Bêrîvan Îbîn ist eine kurdische Künstlerin, die sich in ihrer Arbeit intensiv mit kurdischer Kultur, Identität und Widerstand auseinandersetzt. Mit ihrer akademischen Expertise in Philosophie und postkolonialen Theorien sowie einer tiefen Verbindung zur kurdischen Geschichte schafft sie Werke, die weit über das Ästhetische hinausgehen – sie sind Ausdruck von Erinnerung, politischer Reflexion und Selbstbestimmung.
Kulturelle Wiederaneignung
Besonders prägend für ihre künstlerische Praxis ist die Wiederbelebung der Deq-Tätowierung, einer jahrhundertealten kurdischen Tradition, die durch Assimilation und koloniale Unterdrückung fast in Vergessenheit geraten ist. Îbîn erzählt durch ihre Kunst Geschichten von Verdrängung, Widerstand und kultureller Wiederaneignung – und gibt damit nicht nur sich selbst, sondern auch vielen anderen Kurd:innen eine Stimme.
Im Gespräch mit ANF schildert Bêrîvan Îbîn die Inspiration hinter ihrer Kunst, die Herausforderungen als kurdische Künstlerin in Deutschland und warum Kunst ein kraftvolles Mittel des Widerstands ist.
Deine Werke beschäftigen sich intensiv mit kurdischer Kultur, Identität und Widerstand. Was hat dich dazu inspiriert, diese Themen in deiner Kunst aufzugreifen?
Die Geschichte meiner Familie und mein Leben haben mich dazu inspiriert, um es mal kurz zu sagen. Meine Familie ist in den 90er Jahren von Bakur/Nordkurdistan (dem türkisch besetzten Gebiet Kurdistans) nach Deutschland geflüchtet. Wie viele andere kurdische Familien wurde auch meine Familie politisch verfolgt und musste ihr ganzes Leben in der Heimat aufgeben, in der Hoffnung, in Deutschland ein sicheres Leben in Frieden aufbauen zu können. Die Folgen der Unterdrückung in Kurdistan und auch die Schwierigkeiten bei dem Ankommen und Anknüpfen an die deutsche Mehrheitsgesellschaft waren in meinem Zuhause sehr stark zu spüren.
„Erst später habe ich verstanden: Unsere Existenz ist ein Kampf“
Das Gefühl von Leid, Ungerechtigkeitserfahrungen und ständigem Kampf war omnipräsent. Ich erinnere mich daran, wie wir als Kinder mit meinen Eltern auf kurdischen Demonstrationen und Festen waren. Erst später habe ich dann richtig verstanden: unsere Existenz ist ein Kampf und vor dem politischen Hintergrund der Verfolgung und Unterdrückung kurdischen Lebens, leider nicht selbstverständlich. Im Jugendalter habe ich mich dann politisiert und bin einer kurdischen Organisation beigetreten, in der ich das erste Mal auch die komplexen geschichtlichen und politischen Hintergründe der Kurd:innen, oder besser gesagt die kurdische Frage, reflektiert und tiefergehend bearbeitet habe. Die politische Arbeit war für mich stets eine Reflexion, eine Arbeit an meiner Familiengeschichte, aber auch das Stärken humanistischer Werte, die ich auch in meinem Elternhaus beigebracht bekommen habe.
„Durch Kunst Reflexion zur Wirklichkeit machen“
Durch die Kunst konnte ich diese Reflexion zu einer Wirklichkeit machen und mich mit meiner Identität und Kultur auseinandersetzen. Ich habe mich beispielsweise mit der kurdischen Mythologie auseinandergesetzt und diese in meine Kunst einfließen lassen oder habe mich von meiner Familie inspirieren lassen, von kurdischen Revolutionär:innen, Geschichten und kulturellen Gütern. Kunst ist ein Ventil für mich. Durch Kunst kann ich dem Ohnmachtsgefühl, welches ich im Kampf um Anerkennung und Freiheit von Kurd:innen oft empfinde, etwas entgegensetzen. Ich versuche, wie viele andere kurdische Künstler:innen, etwas dazu beizutragen, dass die kurdische Kultur in der Kunstwelt auch ihren Platz finden kann. Kunst ist für mich auch Selbstfindung und das Ausdrücken von Gefühlen, manchmal auch abstrakt, nicht figürlich und einfach frei.
