Mit „Der Mann im Schatten“ hat die Autorin Quzelkurt nicht nur eine packende Liebesgeschichte geschaffen, sondern auch eine tiefgehende Auseinandersetzung mit Identität, Traumata und gesellschaftlichen Tabus. In ihrem Werk verbindet sie persönliche Erfahrungen mit intensiver Recherche, um eine authentische und berührende Erzählung zu präsentieren. Im Interview spricht Quzelkurt über ihre Inspiration, die Bedeutung der kurdischen Repräsentation in der Literatur und die Herausforderungen des realistischen Schreibens. Ein Gespräch über Emotionalität, tiefgehende Charaktere und die Verantwortung, ungehörte Geschichten zu erzählen.
Was hat Sie dazu inspiriert, „Der Mann im Schatten“ zu schreiben?
Ich habe nie eine direkte Inspiration für meine Geschichten. Ich bezeichne es immer als eine Summierung an Gedankenblitzen, die mit meiner Unzufriedenheit der aktuellen zeitgenössischen Literatur und purer Intuition einhergeht. Angefangen mit Szenarien vor dem Schlafengehen, wie zwei Personen sich stückweise näherkommen.
Mir haben beim Lesen von Liebesromanen gewisse – und vor allem gesellschaftlich relevante – Themen gefehlt, wiederum habe ich zu oft das Gleiche gelesen und mich daran satt gesehen. Es waren immer weiße Protagonisten, Amerikaner oder Briten, wenn es mal ganz exotisch werden soll, aber Kurden? Islam? Fundamentaler Hass gegenüber einer Sache? Das gab es noch nie und das habe ich genutzt.

Arian ist eine sehr komplexe Figur mit einer traumatischen Vergangenheit. Wie haben Sie sich auf deren Entwicklung vorbereitet?
Beobachtung, Wissen, Realität. Ich arbeite sehr gern mit wahren Begebenheiten, um so realitätsnah wie möglich schreiben zu können. Viele Erlebnisse Arians und auch Diyars sind die meiner Eltern und weiterer tausend Kurden, die ihre Heimat verlassen mussten, nur weil sie Kurden sind. Ansonsten habe ich mich in Themen eingelesen, indem ich mir die entsprechenden Vorlesungsfolien oder Literatur angeschaut habe, falls mein eigenes Wissen nicht ausgereicht hat.
Ayla ist eine empathische und starke Hauptfigur. Gibt es reale Vorbilder für sie?
Keine direkten. Ich lasse gern meine eigenen Eigenschaften hineinfließen. Bei ihr ist es die Empathie und Sensibilität. Das gibt dem Charakter Greifbarkeit, weil man sonst dazu neigen kann, einem Protagonisten etwas zuzumuten, was absolut nicht zur inszenierten Eigenschaft passt. Dafür gibt es auch einen Ausdruck: „Women written by men“. Das beschreibt zusammenfassend, dass jemand, der absolut keine Ahnung von der Natur der erschaffenen Person hat, diese gewissen – und vor allem unpassenden – Stereotypen zuordnet.
Welche Bedeutung hat der Titel „Der Mann im Schatten“ für Sie?
Titelgebung ist eine meiner Hassaufgaben als Autorin – gleich neben Namensgebung. Ich bemühe mich, den Titel so passend wie möglich zum Inhalt zu gestalten. Der Mann im Schatten bezieht sich auf Arians Persönlichkeit und wie er sich selbst durch seine Schicksalsschläge sabotiert – das kann man ihm nicht übel nehmen. Er steht im Schatten seiner selbst, sieht alles als bedrohliche Dunkelheit, die er nicht kontrollieren kann und gibt selbst so wenig von sich preis, dass er wie ein Schatten wirkt.

Das Buch thematisiert Kriegstraumata und psychische Heilung. Haben Sie dafür spezielle Recherchen betrieben?
Als Kurdin hat man die Quellen in der Familie. Da brauchte ich mich nicht im Internet einlesen, sondern habe meine Eltern gefragt. Deshalb steht auf der Impressumsseite jedes Buches, dass die Erzählungen auf wahren Begebenheiten kurdischer Geflüchteter beruhen oder daher inspiriert sind, wenn es eine kleine Anekdote oder ein Gedanke meiner Eltern zu Kriegszeit war. Bezüglich der Psychologie habe ich mich jedoch weiter eingelesen. Ich habe zu dem Zeitpunkt gern Bücher über Emotionen, Panikattacken und Traumata gelesen, und in Kombination mit Vorlesungsskripten und Fachpersonal, konnte ich ruhigen Gewissens meine Arbeit verrichten.
