Zu Besuch in Laliş, der heiligen Stätte der Eziden

Die Geschichte und Bedeutung des ezidischen Heiligtums Laliş in Südkurdistan sind nicht ohne die aktuellen politischen Entwicklungen zu denken: Ein persönlicher Reisebericht.

„Ich bin der Journalist hier vor Ort, schreibe für Zeitungen auf der ganzen Welt“, berichtet uns Luqman, der Guide, der uns in Laliş, der heiligsten Stätte der Ezid*innen zur Seite gestellt wird. Er ist tagsüber als Reiseführer dort und lehrt abends an der Universität in Dohuk. Seine Geschichten werden die kommenden Stunden prägen.

Als wir viel später als gedacht Laliş am Nachmittag wieder verlassen, ist uns vor allem eines deutlich geworden: Die 74 Genozide des ezidischen Volkes haben tiefe Traumata hinterlassen und die aktuelle Lage des Volkes ist auch in Südkurdistan weiterhin angespannt.

Deutlich wird das nicht zuletzt daran, dass Laliş nur 60 Kilometer nördlich von Mosul liegt. Mosul wurde 2017 nach zwei Jahren von der Herrschaft des „Islamischen Staat“ (IS) befreit. Noch heute gibt es in der Region Auseinandersetzungen zwischen dem irakischen Regime und Milizionären des IS, die noch vor Ort sind.

Drei Stunden von hier entfernt Richtung Südwesten befindet sich die Region Şengal, wo der IS im August 2014 Tausende Menschen ermordet und verschleppt hat und insbesondere Frauen und Mädchen vergewaltigt und versklavt wurden. 400.000 Menschen mussten fliehen. Bis heute ist das Schicksal vieler Ezidinnen und Eziden unklar. Einige der Geflüchteten kamen damals auch in diesem Tempel für einige Zeit unter.

Und so sind die Geschichte dieses Tempels und seine Bedeutung nicht ohne die aktuellen politischen Entwicklungen zu denken. Luqman steigt von Anfang an politisch ein, erzählt von den Genoziden und der bis heute andauernden Verfolgung. Und er macht damit auch die Notwendigkeit deutlich, von diesem Ort zu berichten und von der Geschichte, dem Glauben und der aktuellen Situation des ezdischen Volkes.

Der ezidische Glaube übt eine Faszination aus, orientiert er sich doch sehr stark an der Natur und ist älter als alle monotheistischen Religionen. Seine Wurzeln gehen laut Erzählung zurück bis in die zarathustrische Zeit. Trotzdem bringen wir Besucher*innen auch das Wissen über stark verankerte patriarchale Muster, die mit diesem Glauben verbunden werden, mit an diesen Ort – und unsere religionskritische Haltung.

In Laliş selbst befinden sich zu der Zeit, die wir dort verbringen, ungefähr 50 Menschen, vor allem jüngere und ältere Männer. Sie sitzen herum, zeigen sich verantwortlich für die Pflege der Stätte und das Wohl der Gäste. Dauerhaft dort ist nur eine kleine Gruppe von Menschen: Eine Familie, die sich um die Verpflegung der Gäste kümmert, zwei Mönche und eine Frau, Esmer, die die Kinder an der weißen Quelle tauft.

Das Quellwasser soll schützend und heilend wirken. Nicht weit vom Ort der Taufe liegt Baumrinde, die gekaut Schlafmangel kurieren soll. Nach einigen einleitenden Worten von Luqman durchqueren wir die gesamte Stätte – barfuß, das ist hier Tradition. Teilweise ist es viel zu heiß auf den Steinen, an sich ist es jedoch ein schönes Gefühl, dem Ort auf diese Weise zu begegnen.

Ein junger Mann, der unseren Rundgang mit der Kamera begleitet, zündet jeden Abend Kerzen an. Das Wachs der Kerzen auf dem Boden ist noch weich, wir spüren es an den Füßen. An den Wänden lehnen die großen Tonkrüge, in denen früher Olivenöl für die Kerzen gelagert wurde.

Uns fallen die Eierschalen an den Wänden auf: „Ein Symbol für den Beginn des Lebens“, erklärt uns Luqman. Im Tempel selbst hängen Tücher in sieben verschiedenen Farben. Die sieben ist die heilige Zahl der Eziden, sie symbolisiert die sieben Engel als Statthalter Gottes auf Erden. Die Pilger machen einen Knoten in die Tücher und wünschen sich dabei etwas – wenn eine andere Person den Knoten löst, geht der Wunsch in Erfüllung.

Ich mag den Brauch, traue mich jedoch nicht zu fragen, ob wir auch knoten dürfen. Wer weiß, vielleicht wäre das die Chance gewesen, doch noch bei den Feiern in Rojava zum sechsten Jahrestag der Revolution dabei sein zu können.

Wir legen eine Pause im großen Besuchsraum ein. Weiche Teppiche und gemütliche Sofas laden zum Verweilen ein, es wird Tee und das bisher beste Essen unserer Reise gereicht – Brot mit frischen Tomaten, Joghurt, Ei und weiteren Leckereien.

Luqman erzählt viele Geschichten von Gästen, die den Tempel besucht haben: Konsule, Diplomat*innen, Abgeordnete. Manche Geschichten sind witzig, einige etwas verstörend und sehr patriarchal geprägt und einiges verstehen wir aufgrund der Sprachbarrieren auch einfach nicht.

Mich nennt er inzwischen nur noch Diana. Der einzige Grund, der mir einfällt, sind meine kurzen Haare. Dass ich Angst davor habe, im Auto zu sterben, erwähne ich nicht.

Die Angst der Menschen hier besteht nicht nur aus der Angst vor dem IS. Viele haben Angst vor ihren Nachbarn, den Menschen aus ihrem Dorf, ihrer Stadt. Oft waren und sind es – in allen Teilen Kurdistans – vor allem diese, die zur Ausgrenzung und Vertreibung beitragen. Zuletzt standen und stehen auch die in Efrîn lebenden Ezidinnen und Eziden unter Druck, zum Islam zu konvertieren. Das ezidische Zentrum dort wurde durch einen türkischen Angriff zerstört. Und im Vorfeld der Wahlen im Irak im Mai dieses Jahres wurden wiederholt geflüchtete Ezid*innen in den Camps unter Druck gesetzt.

Und noch eine kleine Anekdote: In der Recherche zu diesem Bericht begegnet mir folgendes:

Ein Grundsatz der Stätte ist wohl, dass beim Besuch am besten keine blaue Kleidung getragen wird. Ich schaue an mir herunter und schmunzele. Mir kommen die Worte von Luqman in Erinnerung: „Wir empfangen hier alle Menschen, ich frage niemanden nach seinem oder ihrem Glauben.“ Glück gehabt!