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In deinen Arbeiten verbindest du oft traditionelle Elemente mit modernen künstlerischen Ausdrucksformen. Wie findest du diese Balance zwischen Vergangenheit und Gegenwart?
Ich sehe Tradition, auch wenn das der Wortbedeutung in gewisser Weise widerspricht, nicht als etwas Starres an, sondern als etwas Lebendiges und Dynamisches, das sich mit uns zusammen bewegt und verändert. Durch das Tätowieren von Deq habe ich für mich gelernt, dass diese Balance zwischen Vergangenheit und Gegenwart in gewisser Weise auch intuitiv geschieht - ich setze mich hier mit alten Symbolen und Bedeutungen auseinander, übertrage sie oder verwirkliche sie in einer anderen, vielleicht zeitgenössischeren Form. In meiner Kunst nehme ich mir auch die Freiheit mit Farben, Formen und Materialien zu experimentieren, und den Schaffensprozess als solchen zu leben und mehr Gegenwart und Gefühl auszuleben. Ich bewege mich da in gewisser Weise intuitiv zwischen Vergangenheit und Gegenwart.
Deq-Tätowierungen haben in der kurdischen Kultur eine lange Tradition, wurden aber durch Assimilation und Kolonialisierung verdrängt. Welche Bedeutung haben sie für dich und wie interpretierst du sie neu?
Deq sind für mich nicht nur rein ästhetische Tätowierungen, sondern bedeuten für mich Widerstand, kulturelle und geschichtliche Tiefe und Verbundenheit mit meiner Geschichte, meiner Familie und allen, die vor mir kamen. Dass traditionelle Deq eine verschwunden geglaubte Tradition und Tätowierkunst darstellen, zeigt, wie tief koloniale Prozesse in einer Gesellschaft greifen können. Noch heute höre ich oft den Vorwurf, dass Deq „haram“ seien. Dass dieser Vorwurf selbst auch ein Ergebnis von Kolonialisierung, Assimilation und religiöser Einflussnahme ist, hinterfragen jedoch viele nicht.
„Identität, Gemeinschaft und Schutz“
Deq wurde durch koloniale und nationalistische Staaten oft als „primitiv“ abgewertet und bekämpft. Noch heute lassen sich ältere kurdische Menschen in der Diaspora ihre Deq im Gesicht entfernen, um nicht ausgegrenzt zu werden. Das sind alles Ergebnisse von Kolonialisierung und Assimilation, was ich traurig finde. Deq sind mehrere tausend Jahre alt, sie wurden bereits in vorislamischen Zeiten tätowiert. Sie waren ursprünglich ein Ausdruck von Identität, Gemeinschaft und Schutz und auch ein Ausdruck von Glaubensvorstellungen. Für mich sind Deq eine Form der Erinnerung, ein Ausdruck von Widerstand und Selbstbestimmung.
Gibt es besondere Symbole oder Muster, die du oft in deinen Tätowierungen verwendest? Welche Geschichten stecken dahinter?
Das Symbol der Sonne tätowiere ich sehr häufig. Die Sonne spielt in der kurdischen Kultur eine zentrale Rolle und ist tief eingebettet in die Geschichte des kurdischen Volkes. In der zoroastrischen Tradition, welche einen großen Einfluss auf die kurdische Kultur hatte, steht die Sonne für Licht, Reinheit und das Gute. Im Ezidentum beispielsweise gilt sie als sichtbares Zeichen für Gottes Existenz. Auch unser Neujahrsfest Newroz ist geprägt von der Bedeutung der Sonne: hier feiern wir den Sieg des Lichts über die Dunkelheit, die Sonne ist hier Ausdruck von Freiheit, Hoffnung und Erneuerung. Interessanterweise ist das Sonnensymbol auch bei den Feldforschungen von Mümtaz Firat zu Deq eins der am häufigsten anzutreffenden Symbole gewesen. Schön zu sehen, dass das Symbol auch heute noch einen großen Stellenwert hat. Die Sonne ist für mich somit nicht nur ein Himmelskörper, ich verbinde mit ihr unsere kurdischen Feierlichkeiten und unseren Widerstand und freue mich daher immer, wenn ich ein Sonnen-Deq steche.
Wie reagieren Menschen – insbesondere in der Diaspora – auf deine Tätowierkunst? Gibt es eine wachsende Wiederbelebung der Deq-Tradition?