Welche Rolle spielt die kurdische Identität in der Geschichte, und warum war es Ihnen wichtig, sie darzustellen?
Eine sehr große Rolle. Wir Kurden sind zwar zahlenmäßig gut in Deutschland vertreten, doch durch Assimilation, Rassismus, Diskriminierung und Diskreditierung hört man uns seltener, als gut ist. Viele wissen tatsächlich nicht einmal, was Kurden sind. Kurde sein, heißt, Widerstand zu leisten. Meine Eltern sind – sowie alle anderen kurdischen Eltern – das lebende Beispiel dafür, und ich sehe es in meiner Verantwortung, dass ich auf das Leid aufmerksam mache, denn es ist ein beständiges Problem. Die kurdische Repräsentation ist nicht vorhanden in der Belletristik, und erst recht nicht in Zusammenstellung mit dem Erwähnen unserer Geschichte.
Je mehr Zuspruch ich von meiner Leserschaft bekam, desto wichtiger wurde es mir. Damit behaupte ich nicht, dass das Buch historielastig ist, sondern, dass alle angesprochenen Themen ordentlich angesprochen werden und die Leser entweder aufklären und in ein Thema einführen oder sie weiterbilden. Rapper wie Azad und Xatar sind die Vorreiter, was die Repräsentanz der Kurden angeht. Sie haben den Stein ins Rollen gebracht und dafür gesorgt, dass wir Kurden uns gesehen fühlen: Sie mit Musik, ich mit Büchern.
Die Beziehung zwischen Ayla und Arian ist sehr intensiv. War es eine Herausforderung, ihre Dynamik realistisch darzustellen?
Absolut nicht. Ich liebe Drama, Intensität und Monologe. Nur so ist eine Geschichte greifbar und emotional. Das war mir besonders wichtig, weil ich die Bücher, die ich gelesen habe, nie als intensiv wahrgenommen habe. Mir hat die Emotionalität gefehlt, von der alle gesprochen haben. Es gab kaum Monologe – das Fundament für Emotionalität. Ich kann keine authentische Dynamik erschaffen, wenn ich nicht die Gedanken der Protagonisten niederschreibe oder authentische Sprache im Sinne von Schimpfwörter beispielsweise verwende. Und damit meine ich nicht Blödmann, sondern solche, die Leute in unserer Generation, in unserem Alter auch wirklich sagen. Hurensohn, Bastard. Wer sich scheut und beschränkt lebt, der kann nicht realistisch schreiben.
Gibt es eine bestimmte Botschaft, die Sie mit der Geschichte vermitteln möchten?
Ja, diese ist spätestens am Ende des dritten Teils hoffentlich für alle erkennbar. Natürlich ist diese nicht die einzige Botschaft. Es treten immer wieder Lektionen auf, die durch Auseinandersetzungen zwischen Ayla und Arian entstehen. Dass man nicht zu voreilige Schlüsse ziehen sollte. Dass man mit Bedacht sprechen sollte. Dass man Menschen mit Empathie, mit emotionaler Intelligenz entgegenkommen soll. Ich möchte aber auch zeigen, wie sich emotionale Abhängigkeit äußert oder dass man sich nicht mit etwas abfinden sollte, wenn der Körper oder die Seele dagegen rebelliert. Vor allem, wenn Gynäkologen einem die Beschwerden absprechen möchten. Stichwort: Endometriose.
Der Mann im Schatten ist Teil einer Reihe. Was können Leser:innen in den nächsten Bänden erwarten?
Viele Emotionen, überraschende Wendungen und einige, sehnlichst erwünschte Erkenntnisse.

Was erwartet Ihre Leser:innen noch? Welche Projekte sind in Planung?
Ein Herzensprojekt, das hoffentlich schon bald publiziert wird. Auch dort spielt die kurdische Existenz eine Schlüsselrolle, nämlich in Form des antikurdischen Rassismus. Aber auch die türkische Gastarbeiterthematik bekommt ihre Daseinsberechtigung. Es wird ein wunderschöner, harmonischer und respektvoller Austausch zwischen zwei jungen, aus denen Sich-Liebende entstehen, die sich aber einigen Hürden stellen müssen, aufgrund ihrer Nationalitäten.
