Michael Wilk berichtet aus Rojava

Der Wiesbadener Arzt Michael Wilk hält sich seit knapp einer Woche in Nordsyrien auf und berichtet aus dem Krankenhaus in Til Temir von der humanitären und politischen Situation nach der türkischen Invasion.

„Wir haben die Menschheit vor dem IS beschützt. Andere haben Gesetze gemacht, die Menschen und Krankenhäuser im Krieg schützen sollen und nun sind sie es, die die Gesetze nicht befolgen - es brennen unsere Krankenhäuser,  sie greifen die Krankenwagen an, ermorden unsere Mitarbeiter*innen und werfen sie in die Kanalisation", erklärt Cemila Heme als Ko- Vorsitzende des Kurdischen Roten Halbmonds (Heyva Sor a Kurd).

Die humanitäre Lage in Rojava ist dramatisch und droht sich weiter zu verschärfen. Cemila Heme beziffert die Anzahl der nach der türkischen Invasion geflohenen Menschen auf mindestens 300.000 - möglicherweise auch mehr. Die Infrastruktur der Gebiete, in die sich die Familien unter Mitnahme meist nur weniger Güter flüchteten, leidet unter der Masse der Hilfsbedürftigen. In drangvoller Enge hausen sie notdürftig in Wohnungen, Gehöften und Schulen. Zurzeit sind 55 Schulen nicht benutzbar, 86.000 Kinder können nicht zum Unterricht.

Die westlichen Landesteile um Kobanê und Ain Issa sind durch die Besetzung türkischer Truppen vom Osten zunehmend abgeschnitten, was die Versorgungslage deutlich verschärft. Im okkupierten Gebiet wurden beim Einmarsch zehn Kliniken und Gesundheitseinrichtungen beschossen, beschädigt und unbrauchbar. Außerhalb der umkämpften Zonen sind die Hospitäler noch funktionsfähig, jedoch an der Belastungsgrenze.

Schwindende Reserven

Der Rückzug US-amerikanischer Truppen und die militärische Aggression Erdoğans zwang die Selbstverwaltung Rojavas zur Annäherung an das Assad-Regime. Die Akzeptanz syrisch russischer Militäreinheiten führte zum Rückzug der humanitär wichtigen NGOs, die nun ihren Aufenthalt als gefährdet betrachten. Die regionale Selbstverwaltung und der Kurdische Rote Halbmond sehen sich unter diesen eskalierenden Bedingungen allein gelassen. Die zu bewältigenden Aufgaben sind immens: Neben der medizinischen Versorgung von 14 Camps mit Abertausenden Geflohenen – allein im Camp Hol leben ungefähr 70.000 Menschen –  erwarten die existierenden Ambulatorien und viele Krankenhäuser extreme Anforderungen - mit jedoch immer schlechter werdenden Ressourcen. Als ihre größte Sorge beschreibt Cemila Heme den deutlichen Schwund an materiellen und finanziellen Reserven, die zum Einbrechen der Leistungsfähigkeit des Kurdischen Halbmonds führen könnten. Die Folgen wären katastrophal.

Über 550 Tote, über 1100 Verletzte

Die türkische Invasion hat bis jetzt über 550 Menschen getötet, mit einer unklaren Dunkelziffer, viele liegen unter den Trümmern ihrer Häuser begraben. Über 1100 Menschen wurden verletzt. Zahlreiche Kinder sind unter den Opfern. Trotz eines „Waffenstillstands", der diese Bezeichnung nicht verdient, sterben täglich Menschen in einem Krieg, der zum Machterhalt Erdoğans und zur Erweiterung territorialer Claims geführt wird.

Autoritäre inhumane Systeme triumphieren, das Assad-Regime unter dem Patronat Russlands, ebenso wie die Türkei Erdoğans, die ungehindert Teile Syriens annektiert. Europa ergeht sich in Ermahnungen und Lippenbekenntnissen, zu schwer wiegen die ökonomischen und militärischen Beziehungen zum Aggressor Türkei. Vergessen, wer den Kampf gegen den IS führte, die 11.000 toten kurdischen und SDF Kämpfer*innen, die 21.000 schwerverletzten und verstümmelten jungen Menschen, die nun sehen können, wo sie bleiben.

Die hochgepriesenen humanitären Ansprüche Europas entpuppen sich als moralisch-ethisches Totalversagen, als Verrat an der Bevölkerung Rojavas.

Der Versuch in Rojava ein gesellschaftliches Model der Selbstverwaltung, der Gleichberechtigung von Mann und Frau und basisdemokratischer Ansätze zu errichten, ist irritierend, störend oder wird bestenfalls ignoriert. Geschützt, gefördert und finanziert werden von den Staaten Europas hingegen mörderische Diktaturen, die Menschenrechte mit Füßen treten. Hier hingegen kämpfen die Menschen um nichts weniger als um ihr Leben, im leibhaftigen und erweiterten Sinn.