Unsere Geschichte wird vor unseren Augen versenkt

Mesopotamien ist menschheitsgeschichtlich eine hochbedeutsame Region. In Hasankeyf sind bisher bis zu 12 Jahrtausende alte Siedlungsreste gefunden worden. Diese weitgehend unerforschte Geschichte versinkt nun in den Fluten des Ilisu-Staudamms.

Mesopotamien ist eine der Regionen, in denen die Sesshaftwerdung der Menschheit ihren Ausgang nahm. Stadtkultur, Staaten, Schrift, Verwaltung und schließlich Herrschaft sind Entwicklungen, die insbesondere im europäischen Kontext auf Entwicklungen in Mesopotamien fußen. Die Bedeutung der Region für den asiatischen Raum wird ebenfalls intensiv erforscht. Mesopotamische Geschichte lässt einen Blick in die Entwicklung des Selbst und des Status quo der Menschheit zu und zeigt verschiedene mögliche Lebensformen, von matrizentrischen horizontalen Gesellschaften bis hin zu Imperien. Ein Fokus dieser mesopotamischen Geschichte ist der im Tigristal gelegene Ort Hasankeyf (kurdisch: Heşkîf). Immer neue Funde belegen eine bewegte und mindestens 12.000 Jahre, also ins Neolithikum zurückreichende Geschichte. Uralte Kirchen finden sich neben Moscheen und Heiligtümern der antiken Religionen und mesopotamischen Urreligionen. Dieser Ort und diese Landschaft atmen die Geschichte.

Das Schicksal dieses Ortes scheint allerdings besiegelt zu sein. Denn der Ort sinkt, trotz weltweiten Protesten der Zivilgesellschaft im ökonomisch unsinnigen und nur zu Kriegszwecken tauglichen Ilisu-Staudamm. Mit ihrem Staudammsystem setzt die Türkei nämlich einerseits ihre Nachbarstaaten, hier insbesondere Irak und Nordsyrien unter Druck und andererseits sollen so die Wege der kurdischen Freiheitsbewegung abgeschnitten werden. Ganz nebenbei wurden außerdem mehr als 80.000 Menschen von ihrem Land vertrieben. Mittlerweile ragen nur noch die Dächer der Häuser und die Bäume in den Gärten der Vertriebenen aus dieser fruchtbaren Region aus dem Boden.

Das Schild „Hasankey, Hoşgeldiniz, Hûn bi xêr hatin, Welcome”, steht vor diesem Schreckensbild. Wenn das Wasser weiter steigt, wird auch das Schild verschwinden. Normalerweise bringt man versunkene Städte mit Naturkatastrophen in Verbindung, aber hier wurde ein Ort mit voller Absicht vernichtet. Warum? Weil ein unterdrückerisches Regime, ohne zu zögern, bereit ist, die Menschheitsgeschichte für ihre Interessen zu vernichten.

Bald wird nichts mehr übrig sein von der Stadt und der Atem der Geschichte wird in den Fluten erstickt sein. In der Ferne sehen wir eine Decke oder ein Kissen im Wasser schwimmen. Es ist an einem Baum hängen geblieben. Am Ufer des steigenden Stausees steht eine alte Frau, die sich auf ihren Stock stützt. Manche Menschen halten an und betrachten die Katastrophe, andere Machen Fotos. Die Stille wird manchmal von Baumaschinen und manchmal vom Schnattern der Enten durchbrochen.

12.000 Jahre Geschichte werden einem auf 50 Jahre ausgelegten Staudammprojekt geopfert. Mitten durch das Drama fließt der Tigris. Er fließt seit Tausenden von Jahren in diesem Bett und kann die Geschichte bezeugen, aber auch er und seine Biodiversität werden dem Ilisu-Staudamm geopfert. Durch das steigende Wasser wurden bisher mehr als 250 Siedlungen in Sêrt (Siirt), Mêrdîn (Mardin), Êlih (Batman) und Şirnex (Şırnak) überschwemmt. In den vergangenen Tagen erreichte das Wasser Hasankeyf. Viele der historischen Orte sind bereits überschwemmt. Auch die Häuser der Bevölkerung und ihre Friedhöfe stehen unter Wasser. Eine Bewohnerin von Hasankeyf ist Hediye Tunç. Sie sagt: „Der Staat hat uns Haus und Hof genommen. Ich lebe seit 60 Jahren in Hasankeyf. In der vergangenen Woche sind unsere beiden zweistöckigen Häuser versunken. Wir sitzen auf der Straße. Niemand kümmert sich um uns.“ Die Mutter von elf Kindern klagt: „Gott möge diese Grausamkeit nicht hinnehmen. Er soll uns nicht verlassen“, und fährt fort: „Wir wollen unser Land nicht verlassen. Wo soll ich denn in meinem Leben noch hingehen? Vor dieser Katastrophe waren wir glücklich. Auch das Wasser des Tigris floss voller Leidenschaft.“ Sie berichtet, sie habe vom Staat keinerlei Entschädigung erhalten.

Der 42-jährige Sunmez Er aus dem vor einem Monat versunkenen Dorf Organ sagt: „Sehr viele Dörfer sind versunken. Wir wissen nicht wohin. Der Staat hat unsere fruchtbarsten Böden überschwemmt. Die Gräber unserer Großmütter und Großväter wurden überschwemmt. Wir mussten sie dort lassen. Wir erwarten sowieso nichts von diesem Staat, aber wir wollen unser Recht. Der Staat hat bis jetzt kein einziges Versprechen gehalten.

Die Überschwemmung stellt nicht nur für die Menschen, sondern auch für die Natur eine Katastrophe dar. Ein 650 Quadratkilometer großes Stück Natur wird vernichtet. Nach Angaben der Hasankeyf-Koordination, ein Zusammenschluss von Initiativen zur Rettung der historischen Kulturstätte in Nordkurdistan, werden mindestens 15.000 Menschen vertrieben. Die Zahl der Betroffenen dürfte aber weit höher liegen und wird vorsichtig auf etwa 100.000 Bewohner*innen der Uferzone des Tigris geschätzt. Dieses Projekt bringt allerdings keinerlei Nutzen, sondern nur Profite für Großkonzerne. Es stellt für den Irak und für Syrien eine Bedrohung dar, da die Türkei Wasser als Waffe benutzt. Das Absinken des Tigrispegels durch das GAP-Staudammsystem hat die irakische Landwirtschaft bereits negativ beeinflusst.