Warum nennen Sie sich „Quzelkurt“ – wie lautet Ihr richtiger Name?
Unter dem Pseudonym Quzelkurt habe ich mit 15 Jahren auf Wattpad angefangen zu schreiben. Das ist seither mein Künstlername, aber wenn man mich verfolgt, weiß man auch, dass ich eigentlich Helan heiße. Der Name ist ungewöhnlich, erregt Aufmerksamkeit und lässt sich Fragen: Wieso? Außerdem ist es auch ein politisches Statement. Klar, es ist eine Universalbeleidigung, ohne direkte Übersetzung, aber es zeigt, dass ich Kurdin bin. Es ist in der Buchbranche per se ungewöhnlich, keine deutschen Namen zu lesen. So steche ich noch weiter heraus.
Wann haben Sie angefangen zu schreiben, und was hat Sie dazu motiviert?
Ich habe spontan angefangen. Früher habe ich das Lesen gehasst und nicht verstanden, was die Leute darin sehen. Parallel dazu mochte ich Liebesgeschichten, also fand ich schnell die Plattform Wattpad für mich. Nach einer Zeit entsprachen die Geschichten nicht mehr meinem Geschmack, vor allem, weil sie sehr kurzlebig waren. So ist meine allererste Geschichte „Arroganz“ entstanden. Auch mit kurdischen Protagonisten, aber nicht sonderlich politisch intensivierend. Es hat dennoch gereicht, um Kurden Sichtbarkeit zu geben. Viele haben sich durch diese Amateurgeschichte zu ihren Wurzeln bekennen können. Das war primär nicht mein Ziel, weil ich zu dem Zeitpunkt absolut nicht politisch bewandert war, geschweige denn ein Bewusstsein dafür hatte.
Welche Bedeutung hat das Schreiben für Sie persönlich?
Ich sehe es als Therapie, als Tagebuch, als Aufklärungsarbeit und als Gespräch. Bücher sind ein traditionelles Medium, mit dem man seit Jahrhunderten Menschen erreicht. Das nutze ich, um Leser mit Themen zu erreichen, die viel zu selten angesprochen werden.
Wie reagieren Sie auf das Feedback Ihrer Leser:innen? Welche Kritiken gab es?
Das Feedback ist sehr positiv. Betroffene zu jedem behandelten Thema haben mir geschrieben, wie bedeutsam das Buch für sie ist und dass sie sich endlich gehört fühlen. Das war sehr wichtig für mich, weil mir so erst bewusst wurde, wie bedeutsam meine Arbeit ist. Ich habe Themen erwähnt, die für mich brennend sind und meiner Empfindung nach zu selten erwähnt werden, aber das Betroffene mich dahingehend bestärken, ist wie vom Professor gelobt zu werden.
Zudem bin ich sehr stolz auf mich, wenn mir Leserinnen schreiben, dass Bücher sie absolut nicht interessieren und mein Werk alles verändert hat. Bei Kritik gibt es immer zwei Seiten: die unzufriedenen, aggressiven Leser, die ihren Frust als Kritik verkaufen möchten und dann wirkliche Kritik. Zum Letzten kann ich nichts sagen, da mir zu Beginn bewusst war, dass ich nicht alle zufriedenstellen kann. Primär schreibe ich für meinen Genuss und habe damit eine große Leserschaft mit gleichem Geschmack gefunden.
Einige finden die Geschichte zu langatmig. Das ist dann halt so. Das kommt auch daher, dass die meisten zu wenig Bücher lesen, die eben mehr als 300-400 Seiten haben, was nicht schlimm ist. Es gibt immerhin genug andere Bücher. Was ich mir jedoch nicht zuschieben lasse, ist der Vorwurf, ich würde Sünden im Islam romantisieren. Das ist für mich keine Kritik, sondern eine Unterstellung und Falschaussage von jenen, die eine zu eingeschränkte Sicht haben und Teil des Problems sind. Sie wollen, dass ein Tabu eben ein Tabu bleibt, anstatt das Kind beim Namen zu nennen. Ein zentrales Thema in „Der Mann im Schatten“ ist Zina, also die Unzucht. Diese kommt schleichend und mit einer Lehre. Es zeigt die Realität vieler Muslime. Ich zeige die Realität. Das, was in dem Menschen vorgeht. Der Verlauf, die Gedanken, die Taten, die Reue, das Wiederholen, der Frust, die Resignation. Das ist keine Romantisierung, sondern Authentizität.