Qendîl: Unsere Toten werden unterschlagen

In Südkurdistan existiert ein institutionelles System der Manipulation, durch das Opfer von türkischen Kriegsverbrechen unterschlagen werden. Solange die Toten offiziell nicht als Gefallene gelten, erhalten ihre Hinterbliebenen auch keine Entschädigung.

Wir befinden uns auf dem Weg in die Region Qendîl, die immer wieder das Ziel von Kampfflugzeugen des türkischen Staates ist. Zuerst erreichen wir das Dorf Zergelê. Am 1. August 2015 wurde Zergelê zum Schauplatz eines Massakers, als F-16-Kampfflugzeuge in mehreren Angriffswellen Bomben auf diesen Ort abwarfen. Acht kurdische Zivilistinnen und Zivilisten wurden bei den Bombardierungen getötet, fünfzehn weitere Menschen überlebten nur teils schwer verletzt. Obwohl das Massaker bereits fünf Jahre zurückliegt, sind die Spuren noch heute zu sehen. Die Wunden und Relikte der Luftangriffe sind und bleiben eine Mahnung.

Wir begegnen Überlebenden des Massakers von Zergelê. Es sind Menschen, die ihre Verwandten verloren haben. Mit uns sprechen sie über ihre Erlebnisse und Erinnerungen und nennen ihre Forderungen an die Administration der südkurdischen Regionalregierung in Hewlêr (Erbil).

Menschenmenge gezielt bombardiert

Mihemed Salih Resûl lebt im benachbarten Dorf Bokrîskan. Fünf der Toten des Massakers von Zergelê waren nahe Verwandte, auch zwölf der Verletzten gehörten zu seiner Familie. Resûl kommt der Moment in den Sinn, als kurz nach dem ersten Luftschlag weitere Angriffe folgten, während er und weitere Menschen versuchten, in den Trümmern der Häuser Opfer zu bergen. „Seit einiger Zeit wird unsere Region nahezu täglich bombardiert. Diese Situation erschwert unser Leben auf besonders harte Weise.“

Gezielte Manipulation von Totenscheinen

Im weiteren Verlauf unseres Gesprächs gibt uns Resûl einen Einblick in ein institutionelles System der Manipulation in den Behörden der Regionalregierung, durch das Opfer von türkischen Kriegsverbrechen in Südkurdistan unterschlagen werden. So mache das rechtsmedizinische Institut in Soran bewusst falsche Eintragungen in den Totenscheinen: „Die Todesursache der Gefallenen wird gezielt nicht ordnungsgemäß bescheinigt. Entweder werden Verkehrsunfälle auf den Totenscheinen angegeben, oder aber es wird behauptet, eine Explosion unbekannter Ursache hätte zum Tod geführt. Die südkurdische Administration versucht hier in voller Absicht, die Wahrheit zu verschweigen. Das darf nicht akzeptiert werden. Der Mord an mehreren Zivilisten in Kortek durch einen türkischen Luftangriff beispielsweise ist noch immer ungesühnt. Weder ist ein Ermittlungsverfahren angestrengt worden, noch wurden die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen. Das ist auch der Grund, weshalb die Angriffe andauern. Wir leben in ständiger Angst. Unsere Felder und Anbauflächen zu bearbeiten, ist genauso unmöglich, wie unsere Tierherden auf die Weiden zu führen – aus Angst, von den Flugzeugen getroffen zu werden.“

2006 wurde in der Autonomieregion Kurdistan das „Ministerium für Märtyrer und Anfal-Angelegenheiten” gegründet. Über einen Fonds werden finanzielle Ressourcen – unter anderem von der irakischen Zentralregierung in Bagdad – bereitgestellt, durch die Familien, Witwen und andere Angehörige bzw. Hinterbliebene von Märtyrern und Kriegsopfern sowie Kriegsversehrte und ehemalige politische Gefangene des irakischen Baath-Regimes entschädigt werden und Unterstützung für die Gesundheitsversorgung, Bildung und die soziale Absicherung erhalten. Als Voraussetzung für die staatliche Unterstützung gilt allerdings, dass die Toten offiziell als Gefallene deklariert werden. Gleiches gilt für Kriegsversehrte und frühere Gefangene.

