HPG geben Namen von vier Gefallenen bekannt

Harun Tolhildan, Bager Wan, Dijwar Kiçî und Egîd Bargiran sind 2019/2020 bei Angriffen des türkischen Staates in den Medya-Verteidigungsgebieten gefallen. Die HPG haben nun ihre vollständigen Identitäten veröffentlicht und würdigen ihren Kampf.

Die Volksverteidigungskräfte (Hêzên Parastina Gel, HPG) haben die Namen von vier Guerillakämpfern veröffentlicht, die bei Angriffen des türkischen Staates in den Jahren 2019 und 2020 in den Medya-Verteidigungsgebieten ums Leben gekommen sind: Harun Tolhildan, Bager Wan, Dijwar Kiçî und Egîd Bargiran. Die HPG gedenken ihrer mit Respekt und Dankbarkeit und sprechen den Gefallenenangehörigen sowie dem kurdischen Volk ihr Mitgefühl aus.

                                     

Codename: Harun Tolhildan

Vor- und Nachname: Recep Kaya

Geburtsort: Sêrt

Namen von Mutter und Vater: Safiye – Mehmet

Todestag und -ort: 26. April 2019 / Medya-Verteidigungsgebiete

 

 

Codename: Bager Wan

Vor- und Nachname: Selçuk Kılıççeken

Geburtsort: Wan

Namen von Mutter und Vater: Canan – Seyfettin

Todestag und -ort: 26. April 2019 / Medya-Verteidigungsgebiete

 

 

Codename: Dijwar Kiçî

Vor- und Nachname: Mehmet Emin Göçer

Geburtsort: Şirnex

Namen von Mutter und Vater: Hatice – Bahattin

Todestag und -ort: 26. April 2019 / Medya-Verteidigungsgebiete

 

 

Codename: Egîd Bargiran

Vor- und Nachname: Murat Koçhan

Geburtsort: Wan

Namen von Mutter und Vater: Yıldız – Nezir

Todestag und -ort: 19. August 2020 / Medya-Verteidigungsgebiete

 

Harun Tolhildan

Harun Tolhildan wurde in einem Dorf bei Dih (tr. Eruh) in der nordkurdischen Provinz Sêrt geboren. Sein Geburtsort Reşîne wurde auf dem Höhepunkt des schmutzigen Krieges des türkischen Staates gegen die Guerilla in das sogenannte Dorfschützersystem integriert. Der Vater weigerte sich, im Rahmen der „Aufstandsbekämpfung“ für die Interessen Ankaras einzutreten und ließ sich mit seiner Familie im Zentrum der Kreisstadt Dih nieder. Harun Tolhildan wuchs in einem patriotischen Umfeld auf, interessierte sich für Theater, Musik und Literatur. Seine Aufmerksamkeit auf den kurdischen Befreiungskampf richtete er im Jahr 2009, als sich sein Bruder der Guerilla anschloss. Damals ging er noch aufs Gymnasium. Er engagierte sich fortan bei der kurdischen Jugendbewegung und setzte seine Aktivitäten aus als Student der Wirtschaftswissenschaften an der Inönü-Universität in Meletî (Malatya) fort. 2015 verließ er zusammen mit einer Gruppe Mitstudierender die Hochschule und ging nach Kobanê in Rojava, um sich dem Kampf gegen die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) anzuschließen. Ab 2016 gehörte er der Militärakademie „Şehîd Rûbar Qamişlo“ an, übernahm Aufgaben auf Führungsebene und beteiligte sich an strategisch wichtigen Einsätzen. 2018 erfüllte er sich einen langgehegten Wunsch und ging zur Guerilla in die Berge. Bis zu seinem Tod im April 2019 hielt er sich in den Medya-Verteidigungsgebieten auf.


