QSD-Kommandant in Ain Issa: Bereit zur Verteidigung

Auch nach der Vereinbarung zur Errichtung von Beobachtungsposten in Ain Issa kommt es unvermindert zu Angriffen auf die Kleinstadt im nördlichen Syrien. Der Militärrat der Suryoye meldet derweil einen weiteren Infiltrierungsversuch bei Til Temir.

Trotz Waffenstillstandsabkommen halten die auf eine Ausweitung der türkischen Besatzungszone in Nord- und Ostsyrien abzielenden Angriffe gegen die Autonomiegebiete unvermindert an. Insbesondere die Kleinstadt Ain Issa an der internationalen Verkehrsstraße M4, die das nördliche Syrien wie eine Lebensader durchzieht, sowie die größtenteils christlich besiedelte Stadt Til Temir (Tell Tamer, kurdisch: Girê Xurma), etwa 40 Kilometer nördlich von Hesekê, stehen seit Wochen im Zentrum der Angriffe der türkischen Armee und ihren Proxy-Truppen aus der sogenannten „Syrischen Nationalarmee“ (SNA). Auch die von den Demokratischen Kräfte Syriens (QSD) mit Russland und dem Regime in Damaskus Anfang der Woche zur Errichtung von Beobachtungsposten in Ain Issa erzielte Einigung zur Überwachung der türkischen Aggression und Verstößen gegen das im Herbst 2019 vereinbarte Abkommen hat bislang nicht zu einer Abnahme der Angriffe geführt. Die Bombardements der türkischen Artillerie sowie Versuche von Infiltrationstrupps unter dem Kommando erfahrener Veteranen der Dschihadistenmiliz „Islamischer Staat” (IS), die Verteidigungslinien zu durchbrechen und in den Stadtkern von Ain Issa und Til Temir vorzustoßen, werden fortgesetzt.

Aus Ain Issa wurde zuletzt am Samstagabend Artilleriefeuer der Besatzungstruppen gemeldet, der Militärrat der Suryoye (MFS) berichtete am Sonntag, erneut einen Infiltrierungsversuch im Dorf Umm al-Keyf auf Grundlage der legitimen Selbstverteidigung abgewehrt zu haben. Laut dem MFS erfolgten die Angriffe auf Til Temir vor dem Hintergrund des Versagens Russlands als Garantiemacht des Regimes, das Waffenstillstandsabkommen in der Region durchzusetzen, und der Unfähigkeit der syrischen Regierungstruppen, auf die Attacken zu reagieren. Der in Ain Issa stationierte QSD-Kommandant Ziyad Haleb wirft Russland vor, die Einhaltung der sich aus dem Abkommen ergebenden Verpflichtungen bewusst nicht sicherzustellen. Anders könne man sich wohl kaum erklären, warum weder Regimetruppen noch russische Soldaten bei Angriffen der Türkei und ihrer Verbündeten bisher „keinen einzigen Schuss“ abgaben. „Die Attacken sind schließlich nicht neu, sie haben sich in der jüngsten Zeit lediglich intensiviert. Die Türkei nutzt das Machtvakuum nach dem US-Truppenabzug im Herbst 2019. Auch das Waffenstillstandsabkommen von Sotschi hat diese Situation nicht geändert“, so der QSD-Kommandant.

Bezüglich der Errichtung von Beobachtungsposten in Ain Issa führt Ziyad Haleb aus, dass es sich nicht wie von einigen Medien dargestellt um eine neue Vereinbarung handele, sondern eine Anwendung der Einigung von Sotschi zu Nordsyrien. „Wir sind in jedem Fall bereit, auf die Angriffe gegen unsere Regionen entsprechend zu reagieren. Das konnten unsere Kämpferinnen und Kämpfer in der letzten Zeit nur allzu oft unter Beweis stellen“, sagt Haleb. Er sei zuversichtlich, dass die Vertreibung der Invasionstruppen und Befreiung der besetzten Gebiete nur noch eine Frage der Zeit sei. „Ich glaube fest daran, dass das nächste Jahr den Beginn einer neuen Revolution kennzeichnen wird.“

Die strategische Bedeutung von Ain Issa

Ain Issa gehört zu den wichtigen Zentren in der Euphrat-Region und liegt an der Verbindungsstraße zwischen Hesekê und Aleppo. Die Stadt ist von strategischer Bedeutung, da der Verkehrsweg M4 den Norden Syriens wie eine Lebensader durchzieht. Die Türkei und ihre Verbündeten wollen die Region schon länger an die illegale Besatzungszone angliedern. Die Einnahme des Gebiets würde der Türkei den Weg nach Raqqa freimachen, Kobanê wäre damit von den verbliebenen Autonomiegebieten in Nordostsyrien abgeschnitten.

Russland hält sich bedeckt

Im Oktober 2019 haben Putin und Erdogan im Zuge der türkischen Invasion in Nordsyrien ein Abkommen geschlossen, das für einen Waffenstillstand einen Rückzug der QSD von 32 Kilometern aus dem Grenzgebiet ins Landesinnere vorsah. Die QSD haben ihre Auflagen erfüllt, die türkischen Angriffe haben trotzdem nie aufgehört. Entlang der Grenzlinie zwischen dem besetzten Girê Spî und dem Norden von Ain Issa sind Einheiten der Besatzungstruppen stationiert. Ihnen gegenüber stehen Kräfte des syrischen Regimes, auch das ist Teil des Abkommens. Im Großraum Ain Issa befinden sich Einheiten der QSD und der Sicherheitskräfte vom Asayîş sowie russische Kräfte. Einer der russischen Stützpunkte ist direkt in der Stadt.

Russland hat sich bis heute nicht öffentlich zu den türkischen Angriffen geäußert und wägt offenbar weiter ab, inwieweit daraus Profit geschlagen werden kann.