Neues Album „Morî Mircan” von Mehmet Atlı

Der kurdische Musiker Mehmet Atlı hat ein neues Album veröffentlicht: „Morî Mircan” ist bereits bei Spotify und YouTube zu hören.

Nach sechs Jahren legt Mehmet Atlı mit „Morî Mircan” endlich ein neues Album vor. Es ist das bisher vierte Soloalbum des kurdischen Musikers (45), der vor 25 Jahren als Solist, Songwriter und Gitarrist der Band Koma Dengê Azadî (deut. Stimme der Freiheit) erste musikalische Erfolge in Kurdistan und der Türkei feierte, und bereits auf Spotify und YouTube zu hören.

„Morî Mircan” (Korallenperle) erschien bei dem in Istanbul ansässigen kurdischen Label Kom Muzîk und ist nach dem gleichnamigen enthaltenen Titel benannt – eine Liebeserklärung an die älteste Tochter Zînê, die schon immer in der Musik von Mehmet Atlı eine große Rolle spielte. Das Album enthält neben sieben kurdischsprachigen, größtenteils eigenen Kompositionen außerdem ein Instrumentalstück und mit „Vay Dünya“ auch ein Lied des türkischen Volkssängers Aşık Sadık Doğanay, einem Musiker des epischen Genres.

 

Mehmet Atlı wurde 1975 in Erxenî (türk. Ergani) in Amed (Diyarbakir) geboren. Er stammt aus einer Eisenbahner-Familie, in der kurmancî und kirmanckî (zazakî) gesprochen wurde und die später in den Anfang der 1990er Jahre geschaffenen Bezirk Rezik (Bağlar) zog. Als die türkische Armee damals kurdische Dörfer niederbrannte und die Bewohner*innen ganzer Regionen zur Flucht in die Stadt zwang, war Rezik ein wichtiges Ziel von Binnenmigrant*innen.

Seine Kindheit verbrachte Atlı auf den Bahnhöfen von Amed, Ankara und Sirkeci in Istanbul. Ein Umstand, der in der nicht benennbaren Sehnsucht, die seine Musik prägte, immer wieder einen lebendigen Ausdruck findet, wie er selbst sagt. 1994 ging er zum Architektur-Studium nach Istanbul. Dort lernte Atlı Mitglieder der 1990 gegründeten Band Koma Dengê Azadî kennen und schloss sich ihr an. Die Musikrichtung der Gruppe und anderer kurdischen Musikbands, die in den 1990er Jahren fernab des Mutterlandes entstanden sind, war etwas völlig Neues für die kurdische Musikszene. Sie haben sowohl die authentischen kurdischen Volkslieder in einer modernen westlichen Form neu interpretiert und die Wiederbelebung verbotener kurdischer Kultur gefördert. Da in ihren Liedern aber auch der Befreiungskampf des kurdischen Volkes behandelt wurde, etablierte sich die Musik von Bands wie Koma Dengê Azadî als wichtiges Instrument für die Vermittlung der Widerstandsmusik und wurde zu einem festen Bestandteil kurdischer Widerstandsbewegungen. Unvergessen bleibt das 1998 erschienene Album Fedî (Scham). Das mit Abstand bekannteste Stück der Platte ist Mihemedo und stammte aus der Feder des kurdischen Dichters und Schriftstellers Arjen Arî, der 2012 in Amed an Krebs verstarb.

 

2003 erschien mit „Jahr“ (Gift) das erste Soloalbum von Mehmet Atlı, ein Mix aus Rock, Jazz und Symphonie-Arrangements, ohne traditioneller Volkslieder. Bis 2010 arbeitete der Künstler seiner Ausbildung entsprechend weiter als Architekt in Istanbul, bis er in der Folge seines 2008 erfolgreich erschienenen zweiten Soloalbums „Wenda“ (Verloren) zurück nach Amed zog, um sich intensiver der Musik zu widmen und als Dozent für Architektur-, Städte- und Moscheebaugeschichte an der Universität Artuklu in Mêrdîn (Mardin) zu arbeiten. Die meisten Texte und die Musik auf „Wenda“ stammen aus seiner Feder.

Erst auf Atlıs dritten Album „Birîn“ (Wunde) mit Texten von den Dichter*innen Kâmûran Elî Bedirxan, Cegerxwîn, Arjen Arî, Lorîn Dogan und Mazhar Kara, dessen Klänge inspiriert sind von Volksliedern aus den kurdischen Regionen Dersim, Koçgirî und Amed, findet sich mit „Karanfil Eker Misin“ erstmals ein einzelnes Lied in türkischer Sprache. Das Album erschien zuerst bei der in der Rheinstadt Neuss ansässigen Musikproduktionsgesellschaft Mîr Musik, die per Verfügung des Bundesinnenministeriums im Februar 2019 verboten wurde. In der Türkei wurde die Platte bei Kom Muzîk veröffentlicht.

Dass Atlı über zwanzig Jahre sein gesamtes Repertoire in Kurmancî und Kirmanckî entwickelt hatte, begründete der Künstler in einem Interview mit einem klaren Statement: „Sprachen sind kein Verbrechen. Ich habe kein Problem damit, türkisch zu singen. Ich liebe diese Sprache sogar. Aber ich möchte nicht, dass jemand vergisst, dass ich Kurde bin und kurdisch spreche. Ich bin entschieden gegen die Instrumentalisierung des Türkischen, wenn es darum geht, das Kurdische in die Vergessenheit zu drängen. Deshalb tat ich jahrelang so, als könnte ich kein Türkisch. Es war so etwas wie Verbissenheit, eine Sache um Leben und Tod. Denn Tausende Menschen starben nur deshalb, weil sie die kurdische Sprache verteidigt haben. Zehntausende mussten ins Gefängnis oder gingen ins Exil.“

 

Auch als Autor hat sich Mehmet Atlı inzwischen einen Namen gemacht. Das 2014 beim Verlag Iletişim erschienene Buch „Hepsi Diyarbakir“ (Alles Diyarbakir) – mit dem Untertitel „Was niemand weiß und doch alle zu glauben wissen – ist ein monografischer Überblick über die Entwicklung seiner Heimatstadt und eine Reise durch eine ehemals kosmopolitische und traditionelle Stadt, deren Stern erlosch, als sie sich in eine republikanische Provinz verwandelte, und sich ab der Jahrtausendwende hin zu einer Metropole entwickelte, deren unterschiedliche Identitäten ihren verschwundenen Stern wieder zum Leuchten bringen.