 

Es geht nicht um die PKK

Auf unserer weiteren Fahrt durch Zergelê begegnen wir Mihemed Emîn Xidir. Er hatte Glück und überlebte das Massaker in seinem Dorf. Einer seiner Söhne, zwei Cousins und seine Mutter verloren ihr Leben. „Die Kampfflugzeuge aus der Türkei zielten und zielen nicht nur auf Zergelê, im Visier waren und sind nach wie vor auch die Dörfer Balayan, Kortek, Suredê, Beredê, Aşbûlke und Bolê. Bei diesen Angriffen geht es nicht um oder allein die PKK. Gleichzeitig haben sie es auf die angestammte Zivilbevölkerung der Region abgesehen“, sagt Xidir.  

Maßnahmen bleiben erfolglos

Was die grenzüberschreitenden Angriffe der Türkei auf südkurdischem Territorium betrifft, so erhebe sich um die Regionalregierung in Hewlêr eine Mauer der Gleichgültigkeit, sagt Mihemed Emîn Xidir. „Wir haben viele Versuche gestartet, eine Initiative für das Ende der Angriffe auf den Weg zu bringen. Mehrmals sprachen wir mit Regierungsvertretern, aber bemühten uns erfolglos. Die Angriffsatmosphäre macht die Lage hier für uns aussichtslos und gefährlich. Eine Bewirtschaftung unserer Felder ist unmöglich, der Großteil unserer Anbauflächen und Gärten liegt wegen der Luftangriffe in Schutt und Asche.“

Mihemed Emîn Xidir

Für die Kooperation zwischen der südkurdischen Autonomieregion und dem türkischen Staat hat Mihemed Emîn Xidir nur verachtende Worte übrig. „Als Vater eines gefallenen Peschmerga verurteile ich die Haltung der Regierung“, sagt er und erinnert an die Tötung des türkischen Vizekonsuls und nachrichtendienstlichen Verantwortlichen des MIT für Südkurdistan, Osman Köse, am 17. Juli 2019 in Hewlêr. „Tagelang wurde nur über dieses Thema gesprochen. Der Fall hat sogar eine ernste Krise mit der Türkei heraufbeschwört. Aber vor den dutzenden Kurden aus Binarê Qendîl, die vom türkischen Staat massakriert worden sind, verschließt man die Augen. Ihre Namen werden von niemandem erwähnt. Will die Regierung in Hewlêr etwa damit sagen, dass unser vergossenes Blut kein Wort wert ist?“, fragt Xidir.

Unser Leben ist nicht mehr lebenswert

Eine weitere Bewohnerin von Bokrîskan ist Eyşê Nebî Xidir. Auch sie hat Angehörige bei Angriffen der Türkei auf die Qendîl-Region verloren. „Unser Leben ist nicht mehr lebenswert“, bricht es aus ihr heraus. Tag und Nacht überquerten türkische Kampfflugzeuge dröhnend den Ort, die Angst sei mittlerweile ein allgegenwärtiges und heimtückisches Merkmal ihres Lebens. „Kinder müssen ruhig schlafen“, sagt Eyşê Nebî Xidir. „Aber unsere Kinder werden von röhrenden Motorengeräuschen aus dem Schlaf gerissen“, fährt sie fort. Seit 2008 mache sie das schon mit.

Eyşê Nebî Xidir

„Neun von meinen Verwandten haben die Luftangriffe der Türkei auf Qendîl nicht überlebt. Auch auf mein Haus wurden schon Bomben abgeworfen, dabei wurde es größtenteils zerstört. Bei einer Bombardierung gelang es uns erst nach mehreren Wochen zurückzukehren, um die Überreste der Menschen, die wir verloren haben, einzusammeln. Doch kein einziges Mal sind Untersuchungen zu den Luftangriffen durchgeführt worden. Nie wurden von den zuständigen Behörden irgendwelche Ermittlungen eingeleitet. Sie hielten es noch nicht einmal für nötig, uns zu besuchen.“