Fotografie im Ausnahmezustand

Mit Bildern und Veranstaltungen wird auf die Zerstörung von Sûr, der Altstadt von Amed (Diyarbakir), hingewiesen. Eröffnung der Ausstellung im ehemaligen Rathaus von Berlin-Kreuzberg ist am 26. September.

„Die Stadt Diyarbakir, im kurdischen Südosten der Türkei auf einem Plateau am Tigris gelegen, hat seit mehr als 4000 Jahren unterschiedliche östliche und westliche Kulturen erlebt. Als politisches und ökonomisches Zentrum hatte sie immer eine besondere geopolitische Bedeutung.

Mit ihrem multikulturellen und multikonfessionellen Charakter ist Sûr, die Altstadt von Diyarbakir innerhalb der sechs Kilometer langen, erhaltenen Festungsmauern bis heute von vielfältigen städtischen Strukturen geprägt, zu denen archäologische Stätten und eine typische Architektur mit Bürgerhäusern, religiösen Stätten wie Moscheen und Kirchen und öffentlichen Bauten gehört“, schreiben die Veranstalter der Ausstellung, die am 26. September um 17.00 Uhr von Kristine Jaath, Vorsteherin der Bezirksverordnetenversammlung Friedrichshain-Kreuzberg von Berlin, Fatma Şık Barut, ehemalige Ko-Bürgermeisterin von Sûr, Dr. H.G. Kleff, Ko-Kurator der Ausstellung und Esra Gültekin, Journalistin und Fotografin eröffnet wird. Zu sehen sein werden dort Bilder von Mahmut Bozarslan, Hanjo Breddermann, Selçuk Ekmekçi, Esra Gültekin, H.G. Kleff, Hinrich Schultze, Nevin Soyukaya, Refik Tekin, sowie Fotos von der Plattform „Nein zur Zerstörung von Sur“. Weiter heißt es in der Einladung zu der Ausstellung, die vom 27. September bis zum 26. Oktober im ehemaligen Rathaus von Kreuzberg besucht werden kann:

„Mit ihrem Konzept einer behutsamen Stadterneuerung von Sûr nach sozialen, kulturellen und ökologischen Prinzipien gelang es der aktiven städtischen Zivilgesellschaft in Zusammenarbeit mit der von der oppositionellen HDP regierten Stadtverwaltung von Diyarbakir im Jahr 2012 zunächst die türkische Regierung dazu zu bringen, einen Antrag bei der UNESCO einzureichen. Nach erfolgreicher Arbeit der Zivilgesellschaft und Kommunalverwaltung wurde 2015 die 'Festung Diyarbakir und Kulturlandschaft Hevsel-Gärten' in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes aufgenommen.

Nach dem Ende des Waffenstillstandes und der Verhandlungen zwischen der türkischen Regierung und der kurdischen Opposition kam es ab September 2015 auch in Diyarbakir-Sûr zu Kampfhandlungen zwischen Jugendlichen und Polizei und Armee. Sûr wurde mit langen 24-stündigen Ausgangssperren vollkommen abgeriegelt und von der Armee mit Panzern und Granatwerfern beschossen. Der bewaffnete Konflikt, bei dem einige hundert Menschen starben und schätzungsweise 400–500 Gebäude zerstört wurden, endete im März 2016. Die größten Zerstörungen fanden allerdings erst danach und bis heute statt: Zunächst wurden die schmalen Gassen zu breiten Straßen erweitert und ganze Häuser wurden mit schweren Maschinen abgerissen und entsorgt. Parallel dazu wurde am 21.03.2016 das gesamte Gebiet innerhalb der Festungsmauern inklusive Moscheen, Kirchen und anderen historischen Gebäuden enteignet. Ganze Viertel sind bis heute abgeriegelt. Selbst das UNESCO-Welterbe-Komitee bekommt keinen Zugang mehr. Schon früh setzte die türkische Zentralregierung auch die 2014 mit großer Mehrheit gewählten kurdischen Ko-Bürgermeister ab, ersetzte sie durch Zwangsverwalter und ließ sie zu teilweise jahrzehntelangen Haftstrafen verurteilen.

Vor allem durch Satellitenbilder kennen wir die bis heute anhaltenden Zerstörungen und Abrisse. Im östlichen Teil von Sûr wurden bis Juli 2017 mehr als 3500 Gebäude und im südwestlichen Sûr mehr als 800 Gebäude, also insgesamt etwa 40 Prozent aller Gebäude abgerissen. Mit rund 25.000 Menschen wohnte dort etwa die Hälfte der Bevölkerung innerhalb der Festungsmauern ausmachten.

Veranstaltungen:

Mittwoch, 26.09.2018,18.30 Uhr, Raum 1053
FOTOGRAFIE IM AUSNAHMEZUSTAND

Gespräch mit Hinrich Schultze (Fotograf), Esra Gültekin (Journalistin und Fotografin), Refik Tekin (Journalist und Fotograf) und Fatma Şık Barut (ehemalige Ko-Bürgermeisterin von Sûr)

Montag, 08.10.2018,18.30 Uhr, Raum 1053

Die Zerstörung von Diyarbakir und das Schweigen der UNESCO

Wie ein Konflikt zur Gentrifizierung und demographischen Veränderung benutzt wird

Ercan Ayboğa (Umweltingenieur, von 2015 bis 2017 in der Stadtverwaltung Diyarbakir) und Stefan Dömpke (Gründer und Vorsitzender von World Heritage Watch) berichten, wie Diyarbakir mit seiner Festung, Altstadt und den Hevselgärten zunächst 2015 in die UNESCO Weltkulturerbe-Stätten aufgenommen und wenige Monate später von der türkischen Regierung systematisch abgeriegelt und anschließend Schritt für Schritt zerstört wurde.

Ehem. Rathaus Kreuzberg
Yorckstr. 4-11, Foyer im 1.OG., 10965 Berlin

Ausstellung:

27.09. bis 26.10.2018

Montags bis freitags geöffnet von 08 bis 20 Uhr, Eintritt frei

Eröffnung: Mittwoch, 26.09.2018,17 Uhr

Begrüßung:

Kristine Jaath, Vorsteherin der Bezirksverordnetenversammlung Friedrichshain-Kreuzberg von Berlın; Fatma Şık Barut, ehemalige Ko-Bürgermeisterin von Sûr; Dr. H.G. Kleff, Ko-Kurator der Ausstellung; Esra Gültekin, Journalistin und Fotografin

Eine Ausstellung auf Initiative der Bezirksverordnetenversammlung Friedrichshain-Kreuzberg

Fotografien: Mahmut Bozarslan, Hanjo Breddermann, Selçuk Ekmekçi, Esra Gültekin, H.G. Kleff, Hinrich Schultze, Nevin Soyukaya, Refik Tekin, sowie Fotos von der Plattform „Nein zur Zerstörung von Sur“

Texte: Elke Dangeleit, Dr. H.G. Kleff“