Sie ertragen kein Kurdisch ‒ Theaterstück von Dario Fo verboten

Die kurdische Adaption des Theaterstücks „Hohn der Angst“ von Dario Fo darf aufgrund eines vom Innenministerium bestätigten Beschlusses wegen „Gefährdung der öffentlichen Ordnung“ nicht im Istanbuler Stadttheater aufgeführt werden.

Das Theaterstück „Hohn der Angst“ von Dario Fo beschäftigt sich in Form einer Komödie kritisch mit der Beziehung zwischen Volk, Regierung und Kapital. Das Stück, das für das Theaterensemble Teatra Jîyana Nû von Dilawer Zeraq ins Kurdische übersetzt wurde und bei dem Nazmi Karaman Regie führt, spielt im Italien der achtziger Jahre und beschreibt den Mechanismus zwischen Staat, Kapital und Öffentlichkeit. Antonio Minelli, militanter linker Gewerkschafter bei Fiat, rettet zufällig bei einem Entführungsversuch dem Fiat-Boss Agnelli das Leben und liefert ihn mit seiner Jacke den Ärzten aus: Aus Agnelli wird der zweite Antonio.

Zu den Darsteller*innen von „Bêrû“ gehören unter anderem Ömer Şahin, Rugeş Kırıcı, Sakine Jir, Cihad Ekinci und Nazmi Karaman. Nun wurde die Aufführung des Theaterstücks in Istanbul verboten. Der stellvertretende Innenminister Ismail Çataklı bezeichnete das Theaterstück als „PKK-Propaganda“. Gegen diejenigen, welche die Aufführung des Stücks zulassen wollten, sei ein Ermittlungsverfahren eingeleitet worden. Unter einer ähnlichen Begründung hatte der Gouverneur von Istanbul das Verbot verfügt.

Als wäre Dario Fo ein PKK-Kader“

Die Schauspieler*innen protestieren gegen das Verbot. Einer von ihnen ist Cihat Ekinci, er erklärte gegenüber der Nachrichtenagentur Mezopotamya: „Als ob Dario Fo ein PKK-Kader wäre. Sie glauben wohl, er sei Kurde. Das, was nach dem Verbot geschehen ist, die Begründungen und so weiter, sind die wahre Komödie. Vielleicht haben sie das Theaterstück nicht einmal gelesen, denn es beschäftigt sich mit den Beziehungen zwischen Kapital und Volk.“

Es geht bei dem Verbot um Kurden und die kurdische Sprache“

Ekinci berichtet, dass die Polizei das Verbot während der Generalprobe zustellen lassen hat. Er sagt:

„Dass dieses Verbot im letzten Moment mitgeteilt wurde, war meiner Meinung nach geplant. Sie wollten uns unvorbereitet treffen und eine öffentliche Reaktion verhindern. Die Verhängung des Verbots während sich das Publikum schon auf die Vorstellung vorbereitete, zeigt, dass sich die Perspektive auf die kurdische Sprache und Kultur in keiner Weise geändert hat. Diese Verbotsmentalität gegenüber Kurden und der kurdischen Sprache wiederholt sich immer wieder von Neuem.

Konstruierte Verbotsgründe“

Wir leben in einer Zeit der vollkommenen Rechtlosigkeit. Die Regierung benutzt das Recht als eine Waffe und Drohung gegen alle Intellektuellen, Schriftsteller*innen und verschiedene Identitäten und Kulturen, die nicht dem Denken der Regierung entsprechen. Die Begründung, das Theaterstück würde die öffentliche Ordnung gefährden, ist vollkommen konstruiert.

Kurdisch stellt für sie ein Sicherheitsrisiko an“

Der eigentliche Grund ist die Intoleranz gegenüber den Kurden, ihrer Sprache, ihrer Kunst und Kultur. Das sieht die Öffentlichkeit ebenfalls so. Diese Verbotsmentalität wird jeden Tag schlimmer. Hier wird nicht Theater verboten, hier wird nicht der Literaturnobelpreisträger Dario Fo verboten, hier wird Kurdisch verboten. Dieses Stück wird ohne Probleme in der Türkei aufgeführt. Jedes Stück kann auf allen möglichen Sprachen aufgeführt werden, ein Problem ist das nur, wenn das Stück auf Kurdisch ist. Das zeigt, dass sich die Haltung der Regierung in keiner Weise geändert hat.

Wir werden auf den Straßen und den Plätzen spielen“

Wir als Schauspieltruppe haben immer gegen solche Behinderungen und Verbote protestiert. Wir können Wege schaffen, um uns mit unserem Publikum zu treffen. Wir haben das Theaterstück auch schon früher in der Türkei und im Ausland aufgeführt. Wenn uns die Bühne  verboten wird, dann spielen wir auf den Straßen und Plätzen.“

Sie wollen Kurdisch nur unter ihrer Kontrolle zulassen“

Rugeş Kırıcı aus der Schauspieltruppe sagt: „Wenn sie selbst Kurdisch benutzen, dann ist da kein Problem, aber wenn es die Kunst im Theater tut, dann verbieten sie es. Sie verbieten Kurdisch, wenn es nicht unter ihrer Kontrolle steht. Jeden Tag stehen wir vor neuen Hindernissen und Verboten. Wir haben hunderte Demonstrationen durchgeführt und spielen überall. Es gibt mittlerweile die Angst, dass mit der Aufnahme von Kurdisch ins offizielle Theaterprogramm Kurdisch als Sprache im öffentlichen Raum legitimiert werde. In diesem Land gibt es dutzende Theatergruppen, die auf Kurdisch spielen. Dieser Angriff schafft aber auch die Basis für Angriffe auf jegliche oppositionelle Kunstproduktion.

Gegenstimme stärken“

Nach der Verbotsverfügung haben wir massive Unterstützung erhalten. Menschen aus den verschiedensten Bereichen, Schriftsteller, Kunstschaffende und Intellektuelle haben protestiert. Der Protest muss noch stärker werden. Denn wir wissen, was Solidarität erreichen kann.“