Armenische Kinder und Enkel erleben neuen Genozid

Die Kinder und Enkel der nach Aleppo geflohenen Armenier*innen stehen seit Beginn des Syrienkrieges einem neuen Massenmord gegenüber. Vor dem Krieg hatte Aleppo einen armenischen Bevölkerungsanteil von etwa 50.000 Personen, heute sind es nur noch 15.000.

Die Kinder und Enkel der vor dem Armeniergenozid 1915 nach Aleppo geflohenen Überlebenden stehen seit Beginn des Syrienkrieges einem neuen Massenmord gegenüber. Vor dem Krieg hatte Aleppo einen armenischen Bevölkerungsanteil von etwa 50.000 Personen, heute sind es nur noch 15.000.

Der Genozid, der von der osmanischen Regierung unter Kontrolle der Komitees für Fortschritt und Einheit (ITC) ab dem 24. April 1915 verübt worden war, hat sich gestern zum 103. Mal gejährt. Der Genozid zielte auf die Vernichtung der damals etwa 1,5 Millionen Armenier*innen ab. Nach Angaben von Historikern wurden zwischen Frühling 1915 und Sommer 1916 etwa 664.000 Menschen in diesem Zusammenhang ermordet. Die Übrigen wurden nach Syrien, den Irak und in die umliegenden Länder vertrieben und deportiert. Die Zahl der beim Genozid ermordeten erreicht 1,2 Millionen, wenn man die Menschen, die auf dem Weg in diese Länder ihr Leben verloren haben, dazurechnet. Diejenigen, die diesen Genozid überlebten, nennen ihn daher Medz Yeghern (Großes Massaker) oder Aghet (Katastrophe).

Der Großteil der Armenier*innen aus Dîlok (Antep), Hatay, Riha (Urfa), Amed (Diyarbakır) und Mêrdin (Mardin) wurden nach Aleppo in Syrien vertrieben und siedelte sich im Viertel Şêx Meqsûd, mit seiner großen kurdischen Bevölkerung an. Die Armenier*innen, die den Genozid überlebt haben, stellten die Bevölkerungsgruppe, die nach der Arabischen, Kurdischen und Assyrischen mit etwa 50.000 am stärksten waren. Aber seit dem Beginn des Bürgerkriegs mussten viele von ihnen erneut fliehen und migrierten in den Libanon, Jemen, nach Jordanien oder in die europäischen Länder. Der armenischen Bevölkerungsanteil fiel unter 10-15.000 Menschen. Die Nachrichtenagentur Mezopotamya hat einige der in Aleppo lebenden Armenier*innen porträtiert.

Die Sprache der Bilder

Viele der Armenier*innen, die heute in Aleppo leben, definieren sich immer noch über ihre Ursprungsorte wie Dîlok (Antep), Hatay, Riha (Urfa), Amed (Diyarbakır), Mêrdin (Mardin), Gurgum (Maraş) oder Xarpêt (Elazığ). In Aleppo befinden sich heute vier armenische Kirchen. Am Eingang der Kirche in Şêx Meqsûd steht der Name der Kirche in Armenisch, die Inschrift wurde bei einem Angriff auf die Kirche zerstört. Sowohl die Kirchen der Suryoye als auch der Armenier*innen waren massiv von Plünderungen während des Syrienkrieges betroffen. Manche Kirchen wurden von salafistischen Gruppen niedergebrannt, manch andere vollkommen geplündert.

In Şêx Meqsûd finden sich an vielen Häusern und Läden armenische Architekturelemente. Aufgrund dieser Elemente sind Häuser von Armenier*innen deutlich zu erkennen und sie wurden zum Ziel von mörderischen Angriffen, sowohl durch Salafisten, als auch durch Regimekräfte. Diese zerstörten Häuser erinnern an den neuen Genozid.

Der christliche Friedhof von Aleppo liegt zwischen den westlichen und den nördlichen Stadtteilen. Der Friedhof auf dem Suryoye und Armenier*innen bestattet sind, ist als Grenze zwischen den YPG/YPJ und dem Regime bekannt.

Manche Armenier*innen in Şêx Meqsûd haben gemeinsam mit Kurd*innen und Araber*innen sowohl gegen das Regime, als auch gegen die salafistischen Gruppen Widerstand geleistet, wie auch gemeinsam die Kirchen geschützt. Einige Armenier*innen, die aufgrund des Bürgerkriegs aus Şêx Meqsûd weggezogen waren, sind jetzt nach einem sechsjährigen, ungebrochenen Widerstand wieder zurückgekehrt. Sie erhalten von der Regionalverwaltung Hilfe bei der Wiederherstellung ihrer Häuser und Arbeitsplätze. Viele Suryoye und Armenier*innen führen das Handwerk ihrer Väter, die Schmiedekunst und das Kunsthandwerk, weiter. Im Krieg wurden sehr viele Werkstätten geplündert, deswegen fällt es ins Auge, dass ihre Anzahl stark abgenommen hat.

MA | Nazım Daştan