Zîlan-Festival in Frankfurt: Eine Plattform für Frauen

Zum sechzehnten Mal hat der Verband von Frauen aus Kurdistan (YJK-E) an diesem Sonnabend zum traditionsreichen Zîlan-Festival eingeladen. Die Stimmung war gewohnt kämpferisch.

Zum sechzehnten Mal hat der Verband von Frauen aus Kurdistan (YJK-E) an diesem Sonnabend zum traditionsreichen Zîlan-Frauenfestival eingeladen. Das in diesem Jahr in Frankfurt am Main ausgerichtete Fest, das 2020 und 2021 wegen der Corona-Pandemie nicht stattfinden konnte, stand unter der Devise „Wehr dich! Organisiere dich! Lebe deine Freiheit!“ und bot nicht nur Frauen mit kurdischem Hintergrund eine Plattform, sich zu vernetzen und ein Licht auf die vielen spannenden Aktivitäten im frauenpolitischen Bereich zu werfen. Unter den Teilnehmerinnen des Spektakels waren auch viele Internationalistinnen, die teilweise aus benachbarten Ländern angereist waren.

Erlebnis für die Ohren und das Herz: Konzert von Dengbêj-Gruppe

Auf dem Programm standen Musikbeiträge in den verschiedenen kurdischen Dialekten und Tanzvorführungen. In einem Zelt wurden kurdische Kleider vorgeführt, für Kinder gab es ein gesondertes Programm. An zahlreichen Ständen gab es die Möglichkeit, sich über die Inhalte der kurdischen Frauenbewegung zu informieren, Bücher, handgefertigten Schmuck und auch köstliche Speisen zu kaufen. In einem der Zelte boten Dengbêj-Sängerinnen ein besonderes Erlebnis für die Ohren und das Herz. Dengbêj, das sind kurdische Poet:innen – auch Barden genannt – die mit mündlich tradierten Liedern verschiedenen Genres, ohne musikalische Begleitung, von Generation zu Generation die Schmerzen und das Leid ihrer Gesellschaft, Kriege und Konflikte zwischen den Völkern und Ethnien, Widrigkeiten der Liebe, Bräuche der Freude, märchenhafte Erzählungen, Klagelieder oder Gebetshymnen weitergeben. Da für das kurdische Volk die orale Literatur als Autobiografie der Gesellschaft gilt, werden Dengbêj auch als Historiker:innen betrachtet.


Botschaft der KJK

Eröffnet wurde das 16. Zîlan-Frauenfestival mit einem Gruß an die Guerilla, die Südkurdistan seit Monaten wieder gegen eine neuerliche Invasion des türkischen Staates verteidigt. „Bijî Berxwedana Gerîla“ – zu Deutsch: „Es lebe der Widerstand der Guerilla“ – war die Reaktion des Publikums auf den Gruß. Die Eröffnungsrede wurde von der kurdischen Politikerin Ayten Kaplan, die zugleich Sprecherin des YJK-E ist, gehalten. Anschließend ist ein Grußwort der Kampagne „Women Defend Rojava“ verlesen worden. Das Bühnenprogramm wechselte zwischen politischen Reden, Tanz und Musik, für die unter anderem die Künstlerinnen Meral Alkan, Nûarîn, Ayfer Düzdaş und Çopî sorgten. Einen Höhepunkt stellte die Botschaft der Gemeinschaft der Frauen Kurdistans (KJK), der Dachorganisation der kurdischen Frauenbefreiungsbewegung, dar. Die Frauen, die bereits die barbarischste Terrororganisation – gemeint ist der sogenannte IS – besiegten und damit einen der größten Widerstände der Geschichte für die Menschheit leisteten, würden mit dem Widerstand gegen die türkische Invasion in Zap, Metîna und Avaşîn nun einen weiteren, „in der modernen Geschichte selten gesehenen Kampf“ austragen, so die KJK: „Es ist in erster Linie die Pflicht von uns Frauen, diesen selbstlosen Widerstand der um Existenz und Würde kämpfenden Freiheitsguerilla Kurdistans auf höchster Ebene anzunehmen und auszuweiten. Wir müssen den Kampf gegen die Dunkelheit, die der Faschismus überall schaffen will, verstärken.“

Tuba Hezer: Es wird ein „Krieg um Würde“ geführt

Die Teilnehmerinnen antworteten auf das Grußwort mit der Parole „Jin, Jiyan, Azadî“ – Frauen, Leben, Freiheit. Im weiteren Verlauf trat die ehemalige HDP-Abgeordnete und Aktivistin der Kurdischen Frauenbewegung in Europa (TJK-E), Tuba Hezer, auf die Bühne. Hezer bezeichnete den Guerillawiderstand gegen die Invasion als einen „Krieg um Würde“ und schwere Last auf den Schultern der kurdischen Gesellschaft, die es gemeinsam anzupacken gelte. „Wie schon vor hundert Jahren schmiedet der türkische Staat Pläne, um einen Genozid am kurdischen Volk zu vollziehen. Doch er übersieht, dass kurdische Frauen die Geschichte bereits verändert haben. Kurdinnen führen Kämpfe um Befreiung und Demokratie und treiben Revolutionen an. Wir haben den Freiheitsgedanken verinnerlicht, diesen Weg werden wir nicht verlassen. Wir werden kämpfen; gegen die Isolation von Abdullah Öcalan und für seine Freiheit, gegen die Kriegsverbrechen an der Guerilla, für den Zusammenbruch des faschistischen AKP/MHP-Regimes und für die Verurteilung des Diktators Erdogan.“

Das Festival wird mit kurdischen Tänzen zu Live-Musik fortgesetzt.

Zîlan-Frauenfestival: Kurdische Tradition seit 2004

Das erste Zîlan-Frauenfestival hat 2004 unter dem Motto „Frauen überschreiten Grenzen“ in Gelsenkirchen stattgefunden. Im Jahr danach widmete die Frauenbewegung das Festival den Internationalistinnen Uta Schneiderbanger (Nûdem) und Ekin Ceren Doğruak (Amara), die am 31. Mai 2005 bei einem Autounfall in Südkurdistan ums Leben gekommen sind. In den folgenden Jahren standen zentrale Themen der Frauenbewegung im Mittelpunkt, so etwa der Kampf gegen den herrschenden Ehrbegriff („Wir sind niemandes Ehre, unsere Ehre ist unsere Freiheit!“) und gegen Feminizid („Frauen sind Leben, töte nicht das Leben!“) im Mittelpunkt. 2013 erklärten Tausende Frauen ihre Entschlossenheit, den Kampf der vom türkischen Geheimdienst in Paris ermordeten Revolutionärinnen Sakine Cansız (Sara), Leyla Şaylemez (Ronahî) und Fidan Doğan (Rojbîn) fortzusetzen. Weitere Festivals wurden den kämpfenden Frauen in Kobanê und Şengal gewidmet. Nach der türkischen Invasion in Efrîn lautete 2018 das Motto: „Efrîn verteidigen bedeutet die Frauenrevolution zu verteidigen“. Das letzte Festival fand im Juni 2019 unter dem Motto „Frauenwiderstand befreit“ statt.