Neues aus dem Frauendorf Jinwar

Im Frauendorf Jinwar im Norden Syriens geht das Leben trotz Krieg, Embargo und Corona weiter. Die Bewohnerinnen berichten in einem Newsletter über ihre aktuelle Situation.

Das vor vier Jahren in Nordsyrien gegründete Frauendorf Jinwar trotzt weiterhin den durch Krieg und Embargo verursachten Bedingungen in der Region. In einem Newsletter berichten die Bewohnerinnen über ihre aktuelle Situation und wünschen allen Unterstützer:innen einen guten Start in die Frühlingsmonate:

„Natürlich haben wir die neuesten Nachrichten und Entwicklungen rund um das Coronavirus hier verfolgt, seine Ausbreitung und seine kurz- und langfristigen Auswirkungen auf unser Leben sind auch nach zwei Jahren noch verheerend. Die Maßnahmen der Staaten, die Angstmacherei und vor allem die soziale Distanzierung werden noch tiefere Folgen hinterlassen, ähnlich wie die Narben des Dritten Weltkriegs, der hier seit Jahren auf dem Rücken der Bevölkerung ausgetragen wird.

Gleichzeitig sehen wir die Bedeutung des politischen gesellschaftlichen Lebens, das dafür sorgt, selbstverantwortlich zu handeln und neben allen Maßnahmen auch unabhängig zu handeln und im Aufbauprozess Lösungen für ein gleichberechtigtes, ökologisches Leben zu finden. Beispiele gibt es sowohl hier als auch dort: als Beispiele die Bereitstellung von Nachbarschaften durch die Gesellschaft, um solidarisch zu sein miteinander.

Im Zuge der Isolation und Einsamkeit während der Corona-Regelungen hat die Gewalt gegen Frauen sowie und die Zahl der Frauenmorde stark zugenommen. Vor allem Mütter leiden unter der Schließung von Schulen oder Kindertagesstätten, weil sie die Hauptbetreuerinnen der Kinder und gleichzeitig die ersten sind, die entlassen werden. Zudem haben Frauen in der derzeitigen Situation weniger bis gar keine Möglichkeiten, sich außerhalb des Hauses zu bewegen, Ideen auszutauschen, Orte zu finden, an die sie gehen können, um sich zu organisieren. Zugleich besteht ein größerer Druck, traditionelle Rollen zu übernehmen, anstatt sich mit anderen Frauen zu organisieren und ihr Leben gemeinsam zu gestalten.

In den letzten zwei Jahren haben wir wieder einmal gesehen und gespürt, wie wichtig es ist, unsere natürlichen Ressourcen und unsere ökologische Lebensweise zu bewahren. Das bedeutet den Aufbau gesunder Beziehungen zwischen Natur und Mensch und zwischen den Menschen.

Hier in Jinwar - dem Frauen- und Kinderdorf im Nordosten Syriens - geht das Leben weiter. Es ist wichtig, dass das Leben weitergeht und nicht stillsteht. Wir organisieren unser Leben gemeinsam und setzen unsere Arbeit fort. Auch wenn die Bedingungen schwieriger geworden und die Grenzen weiterhin geschlossen sind. Das Embargo gegen die Autonomieverwaltung hält an und die Angriffe der Türkei und ihrer Banden finden ganz in der Nähe statt. Wir haben erst vor zwei Wochen 121 Menschen bei der Selbstverteidigungsaktion gegen den geplanten Gefängnisausbruch der IS-Gefangenen in Hesekê verloren.

Während wir hier als Frauen keine direkte Gewalt in unserem täglichen Leben erfahren und die Möglichkeit haben, uns auszutauschen, unsere Beziehungen zu vertiefen, zu planen und zu diskutieren, wie wir unser Leben gemeinsam gestalten wollen, fühlen wir dennoch den Schmerz aller Frauen, die heute an vielen verschiedenen Orten der Welt kämpfen und Widerstand leisten.

Schnee in Jinwar

Hier im Dorf Jinwar treffen wir uns alle zwei Wochen als Rat, diskutieren die aktuelle politische Situation und die verschiedenen Entwicklungen im Dorf, wie zum Beispiel unser Gemeinschaftsleben oder anstehende Aktionen wie den 8. März, an dem vor fünf Jahren der erste Grundstein für dieses Dorf gelegt wurde. Außerdem bewerten wir die Arbeit der verschiedenen Komitees des Dorfes. Wir diskutieren, welche Fortschritte gemacht wurden und ob es notwendig ist, unsere Arbeitsweise zu ändern. Auf dieser Grundlage planen wir die Arbeit für die kommende Zeit. Wir entscheiden gemeinsam, wer von uns für welche Arbeit übernimmt. Außerdem wählen wir monatlich eine Sprecherin für das Dorf.

