„Wir können die Zeit der Frauen anbrechen lassen“

„Frauen, die sich dem Gehorsam verweigern, müssen im nächsten Schritt ihre Alternativen erschaffen“, erklärt Ronahî Serhed von der Partei der freien Frauen Kurdistans.

Die jüngste Kampagne der kurdischen Frauenbewegung lautet „Aufstehen für Freiheit und Veränderung“. Ronahî Serhed von der Koordination der Partei der freien Frauen Kurdistans (PAJK) hat gegenüber ANF erläutert, was die Ziele dieser Kampagne sind.

Serhed erklärt, dass es der kurdische Frauenfreiheitsbewegung mit einem jahrelangen Kampf gelungen ist, eine gesellschaftliche Verankerung zu erreichen. Nun sei es an der Zeit, dass die Frauenbewegung als Vorreiterin eine gesellschaftliche Revolution vollbringe, um die Ziele von Frauen zu verwirklichen. „Wir können als Frauen nun unsere Zeit anbrechen lassen, indem wir eine Gesellschaft auf der Grundlage von Freiheit und Gerechtigkeit aufbauen. Das gegenwärtige System befindet sich in einem Chaos- und Krisenzustand. Die Nationalstaaten brechen zusammen, ihre Regierungen werden gestürzt. Es ist der richtige Moment, um aus diesem System heraustreten und als radikale Bewegung eine nachhaltige Veränderung zu bewirken. Wenn wir das nicht vollbringen, werden die nationalstaatlichen Kräfte noch reaktionärer, noch zentralistischer und noch militaristischer agieren. Die Frauenbewegungen begehren dagegen auf, indem sie klar machen, dass sie keinen Gehorsam zeigen. Doch diese furchtlosen und mutigen Frauen müssen sich auch der Herausforderung stellen, eine Alternative zu erschaffen", so Serhed.

„Aufbau des konföderalen Systems ist unser Ziel“

Ronahî Serhed verweist darauf, dass der organisierte Kampf der Frauen zugleich auch Lösungen für gesellschaftliche und politische Probleme erschafft: „Der organisierte Kampf der kurdischen Frau hat nicht nur die Frauenfrage im Blick, sondern hat auch das Ziel, den faschistischen türkischen Staat in Richtung einer Demokratisierung zu zwingen, die Grundrechte und Freiheiten der Kurdinnen und Kurden zu erkämpfen und dafür zu sorgen, dass sie in der Türkei, in Syrien und im Iran einen verfassungsrechtlich geschützten Status erhalten.

Zugleich verlieren wir aber natürlich nicht aus den Augen, dass wir politisch, gesellschaftlich und kulturell die vorherrschende sexistische Gesellschaft verändern wollen. Der beste Weg, dies zu tun und eine passende Antwort auf das Nationalstaatensystem zu geben, besteht darin, unsere eigene Kraft zu stärken, indem wir uns den Aufbau des konföderalen Systems zum Ziel setzen und dies vorantreiben.  Das gehört ebenso zu den Zielen unserer aktuellen Kampagne wie eine Verstärkung der Aktionen und das Ausprobieren neuer Organisationsformen, um ein Bewusstsein für die Notwendigkeit des Wandels des Mannes und der Institution der Familie zu bewirken. ”

„Wir müssen mehr tun“

„Wenn jede Minute irgendwo auf der Welt eine Frau unter irgendeinem Vorwand durch die Hand eines Mannes ermordet wird, dann kann es nicht sein, dass wir lediglich ab und an auf die Straßen gehen, um zu demonstrieren", erklärt Ronahî Serhed und macht mit folgenden Worten darauf aufmerksam, dass die Frauenbewegungen weltweit noch aktiver werden müssen: „Natürlich ist es wichtig, eine klare Haltung zu zeigen. Doch wir müssen mehr als das tun. Wir müssen die herrschenden Regime von der Wurzel aus verändern. Wir müssen die Regierungen stürzen und einen demokratischen Wandel bewirken. Alle nicht-demokratischen, nicht-gleichberechtigten Institutionen müssen einem Veränderungsprozess unterzogen werden. Die sexistische, nationalistische und sektiererische Sprache und Politik müssen verändert werden. Alles, was schlecht ist, muss von uns verändert werden. Wenn wir den Wandel, den wir wünschen, nicht in die Realität umsetzen, werden wir bald schon vielleicht zu spät sein und verlieren."

Die politischen Ziele der aktuellen Kampagne der kurdischen Frauenbewegung listet Serhed wie folgt auf:

  • Permanente Proteste unter Beteiligung von hunderttausenden Menschen, um für eine demokratisches und freiheitliches gesellschaftliches Leben und eine neue Verfassung in der Türkei einzutreten
  • Die vollständige Aufhebung der Isolation Abdullah Öcalans, ein Ende des Krieges und die Schaffung eines Friedens durch die Lösung der kurdischen Frage
  • Die gleichberechtigte Repräsentation von Frauen in allen politischen staatlichen und nicht-staatlichen Einrichtungen; eine vierzigprozentige Frauenquote wird in diesem Zusammenhang als zu niedrig erachtet; die partizipative Demokratie und gleichberechtige Repräsentation werden als unbestreitbare Prinzipien erachtet
  • Die Anerkennung der Demokratischen Förderation Nord- und Ostsyriens als Ansprechpartnerin für eine demokratische Lösung im syrischen Bürgerkrieg; ein Ende der türkischen Kriegsdrohungen und der Besatzung in Nordsyrien; die USA und Russland dazu bewegen, für eine demokratische Lösung im Iran im Sinne der Völker eine konstruktive Rolle einzunehmen
  • Die Anerkennung der Frauenrechte und der Rechte der Kurd*innen im Iran
  • Eine verfassungsrechtliche Anerkennung des autonomen Status von Şengal

Die gesellschaftlichen Ziele der Kampagne lauten:

  • Ununterbrochene Aktionen und Diskussionen, um die sexistische Geisteshaltung und sexistische Strukturen zu bekämpfen; parallel staatliche Institutionen, die innerfamiliäre Gewalt legitimieren und den Mann schützen, zu einem Wandel zwingen und außer Kraft setzen
  • Den Status von Frauen, die in die Rolle der Hausfrau gezwängt werden, verändern und ihrer aktiven Partizipation am politischen Leben den Weg ebnen
  • Das gesellschaftliche Bewusstsein stärken, um Kinderehen und Mädchenbeschneidungen zu unterbinden
  • Muttersprachlichen Unterricht für Mädchen ermöglichen; hierzu außerstaatliche Bildungseinrichtungen schaffen
  • Die sexistischen Mann-Frau-Beziehungen und innerfamiliären Verhältnisse wandeln; hierbei die Probleme, die auf dem Weg zur Schaffung von gleichberechtigten und freien gesellschaftlichen Beziehungen zwischen den Geschlechtern entstehen, tiefgreifend diskutieren und aus dem Weg räumen

Jineoloji-Arbeiten intensivieren

Ronahî Serhed macht darauf aufmerksam, dass auch immer mehr Männer sich gegen die sexistische Gesellschaftsordnung stellen. In diesem Zusammenhang sei das große Interesse für Jineolojî hervorzuheben. „Dennoch", so fordert Serhed, „müssen wir auch in diesem Bereich unsere Organisierung voranbringen. Denn der Kampf gegen die sexistische Kultur ist langatmig und muss permanent geführt werden. Nur so können wir die herrschenden Gewaltblockade des Mannes durchbrechen." Abschließend ruft Ronahî Serhed Frauen weltweit dazu auf, ihre Bindungen zum System zu durchbrechen und den revolutionären Kampf zu stärken.