Bager Wan

Bager Wan wurde in Qerqelî (Özalp) bei Wan in eine mit dem kurdischen Befreiungskampf verwurzelte Familie geboren. Die Schule besuchte er an einer „YIBO“ – das sind staatliche Internatsschulen in ländlichen Gebieten, in denen schulpflichtige kurdische Kinder unter dem Deckmantel „Unterricht“ assimiliert werden. Dieser Realität begegnete er relativ früh und unternahm Bemühungen, sich diesem Zentrum der Assimilierung zu entziehen. Als die finanziell schlecht situierte Familie nach Wan zog, nahm er verschiedene Jobs an, um die Eltern zu unterstützen. Doch bedingt durch staatlichen Druck migrierte die Familie später für eine Weile nach Südkurdistan. Hier lernte Bawer Wan die PKK näher kennen. Zurück in Wan engagierte er sich zunächst aktiv bei der kurdischen Jugendbewegung. Im Zuge der Eskalation der allgemeinen Kriegssituation in Kurdistan entschloss er sich 2014, der Guerilla beizutreten. Nach Aufenthalten in Wan und zahlreichen anderen Gebieten Nordkurdistans sowie militärischen Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen wechselte er nach Metîna in den Medya-Verteidigungsgebieten. Vom Girê Hekarî bis Stûnê hinterließ er an nahezu jedem Stück Boden seine Spuren und wurde bei einer Guerillaoffensive gegen türkische Besatzungstruppen ernsthaft verletzt. Nach einer langen Behandlungsphase kehrte er zurück an die Front, wo er sich im April 2019 der Karawane der Gefallenen anschloss.


Dijwar Kiçî

Dijwar Kiçî wurde in der Widerstandshochburg Cizîr, die zur Provinz Şirnex gehört, geboren. Seine Familie gehört dem Stamm der Kiçî an, der mit dem kurdischen Befreiungskampf seit jeher tief verwurzelt ist. Die PKK war in seinem Leben schon im Kindesalter präsent, da sich viele Menschen aus dem patriotischen Umfeld der Familie dem Widerstand in den Bergen angeschlossen hatten. So kam es nicht von ungefähr, dass Dijwar Kiçî als Jugendlicher aktivistisch in Erscheinung trat. 2010 wurde er zum Wehrdienst für das türkische Militär eingezogen. Dort sowie nach seiner Entlassung wurde diverse Male festgenommen, 2013 kam er für rund zwei Jahre ins Gefängnis. Kaum wieder auf freiem Fuß, schloss er sich 2015 in Şirnex dem Widerstand der zivilen Verteidigungseinheiten YPS gegen die Belagerung kurdischer Städte durch das Militär an. Trotz Verletzungen kämpfte er bis zum Ende des Städtekriegs, 2016 wechselte er unweit seiner Geburtsstadt in die Berge. Hier erhielt er seine Grundausbildung, anschließend ging er nach Heftanîn. Zuletzt war er für das zentrale Hauptquartier der HPG im Einsatz.


Egîd Bargiran

Egîd Bargiran wurde in Bêgirî (Muradiye), das ebenfalls in Wan liegt, geboren. Auch er wuchs im Bewusstsein des kurdischen Befreiungskampfes auf; viele Verwandte waren in die Berge gegangen und hatten dort ihr Leben gelassen. Erste Begegnungen mit dem türkischen Unterdrückerstaat machte er in der Grundschule: Er verweigerte sich dem nationalistisch ideologisierten Kurs und den Märschen, die Schulkinder stundenlang strammgestanden schmettern mussten. Später sollte er dieses Erlebnis als seine erste Rebellion gegen den Faschismus bezeichnen. Die Schule verließ er ohne Abschluss und ging in den Westen der Türkei, um zu arbeiten. Dies tat er auch aus dem Bedürfnis heraus, seine finanziell schlecht gestellte Familie zu unterstützen. In dieser Zeit lernte er die PKK näher kennen und engagierte sich innerhalb ihrer Jugendbewegung. Mit dem Aufkommen des IS-Angriffs auf Rojava schlossen sich viele Menschen aus seinem Umfeld dem Widerstand an. Unter dem Eindruck des Gefallenentodes einiger seiner Freunde ging er 2015 selbst nach Rojava und wurde Teil der Revolution. Nach einer militärischen Grundausbildung kämpfte er an verschiedenen Fronten gegen den IS und wurde schnell zu einem Kommandanten. Im selben Jahr warf der türkische Staat den Verhandlungstisch mit der kurdischen Bewegung einseitig um und leitete einen totalen Vernichtungskrieg in Kurdistan ein. Egîd Bargiran ging daraufhin zur Guerilla und blieb bis zu seinem Tod im August 2020 in den Medya-Verteidigungsgebieten.