Wir sehen in der aktuellen Situation, wie wichtig es ist, alternative Versorgungswege aufzubauen. Das bedeutet den Aufbau lokaler Wirtschaftssysteme und die Schaffung von Möglichkeiten zur Selbstversorgung. Je stärker wir in unsere eigene wirtschaftliche Versorgung eingebunden sind, desto besser können wir auf Ausnahmesituationen reagieren. Besonders Gruppen, die hauptsächlich zusammen leben und arbeiten, können besser mit Veränderungen der wirtschaftlichen Situation umgehen und darauf reagieren. Näher an der eigenen Versorgung zu sein, bedeutet auch, näher an der Umwelt und der Natur zu sein. Natur. Das stärkt unser ökologisches Bewusstsein und unsere Gesundheit.

Hier in Jinwar können wir uns in vielerlei Hinsicht selbst versorgen. Wir haben viele Kräuter und und essbare Pflanzen gesammelt, die in und um das Dorf wachsen. Außerdem haben wir noch getrocknete und konservierte Lebensmittel aus dem letzten Jahr. Wir haben Joghurt und Käse aus der Milch der Dorfschafe hergestellt und die Eier von den Hühnern des Dorfes geteilt. Mehrmals pro Woche backen wir in der Dorfbäckerei Brot mit dem Mehl, das wir letztes Jahr gemahlen haben. In diesem Jahr haben wir wieder die Felder bestellt, Weizen und Kichererbsen gesät, die aufgrund der wenigen Tage mit Schnee zu sprießen begonnen haben und unter den ersten wärmenden Sonnenstrahlen schon sichtbar grün sind.

Die Sonnenkollektoren, die vor drei Jahren installiert wurden, versorgen uns weiterhin mit Strom. Unser Ziel ist es, das ganze Dorf mit Solar- und Wärmeenergie zu versorgen. Aufgrund der aktuellen Situation und des anhaltenden Embargos können wir das Projekt noch nicht umsetzen.

Unsere Dorfschule hat seit einer Woche wieder ihre Türen geöffnet für die Kinder von Jinwar, aber auch für die Kinder von außerhalb, als Teil des Bildungssystems der Autonomieverwaltung dieser Region.

Das Gesundheits- und Heilungszentrum Şîfa Jin hat in den letzten Monaten 320 Patient:innen mit Naturmedizin und hausgemachten Heilkräutern behandelt. Hauptsächlich Frauen und Kinder, aber auch ein paar männliche Patienten aus der Umgebung haben das Gesundheitszentrum besucht. Das Şîfa-Jin-Team verfügt jetzt auch über einen Krankenwagen, mit dem es die Patienten versorgen und bei Bedarf in Krankenhäuser bringen kann. Neben den Behandlungen ist das Heilzentrum ein wichtiger Ort für die Frauen, denn hier können sie andere Frauen treffen, Ideen austauschen, ihre Erfahrungen und ihr Wissen weitergeben. Das allein trägt schon zur Stärkung ihrer Gesundheit und Heilung bei.

Wir hoffen, wir konnten mit diesem Newsletter einen Einblick in das Dorfleben geben. Natürlich gibt es viele Dinge, die wir hier nicht erwähnt haben, die aber unser tägliches Leben bereichern, wie zum Beispiel die vier schönen Pfauen, die das Dorfleben bereichern, die jungen Lämmer, die Hühner, die jeden Tag Eier legen, die vielen kleinen Triebe der Obstbäume, oder die Winde aus allen Richtungen, die Schneemenschen, die im Schneesturm entstanden sind, die gemeinsamen Spaziergänge durch die frische rote und feuchte, vitaminreiche Erde. Wir können mit Freude mitteilen, dass es geregnet hat - der Regen ist hier heilig nach fast zwei Jahren des Wartens und die Dürre hat langfristige landwirtschaftliche Verluste verursacht.“

Die Bewohnerinnen von Jinwar freuen sich über Feedback, Ideen und Vorschläge. Zu erreichen sind die Frauen aus Jinwar über die Email-Adresse [email protected]