„Öcalans Botschaft an Eziden von unschätzbarem Wert“

Wir haben mit Faris Herbo, dem Exekutivratsvorsitzenden des Autonomen Şengal-Rats, über die Botschaft Abdullah Öcalans an das ezidische Volk gesprochen.

Faris Herbo ist Ko-Vorsitzender des Exekutivrats des Autonomen Şengal-Rats. Im Gespräch mit ANF hat er sich zur Botschaft Abdullah Öcalans an das ezidische Volk geäußert. Der inhaftierte Vordenker der kurdischen Befreiungsbewegung war im Gespräch mit seinem Bruder Mehmet Öcalan am 5. Juni auf die Situation der Ezidinnen und Eziden eingegangen und hatte eine Botschaft an sie ausrichten lassen. Öcalan erklärte, das ezidische Volk „zu lieben“ und „unendlichen Respekt vor der Bevölkerung von Şengal” zu empfinden. Sie solle sich „nicht mehr sorgen, sondern weiter ihr freies Leben aufbauen“, so der PKK-Mitbegründer.

Diese Botschaft sei für die Menschen in Şengal, dem Hauptsiedlungsgebiet der ezidischen Bevölkerung im Nordirak, von unschätzbarem Wert, sagt Faris Herbo. „Die Nachricht Öcalans hat die ezidische Gemeinschaft und ihre Institutionen regelrecht entzückt. Für uns hat sie eine ganz besondere Bedeutung“, so Herbo.

Am 3. August 2014 überfiel die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) das Şengal-Gebirge und verübte einen Genozid, dem neuen Schätzungen nach etwa 10.000 Menschen zum Opfer fielen. Über 7.000 Frauen und Kinder wurden entführt, mehr als 400.000 Menschen aus ihrer Heimat vertrieben und weitere Tausende werden bis heute vermisst. Als der IS damals in Şengal einrückte, zogen sich die rund 12.000 in der Region stationierten Peschmerga der südkurdischen Regierungspartei PDK zurück und überließen die dort lebenden Ezid*innen dem IS. Wer fliehen konnte, zog sich in das Gebirge zurück. Dort schützten zunächst zwölf Guerillakämpfer der HPG den Eingang zum Gebirge und verhinderten das Eindringen der Dschihadisten. Aus den Bergen an der türkisch-irakischen Grenze in Nordkurdistan und aus Rojava eilten weitere Kämpfer*innen der Guerilla und der Volksverteidigungseinheiten YPG mit schweren Waffen herbei und kämpften einen Fluchtkorridor frei. 30.000 Ezid*innen konnte so das Leben gerettet werden.

In seiner Botschaft an die Ezid*innen erinnerte Abdullah Öcalan an den Einsatz dieser Kämpferinnen und Kämpfer und sagte: „Wir haben all die Kräfte, die diese Massaker verübt haben, besiegt und es geschafft, Rache für das ezidische Volk zu nehmen. Darüber sind wir glücklich.” Darauf kommt auch Herbo zu sprechen. Öcalan sei stets für das ezidische Volk eingetreten, weil er sich verantwortlich für die Ezid*innen fühle. „Unser Volk hat eine schwere Phase durchlebt. Wir wurden religiös, enthnisch und kulturell motivierten Massakern und Genoziden ausgesetzt. Dahingehend ist Öcalans Botschaft sehr bedeutungsvoll für uns Eziden. Er setzt sich für die Freiheit von Êzîdxan ein.“

Wir werden unser Volk verteidigen

Herbo weist darauf hin, dass die Ezid*innen trotz der Gräueltaten an ihnen Widerstand geleistet und Heldenmut bewiesen haben: „Bei dem ezidischen Volk gibt es keinen Raum für Kapitulation. Die Re-Organisierung der Eziden begann Anfang der 1990er Jahre, nachdem Öcalan von der Notwendigkeit eines gesellschaftlichen Wandels innerhalb der ezidischen Gemeinschaft gesprochen hatte. Er sagte damals, dass die Eziden sich organisieren und ihre Selbstverteidigung gewährleisten müssten. Doch die Besatzungsmächte verhinderten unsere Organisierung. Nach dem Zusammenbruch des Saddam-Regimes durchlebte die Community so etwas wie eine Auferstehung. Öcalan hatte uns nach den verheerenden Anschlägen in Sêbaş Xidir und Til Ezer gewarnt (Am 14. August 2007 führten vier Selbstmordattentäter von al-Qaida Bombenanschläge in Şengal durch. Dabei wurden rund 500 Bewohner der Region getötet. Anm. d. Red.). Damals dominierte unter den Terroristen im Irak die Organisation al-Qaida, die das ezidische Volk auslöschen wollte. Und auch im Jahr 2014, als Şengal von der Autonomieregierung kontrolliert wurde, konnten wir uns nicht organisieren“.

Unsere Gesellschaft muss sich befreien

Zum Ende unseres Gesprächs kommt Faris Herbo auf Dewreşê Evdî zu sprechen, einem legendären ezidischen Widerstandskämpfer aus Wêranşar (Viranşehir, Provinz Riha/Urfa), der 1790 von den Osmanen ermordet wurde. Auch Öcalan hat in der Vergangenheit immer wieder auf den Kampf Dewreşê Evdîs verwiesen und Vergleiche gezogen. „Als der IS über Şengal herfiel, wurde unter Federführung der legendären Zwölf eine Heldengeschichte geschrieben. Denn sie waren es, die den Şengal in jeder Hinsicht organisiert haben. Neben militärischen Institutionen wurden etliche weitere Organisationen gegründet. Tausende Eziden waren entführt worden. Nach dem Sieg über den IS in Şengal gründeten sich die Widerstandseinheiten YBŞ und YJŞ. Unzählige junge Kurdinnen und Kurden kämpften gegen diese Terrorbande und leisteten einen historischen Widerstand, der sich bis nach Raqqa und Deir ez-Zor zog. Dieser vorher noch nie in Şengal dagewesene Widerstand war das, wovon Öcalan jahrelang gesprochen hatte. Es steht außer Zweifel, dass wir eine freie Gesellschaft sein müssen, die sich selbst verwaltet. Solange wir als Community unsere Organisierung nicht stellen können, werden wir immer wieder ins Visier der Rassenfanatiker geraten. Aus diesem Grund ist es ausgesprochen wichtig, unsere soziale und politische Willenskraft und die Autonomie von Şengal zu stärken. Wir müssen die Träume Öcalans erfüllen. Das Epos von Dewreshê Evdî lebt auch heute. Wir werden es kämpferischer und organisierter fortsetzen.“