Wird es in Armenien einen Genozid geben?

Die Geschichte des türkischen Staates ist eine Geschichte des Genozids, der Vertreibung und Ermordung der ethnischen Minderheiten. Die Niederlage Arzachs wäre aufgrund dieser Erfahrungen von katastrophalem Ausmaß, analysiert Hovhannes Gevorkian.

„Wir wissen, was 2014 im Irak passierte, und sind angetreten, um angesichts der gleichen Mörder von damals unsere Rache zu vollenden”, so ein Mitglied des „Bataillons Qyaram Sloyan”. Der Kampfverband aus ezidischen Freiwilligen hat nicht zufällig diesen Namen: Er ist benannt nach dem ezidischen Soldaten Qyaram Sloyan, der bei dem kurzen Aprilkrieg 2016 zwischen Armenien und Aserbaidschan in Arzach (Bergkarabach) von aserbaidschanischen Soldaten ermordet und enthauptet wurde. Videos und Bilder zeigen den Mörder, der mit abgetrenntem Kopf in sozialen Netzwerken posiert. Er wurde später von Präsident Ilham Aliyev persönlich ausgezeichnet.  

Qyaram war nur 19 Jahre alt und kam aus einer armen ezidischen Familie aus Artashavan. Schon seit Vater kämpfte im ersten Krieg um Arzach von 1992 bis 1994. Nun ist auch sein Bruder in den Krieg eingezogen, der seit dem 27. September tobt und tausende Menschenleben forderte. Seit Aserbaidschan unter Führung der Türkei Arzach angreift, sind überdurchschnittlich viele ezidische und auch assyrische Freiwillige an die Front gegangen, um die Region zu verteidigen. Neben denjenigen, die sowieso im Militärdienst sind, schließen sich dutzende den Bataillonen an.

Qyaram Sloyan

Besonders die ezidischen Freiwilligen kämpfen mit dem Bewusstsein darüber, was mit ihren Geschwistern im Şengal im August 2014 geschah, als der selbsternannte IS in der Region einen Völkermord verübte und etwa 10.000 Menschen ermordete. Nur durch die Intervention der HPG, YPG und YPJ konnte ein noch grausameres Verbrechen vereitelt werden. Diese Erfahrung ist sowohl bei den Menschen in der Region als auch in Armenien präsent; besonders weil die Armenier*innen und Assyrer*innen vor 105 Jahren selbst Opfer eines Genozids wurden und über 1,5 Millionen getötete Menschen zu beklagen haben. Da die Türkei den Genozid ab 1915 bis heute leugnet und diese Verleugnung zu einem Axiom des türkischen Staates geworden ist, bleiben die genozidalen Erfahrungen weiterhin präsent und werden immer wieder hervorgerufen, wenn Vertreibungen und Massaker drohen.

Massaker in Arzach

In Arzach finden Massaker bereits statt. Etwa 90.000 Menschen haben ihre Heimat bereits verlassen müssen. Fällt Arzach, ist die Vertreibung und Ermordung der restlichen Armenier*innen dort gewiss. Nicht nur die Intervention der Türkei, sondern auch der Einsatz islamistischer Dschihadisten aus Syrien ruft vor allem bei den Ezid*innen schreckliche Erinnerungen an den Völkermord vor sechs Jahren wach. Es kann mit ziemlicher Sicherheit gesagt werden, dass die gleichen Mörderbanden des IS auch heute aktiv sind, da sie sich nach ihrer Niederlage gegen die Demokratischen Kräfte Syriens (QSD/SDF) in die Türkei oder den Nordwesten Syriens, insbesondere nach Idlib zurückzogen haben, um sich zu reorganisieren. Der türkische Angriffskrieg Anfang 2018 gegen Efrîn führte nicht nur dazu, dass die Türkei weite Teile Rojavas besetzen, sondern auch eine Basis für den IS etablieren konnte, was sich jüngst auch wieder offen auf den Straßen von Serêkaniyê (Ras al-Ain) zeigte.