Kurdische Menschen in der Diaspora reagieren größtenteils sehr positiv. In vielen Tätowier-Sitzungen wird mir erzählt, dass Deq eine große Bedeutung für die Menschen haben, dass sie es aus Respekt vor ihren Älteren machen und um sich verbundener mit ihnen zu fühlen. Sie sind sehr daran interessiert, was die Ursprünge dieser fast totgeglaubten Tradition sind, wo sie zu finden sind, was die Symbole für Bedeutungen haben. Es gibt definitiv eine wachsende Bewegung von Deq-Tätowierer:innen und Deq-Träger:innen, sowohl in Kurdistan als auch in der Diaspora. Und nicht nur als Tätowierkunst ist Deq zu finden, sondern auch in künstlerischen Darstellungen der Symbole. Ich finde es unglaublich schön und bedeutend zu sehen, dass es diese Wiederbelebung gibt.
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Dein akademischer Hintergrund ist stark von post- und dekolonialen Theorien geprägt. Wie beeinflusst dieses Wissen deine künstlerische Praxis?
Obwohl in vielen post-und dekolonialen Theorien die Geschichte und Perspektive der Kurd:innen ausgelassen und ausgeklammert wird, was für mich ein Zeichen von epistemischer Gewalt gegenüber Kurd:innen darstellt, konnte ich viel durch mein Studium mitnehmen. Ich habe eine tiefere Einsicht in die strukturellen Mechanismen kultureller Unterdrückung und Machtverhältnisse gewonnen. Das hat mir sehr geholfen, meine eigenen Rassismuserfahrungen und die Geschichte meiner Familie in einen größeren Kontext zu setzen. Vieles was ich früher schon intuitiv gefühlt habe, wie das Gefühl der Entfremdung oder auch den antikurdischen Rassismus und die Unsichtbarkeit kurdischer Identitäten, konnte ich durch diese Theorien benennen.
„Eine Gegen-Narration schaffen“
In meiner künstlerischen Praxis bedeutet das, dass ich mich mit den Folgen von Assimilation und kultureller Auslöschung beschäftige und mit dem Widerstand als Reaktion auf diese Folgen. Ich versuche mich mit verdrängtem Wissen, (beispielsweise mit der mythologischen Figur Şahmaran), zu beschäftigen und einen künstlerischen Ausdruck dafür zu finden, um eine Gegen-Narration zu schaffen. Meine Arbeit bewegt sich auch viel zwischen Persönlichem und Politischem, zwischen Erinnerung und Gegenwart – und genau so bekomme ich Kraft.
Würdest du sagen, dass Kunst ein Mittel des Widerstands ist? Und wenn ja, inwiefern?
Ja, absolut. Das beste Beispiel dafür ist für mich die Künstlerin Zehra Doğan. Wegen eines Bildes, welches die Zerstörung der kurdischen Stadt Nisêbîn (Nusaybin) durch das türkische Militär dargestellt hat, wurde sie 2017 inhaftiert. Trotz ihrer Inhaftierung hat sie ihre Kunst mit selbstgemachten Farben und Materialien im Gefängnis fortgesetzt und damit auf die Unterdrückung von Kurd:innen aufmerksam gemacht – das ist für mich ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie Kunst Mittel zum Widerstand werden kann. Kunst kann Geschichten erzählen und auf diese aufmerksam machen, sie kann einen Raum eröffnen, der nach außen hin Emotionen und Verstehen fördert, aber auch Werkzeug für eine Selbstermächtigung ist, indem sie Identität bewahren kann. Şahmaran Kunst kann auch ein Raum sein, der Trauer und Schmerz verarbeiten und in etwas Materielles verwandeln kann.
Du hast in verschiedenen Städten ausgestellt, von Hannover über Dresden bis nach Berlin. Wie ist es, als kurdische Künstlerin in Deutschland zu arbeiten? Welche Herausforderungen begegnen dir?
