Der letzte Brief von Mehmet Aksoy an seine Familie

Am 26. September ist Mehmet Aksoy (Firaz Dağ), Mitglied des YPG-Pressezentrums, bei einem Angriff des Islamischen Staats (IS) ums Leben gekommen. Er arbeitete an einer Dokumentation über die Offensive zur Befreiung von Raqqa.

Mehmet Aksoy (Fîraz Dağ) stammt aus dem Gebiet Elbistan in Nordkurdistan. 1988 ging seine Familie nach London. Mehmet war schon mit jungen Jahren aktiv und setzte sich für Demokratie, Menschenrechte sowie für die Beendigung des Kriegs in Kurdistan ein.

Als im April 2017 Mitglieder des Pressebüros der Volksverteidigungseinheiten (YPG) bei einem Luftangriff der türkischen Armee auf den Berg Qereçok in Dêrik in Rojava getötet wurden, ging Mehmet nach Rojava, um die Arbeit der gefallenen Journalist*innen aufzunehmen.

Mehmet Aksoy wurde am 26. September 2017 vom Islamischen Staat getötet, als er an einer Dokumentation über die Befreiungsoffensive der Stadt Raqqa arbeitete.

Nachfolgend veröffentlichen wir Ausschnitte aus dem letzten Brief von Mehmet Aksoy an seine Familie, die das englischsprachige ROAR Magazine am 14. Januar 2018 veröffentlichte:

Ich schreibe Euch diesen Brief aus Südkurdistan. Wenn Ihr diesen Brief lest, werde ich bereits nach Westkurdistan, nach Rojava hinübergereist sein. Seid nicht sauer auf mich, dass ich Euch nicht im Vorhinein Bescheid gesagt habe. Ich wollte nicht, dass Ihr Euch Sorgen macht.

Eigentlich hätte ich Euch diesen Brief schon vor Jahren schreiben sollen. Jahrelang habe ich diesen Brief in meinem Kopf wieder und wieder geschrieben, aber ich wollte Euch nicht traurig machen. Selbst auf Kosten eines Lebens in einem System, dass ich ablehne, in dem ich unglücklich bin, habe ich versucht dieses Leben zu leben, aber es ist mir nicht gelungen. Die Zeit vergeht. Jetzt ist die Zeit, mutigere und entschlossenere Schritte zu gehen und genau diese Schritte versuche ich zu gehen.

In diesem Sinne gehe ich diese Schritte und schreibe Euch diesen Brief nicht mit meinem eigenen Stift, sondern mit den Stiften von Deniz, Mahir, Ibrahim, Mazlûm, Berîtan, Fîraz und den anderen Vorreiter*innen und dem Glauben und Mut, den ich durch sie gewonnen habe. Ich möchte, dass Ihr das versteht.

Wisst Ihr, dass die Rückkehr in meine Heimat allen voran von der Befreiung der Frau bestimmt ist? Ich bin hierhergekommen, um sie zu unterstützen, mit ihnen zusammen zu leben und in gemeinsamem Kampf mit all den Frauen zu sein, die Widerstand leisten, kämpfen und ein neues, freies Leben mit ihren eigenen Händen schaffen.

Zu guter Letzt kann ich folgendes sagen: Von nun an will ich mein zukünftiges Leben in meinem eigenen Land, ganz nah bei meinem Volk leben. Eine unendliche Menge an Arbeit, Veranstaltungen, Liebe, Schmerz, Freude, Überlegungen, Menschen und Hoffnungen, die mich zu dem gemacht haben der ich bin, haben mich zu dieser Entscheidung getrieben. Es hätte nicht anders geschehen können. Nie habe ich für individuelle Dinge gelebt, für Geld, Macht, für Zwang oder materielle Dinge. Seit meiner Kindheit war ich immer auf der Suche, habe Neues geschaffen und mich bemüht Liebe, Freundschaft und die Gabe zu Teilen, zu vermehren.

Und ich habe Glück, ich habe wundervolle Freund*innen gehabt. Ich schicke ihnen meine Grüße und meine Liebe von hier. Jede/r einzelne/r von ihnen ist für mich unbezahlbar. Trotz alle dem habe ich die schönste Freundschaft von allen in dieser Bewegung gefunden, in dieser Partei. Von allen Dingen bin ich zu allererst hier wegen dieser Genossenschaftlichkeit. Und natürlich verbunden damit für all unsere Märtyrer*innen und unseren Vorsitzenden, die diese Genossenschaftlichkeit erschaffen haben. Dieser Bewegung und den Menschen zu dienen, verleiht mir die aller wertvollste und bedeutungsvollste Form von Freude. Ich hoffe, ich kann dem gerecht werden. Macht Euch keine Sorgen um mich.

Mit dem Wunsch sich erneut zu treffen, in einem freien Land, mit einem freien Vorsitzenden …

Euer Sohn, Euer großer Bruder, der Euch bis in alle Ewigkeit liebt.

Mehmet.