Zum Eyda Heciya: Grabbesuche in Şengal

Am Mittwoch beginnt das islamische Eid al-Adha. Das Fest soll an die Bereitschaft von Stammvater Abraham erinnern, einen seiner Söhne zu opfern, um Gott seinen Glauben zu beweisen. Auch die Ezid:innen begehen das Opferfest – unter dem Namen Eyda Heciya.

Am Mittwoch beginnt das islamische Opferfest Eid al-Adha. Für die etwa 1,9 Milliarden Muslime weltweit ist es neben dem Eid al-Fitr am Ende des Fastenmonats Ramadan die wichtigste religiöse Feier. Das Fest soll an die Bereitschaft von Stammvater Abraham erinnern, einen seiner Söhne zu opfern, um Gott seinen Glauben zu beweisen. Im letzten Moment schickte Gott Abraham einen Widder, den er dann statt seines Sohnes opferte.

Diese Geschichte findet man nicht nur im Islam, sondern auch im Judentum, im Christentum und auch im Ezidentum. Die Ezidinnen und Eziden begehen in Verbundenheit zu Abraham das Eyda Heciya, oder auch Eyda Qurbanê. Traditionell wird der erste Tag des in diesem Jahr auf den 27. und 28. Juni fallenden Opferfestes mit einem Gang zum Friedhof begangen.


In Şengal, dem Hauptsiedlungsgebiet der ezidischen Gemeinschaft, das im südlichen Kurdistan beziehungsweise im Nordwesten des Irak liegt, hat sich der Brauch in den letzten Jahren dahingehend verändert, dass die Bevölkerung vor dem eigentlichen Fest auf den Çiyayê Şengal (Dschabal Sindschar) pilgert, und auf dem Friedhof „Şehîd Berxwedan û Şehîd Dilgeş“ die Gräber jener Gefallener aufsucht, die bei der Verteidigung Şengals im Kampf gegen den IS ums Leben gekommen sind. Es werden Kerzen gezündet und Bittgebete gesprochen, um an ihre Opferbereitschaft zu erinnern.


Am 3. August 2014 hatte die Terrororganisation „Islamischer Staat“ die Region überrannt und einen Genozid und Femizid an der Bevölkerung verübt. Mindestens 10.000 Menschen fielen jüngeren Schätzungen nach den Massakern des IS zum Opfer. Mehr als 400.000 Menschen wurden aus ihrer Heimat vertrieben und über 7.000 Frauen und Kinder wurden verschleppt. Bis heute werden über 2500 von ihnen weiter vermisst.

Wer fliehen konnte, ging ins Gebirge. Dort schützte zunächst weniger als ein Dutzend Guerillakämpfer der PKK den Zugang zum Çiyayê Şengal und verhinderte das Eindringen der Dschihadisten. Weitere Guerilla-Einheiten wurden zur Verteidigung der Ezid:innen nach Şengal geschickt. Am 6. August kamen zwei Bataillone der Volks- und Frauenverteidigungseinheiten YPG/YPJ aus Rojava der Guerilla zu Hilfe. Es wurde ein Fluchtkorridor eingerichtet, um die zu Zehntausenden auf den Şengal-Berg geflohenen Menschen zu evakuieren. Über diesen Korridor konnten allein in den ersten Tagen bereits rund 50.000 Ezid:innen nach Rojava gelangen. So konnte ein noch größeres Massaker verhindert werden.