Als kurdische Künstlerin in Deutschland zu arbeiten, bedeutet für mich auch immer in einem Spannungsfeld zu agieren. Obwohl es derzeit ein wachsendes Interesse an dekolonialen und migrantischen Perspektiven gibt, existieren weiterhin auch strukturelle Ausschlüsse und Vorurteile gegenüber kurdischer Identität. Das finde ich sehr ermüdend. Viele Institutionen meiden es, sich offen mit kurdischen Themen zu beschäftigen, aus Angst vor politischen Konsequenzen oder Kontroversen. Das führt dazu, dass kurdische Künstler:innen oft in Nischen gedrängt werden. Daher würde ich mir eine größere Offenheit und Akzeptanz für kurdische Künstler:innen wünschen. Dennoch gibt es Momente, die mich sehr stärken, wie zum Beispiel Begegnungen mit Menschen, die durch meine Arbeit einen neuen Zugang zu ihrer eigenen Geschichte finden, oder die Zusammenarbeit mit anderen kurdischen Künstler:innen, die ähnliche Kämpfe führen. Ich sehe meine Arbeit auch als Teil eines größeren kollektiven Kampfes für Sichtbarkeit und Anerkennung.
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Hast du das Gefühl, dass die deutsche Kunstszene offen für dekoloniale Perspektiven ist oder stößt du auf Widerstände?
Die deutsche Kunstszene wirkt auf den ersten Blick offen für dekoloniale Perspektiven, aber in der Praxis gibt es oft Grenzen. Viele Institutionen und Festivals greifen zwar gerne die ästhetischen Aspekte dekolonialer Kunst auf, scheuen sich jedoch davor, die politischen Inhalte und Forderungen ernsthaft zu reflektieren oder aktiv zu unterstützen. Für kurdische Künstler:innen ist das besonders spürbar. Wir werden oft als „zu politisch“ oder „problematisch“ wahrgenommen, weil unsere Arbeit die bestehende Ordnung infrage stellt. Gleichzeitig gibt es in Deutschland eine langjährige Verdrängung und Kriminalisierung kurdischer Anliegen, die auch in der Kunstwelt ihren Niederschlag findet. Trotz dieser Widerstände gibt es aber auch solidarische Netzwerke und Initiativen, die gezielt kurdische Stimmen fördern und Räume schaffen, in denen unsere Geschichten erzählt werden können. Diese Räume müssen wir weiter ausbauen und verteidigen.
Welche Projekte oder Ausstellungen planst du als Nächstes? Gibt es eine bestimmte Richtung, in die sich deine Kunst entwickeln soll?
Als Nächstes steht eine Gruppenausstellung in Berlin mit anderen wunderbaren kurdischen Frauen im Rahmen der kurdischen Frauen-Kulturtage am 01.-08. März 25 an. Des Weiteren plane ich einige weitere Deq-Events in Deutschland und der Schweiz und ein Low-Budget Kurzvideo/Film (ähnlich des Şahmaran-Interviewfilms) und mache hoffentlich viele weitere Bilder und Zeichnungen.
Wie siehst du die Zukunft der kurdischen Kunst- und Kulturszene, sowohl in der Diaspora als auch in Kurdistan?
Ich sehe eine wachsende und widerstandsfähige kurdische Kunst- und Kulturszene, sowohl in der Diaspora als auch in Kurdistan. Trotz der Repressionen gibt es eine neue Generation von Künstler:innen, die selbstbewusst ihre Perspektiven einbringen und neue Ausdrucksformen entwickeln. In der Diaspora erlebe ich eine starke Bewegung zur Wiederaneignung und Bewahrung von Traditionen wie Deq, aber auch zur Schaffung neuer Narrative, die zwischen Kulturen vermitteln. In Kurdistan selbst gibt es trotz politischer Unterdrückung Räume, in denen Kunst als Form des Widerstands eine zentrale Rolle spielt. Ich hoffe, dass diese Bewegungen sich weiter vernetzen und dass mehr Räume geschaffen werden, in denen kurdische Stimmen gehört und gefeiert werden.
Wenn du einem jungen Menschen, der sich für Kunst interessiert, einen Rat geben könntest – insbesondere einer kurdischen Person, die sich mit Identitätsfragen auseinandersetzt – welcher wäre das?
Vertrau auf deine Stimme und deine Perspektive – auch wenn sie nicht immer verstanden oder anerkannt wird. Deine Erfahrungen sind wertvoll, und Kunst kann ein mächtiges Werkzeug sein, um sie sichtbar zu machen. Lass dich nicht von Erwartungen einschränken, sondern finde deinen eigenen Ausdruck. Sei mutig, deine Geschichte zu erzählen, und suche Gemeinschaften, die dich unterstützen. Es gibt viele, die ähnliche Kämpfe führen – du bist nicht allein. Und allem voran: genieße den künstlerischen Schaffensprozess.
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Fotos © Bêrîvan Îbîn privat