Was medial als eine „Operation gegen die PKK“ vermittelt und gerechtfertigt wird, entpuppt sich also als ein Angriff auf alle demokratischen, feministischen und revolutionären Kräfte, auf die Hoffnung auf eine demokratische und gleichberechtigte Zukunft Kurdistans und Mittleren Ostens. Neben den kollektiven Errungenschaften des kurdischen Volkes, die in Südkurdistan sehr fortgeschritten sind, und der demokratischen Perspektive für den gesamten Mittleren Osten, wird auch die Bedeutung der kurdischen Bewegung und der emanzipativen Entwicklungen in Kurdistan in ihrer globalen Dimension von den herrschenden kapitalistischen und patriarchalischen Kräften bekriegt. Die expansionistischen und kurdenfeindlichen Kriege der Türkei, der Terror des türkischen Staates wird von der sich auf „Demokratie und Menschenrechte“ oder „feministische Außenpolitik“ berufenden Bundesregierung bzw. in den Medien mit dem Satz „Operation gegen die PKK“ ummantelt. Dabei wird ignoriert und verschleiert, dass es sich bei diesem Krieg um einen Angriff auf alle Kurd:innen handelt. Angegriffen wird auch eine auf Geschlechtergerechtigkeit, Ökologie und Demokratie fußende Zukunft des Mittleren Ostens – das kann oder will der Westen aber nicht sehen und akzeptieren.

Wir stellen uns gegen die Lügen und Propaganda – Unsere Solidarität gilt den Guerillakämpfer:innen! Bijî Berxwedana Gerîla!


¹ Ich möchte hier nicht diskutieren, inwiefern diese Argumentation haltbar ist, zumal weder die PKK staatspolitisch separatistisch ist, noch greift deshalb das nationalstaatliche Recht auf Selbstverteidigung. Man könnte daher fragen, was wird denn da eigentlich verteidigt, wenn die PKK gar keine neuen Grenzen ziehen und den türkischen und weitere Staaten gar teilen bzw. die Kurd:innen von diesen separieren will?