Als ezidisches Kind in IS-Gefangenschaft

Mervan Salih wurde im Alter von neun Jahren in Şengal von der Terrormiliz IS verschleppt. Vier grausame Jahre später konnte er weglaufen und wurde von den YPG zurück nach Hause gebracht.

Viereinhalb Jahre sind vergangen, seit die von der Türkei unterstützte Terrormiliz Islamischer Staat am 3. August 2014 Şengal angegriffen hat. Für die Eziden ist das erlebte Grauen unvergessen. Sie wurden zu Tausenden ermordet, Tausende wurden vom IS gefangen genommen. Unter den Verschleppten befanden sich auch Kinder. Einer von ihnen ist der heute 13-jährige Mervan Salih. Er war neun Jahre alt, als die Islamisten ihn verschleppten.

Wie Mervan den IS-Angriff auf Şengal erlebte, erzählt er mit folgenden Worten: „Als der Angriff begann, haben wir unser Dorf Solax verlassen, um in die Berge zu fliehen. Ich war mit meiner Mutter, meinem Vater und einem Bruder zusammen. Meine anderen Geschwister konnten weglaufen und sich retten. Dann hat uns ein Fahrzeug mit einem Maschinengewehr den Weg abgeschnitten. Die Männer fragten uns, wer wir sind. Als sie merkten, dass wir Eziden sind, zwangen sie uns in ihre Fahrzeuge. Die Männer wurden abgesondert. Ich wurde mit meiner Mutter und meinem Bruder nach Tilefer gebracht. Dort wurden wir in einer Schule festgehalten. Dann brachten sie uns ins Gefängnis. Wir waren sehr viele, aber Männer waren nicht dabei. Mit uns waren nur Frauen und Kinder. Es wurde gesagt, dass die Frauen verheiratet werden. Später wurde ich nach Syrien gebracht.“

Wir hatten große Angst

Auf dem Weg nach Tilefer gelang Mervans Mutter die Flucht. „Mein großer Bruder sagte, dass meine Mutter sich retten konnte. Wir wussten nicht, wohin wir gebracht werden und warum. Weil wir große Angst hatten, fragten wir auch nicht nach. Wir wurden geschlagen.“

Der damals Neunjährige wurde vom IS an der Waffe ausgebildet. „Sie brachten uns bei, den Koran zu lesen und zu beten. Es gab drei Schulen. Die meisten Kinder waren sieben bis acht Jahre alt. Auch mein Cousin und einige meiner Freunde waren dort. Wir taten alles, was von uns verlangt wurde. Vor unseren Augen wurden mehrere Menschen geköpft.

Das machten sie absichtlich. Wir sollten dabei zusehen, um etwas zu lernen. Die Männer, die das gemacht haben, waren erwachsen und trugen Bärte. Wir hatten große Angst und trauten uns nicht, etwas zu sagen. Wir mussten dabei zugucken. Wir stellten keine Fragen. Unsere Lehrer verhüllten ihre Gesichter. Wir wurden auch an die Front gebracht. Ich weiß nicht, wo es war, aber ich wurde verletzt. Wir mussten an vorderster Front kämpfen, damit wir die Islamisten nicht von hinten erschießen. Als ich verwundet wurde, kam ich ins Krankenhaus. Ich war vorher zwei Monate in der Ausbildung. Nach der Krankenhausbehandlung wurde ich auf einem Sklavenmarkt verkauft.“

Von den YPG gerettet

Für den Mann, der Mervan kaufte, musste der Junge alle anfallenden Arbeiten erledigen. „Später wurde ich an einen anderen Mann verkauft. Wir mussten für diese Leute arbeiten. Ich bin an elf Personen verkauft worden. Ich musste Tee für sie zubereiten und saubermachen. Ständig wurden mir Videos von Menschen gezeigt, die geköpft wurden. In dem Haus waren auch Kameras. Ich fühlte, dass sie mir nicht vertrauten.“

Mervan konnte sich 2018 aus der IS-Gefangenschaft befreien. „Ich lief weg und befand mich in einem leeren Gebiet. Dann kam einer von den YPG und fragte, wer ich bin. Ich sagte, dass ich Ezide und vom IS weggelaufen bin. Er nahm mich mit. Bei den YPG gaben sie mir neue Kleidung und alles, was ich brauchte. Ich blieb fünf Tage bei ihnen. Dann brachten sie mich an einen sicheren Ort. Sie riefen meine Familie an und informierten sie darüber, dass ich bei ihnen bin und sie mich nach Hause bringen werden. Dank den YPG bin ich jetzt wieder bei meiner Familie.“