„Bataillon Qyaram Sloyan”

Die Kontinuitäten des Völkermords

Ein Genozid bedeutet die systematische Vernichtung einer Volksgruppe oder Ethnie. Der Begriff wurde vor dem Hintergrund des Holocausts an den Jüd*innen vom polnischen Juristen Raphael Lemkin geprägt, der selbst 1939 sein Leben dadurch retten konnte, indem er am 6. September 1939 das Land verlassen konnte. Lemkin verlor 49 Familienangehörige durch die Verbrechen des NS-Regimes. Nichts weniger als die Auslöschung des gesamten armenischen Volkes wollten auch die Jungtürken, als sie den Genozid am 24. April 1915 einleiteten; nichts weniger als die Vernichtung aller Ezid*innen wollte der IS erreichen, unabhängig von Alter, Geschlecht, sozialer Lage oder Sexualität. Diese Ereignisse werden zurecht als Völkermord beschrieben, auch wenn am Ende nicht die gesamte Bevölkerung zum Opfer dieser grausamen Verbrechen wurde.

Zwischen allen Völkermorden besteht eine Gemeinsamkeit: die vorhergehende Dehumanisierung der Opfer. Die Täter müssen den Willen aufzeigen, das Opfer restlos zu vernichten. Weltweit gehen Armenier*innen und Ezid*innen auf die Straßen, um auf drohende Verbrechen seitens der Türkei-geführten islamistischen Banden und der aserbaidschanischen Armee aufmerksam zu machen. Dabei wird auch immer wieder eindringlich darauf hingewiesen, dass sich ein neuer Genozid auf keinen Fall wiederholen darf. Doch das sind nicht nur Appelle an die Weltöffentlichkeit, sondern der Hinweis auf eine reale Gefahr: War es nicht Recep Tayyip Erdogan höchstpersönlich, der am 22. Juli sagte, man werden die „Mission der Großväter im Kaukasus fortsetzen”? Sagte er nicht schon vorher, am 4. Juni, dass „terroristische Reste des Schwertes in unserem Land versuchen, [terroristische] Aktivitäten durchzuführen. Ihre Zahl ist stark zurückgegangen, aber sie existieren immer noch.“?

Mit den „Resten des Schwertes” sind die Nachkommen der Überlebenden des Genozids gemeint, wie es auch der HDP-Abgeordnete Garo Paylan erklärte: „In seiner hasserfüllten Rede (…) benutzte Erdoğan wieder einmal den Ausdruck ‚Reste des Schwertes’. ‚Reste des Schwertes‘ wurde erfunden, um sich auf Waisenkinder wie meine Großmutter zu beziehen, die den Völkermord an den Armeniern [1915] überlebt haben. Jedes Mal, wenn wir diese Phrase hören, bluten unsere Wunden wieder.“    

Legte nicht der türkische Verteidigungsminister Hulusi Akar nach: „Armenien wird unter seiner eigenen Verschwörung begraben werden, darin ertrinken und für seine Taten auf jeden Fall bezahlen”. Wir zitieren diese Beispiele von den höchsten Repräsentanten des türkischen Staates, um das Anliegen deutlich zu machen, und sprechen besser nicht von den unzähligen Mord- und Gewaltaufrufen in diversen nationalistischen Blättern. Nur eine Ausnahme erscheint erwähnenswert: Der Propagandist und Chefredakteur der Zeitung Yeni Şafak, Ibrahim Karagül. Dieser forderte zu Beginn des Krieges die Bombardierung Jerewans und Ende Oktober offen die Besatzung Südarmeniens, um Aserbaidschan mit der Türkei zu verbinden. Es ist nicht nur die Tatsache, dass Karagül für eine umsatzstarke nationalistische und antisemitische Zeitung schreibt, sodass seine Hetze viel Gehör findet; es ist auch die Tatsache, dass er persönlich mit Erdogan befreundet ist, ihn bei Auslandsreisen oft begleitet und sogar sein Berater ist.  

Vernichtungswille gepaart mit geopolitischen Interessen

Diese faschistische AKP/MHP-Regierung leugnet paradoxerweise nicht den Genozid, sondern will ihn vollenden. Dahinter steht nicht bloß der Vernichtungswille, sondern auch das geopolitische Interesse der Türkei, eine direkte Verbindung nach Aserbaidschan zu haben, um die panturkistischen Pläne Realität werden zu lassen. Es ist klar und seitens der Aliyev-Regierung immer wieder deutlich gemacht worden, dass im Falle einer Eroberung Arzachs das Gebiet von Armenier*innen „gesäubert” werden müsste. Da aber ein Teil der lokalen Bevölkerung nicht aufgeben will und in Arzach bleibt, um Widerstand zu leisten, droht hier in der Tat ein Massaker, zumal die aserbaidschanischen Truppen bereits in die Region eingedrungen sind.  

Die armenische Präsenz in Arzach wäre bei einer Niederlage ebenfalls zu Ende, aber das bedeutet nicht, dass Aserbaidschan und vor allem der türkische Staat an diesem Punkt aufhören würden. Im Gegenteil wäre nun der südarmenische Sangesurkamm (Zangezur) an der Reihe, um die aserbaidschanische Exklave Nachitschewan mit Aserbaidschan zu verbinden. In Nachitschewan selbst gibt es eine große türkische Militärbasis und nichts würde die Türkei lieber machen, als über diese Region in Armenien einzumarschieren; allein die russische Präsenz in Armenien verhindert dies.

Unterdrückte Völker haben keine Schutzmacht

Doch genauso wenig wie ein Genozid ein einmaliger Prozess ist, der keine historischen Wurzeln hat, kann sich weder das armenische noch das ezidische Volk auf diese russische Präsenz verlassen, die nur von eigenen Interessen geleitet ist und den armenischen Staat unter seine Kontrolle bringen will. Es ist ein Mythos, dass Russland die „Schutzmacht” Armeniens sei, da die unterdrückten Völker keine Schutzmächte haben. Auch die USA waren niemals die Schutzmacht der QSD/SDF, sondern handelten stets im eigenen Interesse und gaben der Türkei grünes Licht für eine Offensive gegen Rojava, die nun wieder an Fahrt annehmen könnte mit den Angriffen auf die Umgebung von al-Bab.  

Die Geschichte des türkischen Staates ist eine Geschichte des Genozids, der Vertreibung und Ermordung der ethnischen Minderheiten: Der Genozid von 1915 ist die Grundlage dafür, dass die unterdrückten Völker dort nun Schlagwörter wie Dersim 1937/38, Maraş 1978, Çorum 1980, Sivas 1993 oder Gazi 1995 kennen und das sind nur einige Beispiele, die ergänzt werden durch die blutige Niederschlagung kurdischer Aufstände über die Geschichte der Türkei hinweg.

Die Niederlage Arzachs wäre aufgrund dieser Erfahrungen von katastrophalem Ausmaß und würde einen Genozid nicht vollenden, sondern fortführen, da die historische Agenda der Türkei die Vernichtung aller Armenier*innen, Assyrer*innen und Ezid*innen war, ist und bleibt. Die Frage also, ob es einen Genozid in Armenien geben wird, sollte nicht nur im Kontext der vergangenen und kommenden Wochen um den Krieg in Arzach analysiert werden, sondern im historischen Kontext und der zukünftigen politischen Mission der Türkei.

Der armenische Revolutionär Monte Melkonian, der selbst beim ersten Krieg um Arzach zu einem der wichtigsten Kommandeure aufstieg und zum Märtyrer wurde, drückte es so passend aus, dass es sich in das Herz aller Armenier*innen einbrennen sollte: „Wenn wir Arzach verlieren, schlagen wir die letzte Seite der armenischen Geschichte auf.”


Der Autor Hovhannes Gevorkian (27) wurde in Jerewan geboren. Der Jurist lebt und arbeitet in Berlin.