Kommentar: Bereit für das Leben zu sterben

„Was ist krankhafter, ein lebloser Körper im System oder ein freier Körper und Geist im Hungerstreik?“, fragt die Berlinerin Sozdar Koçer in einem Kommentar zum Massenhungerstreik gegen die Isolation Abdullah Öcalans.

Wie wir alle aus den aktuellen Nachrichten mitbekommen, befinden sich neben Hunderten Menschen in den türkischen Gefängnissen auch hier im Herzen Europas Menschen in einem unbefristeten Hungerstreik. Heute befindet sich die Ko-Vorsitzende des Demokratischen Gesellschaftskongresses DTK, Leyla Güven, am 126.Tag, Nasır Yağız, Mitglied der HDP am 114. Tag, die Gefangenen in der Türkei am 89. Tag und die 14 Kurdinnen und Kurden in Straßburg haben heute den 88.Tag erreicht.

88, 89, 114, 126… Wir ertappen uns dabei, wie wir die Tage des Elends mitzählen ohne viel darüber nachzudenken, dass das Zählen kein Ende findet.

Wir sehen zu, wie die Zeit an einem vorbei geht, wie die Zahlen der Tage immer mehr in die Höhe gehen. Und wir merken, je höher die Anzahl der Tage, umso ohnmächtiger werden wir in unserem Handeln und Denken und entfliehen dem Gedanken: Was wäre wenn!? Was wäre, wenn einer der Hungerstreikenden sein Leben dabei verliert! Wir wagen es nicht, uns das auszumalen, weil diese radikale Widerstandsart uns allen in unserer Realität, unserem Verständnis und Kampf befremdlich ist. Es ist uns befremdlich, dass Menschen mit einer starken Willenskraft und einem starken Widerstandsgeist bereit sind, für unsere gemeinsame gelebte Utopie sogar ihr Leben zu lassen.

In der Geschichte der kurdischen Bewegung und der kurdischen Gesellschaft ist eine solche Art des Widerstandes nichts Neues. Es ist die höchste und emotionalste Aktionsform für die Gesellschaft. Die Entscheidung in den Hungerstreik zu gehen, rührt aus einer tiefgreifenden politischen Überzeugung.

Der Widerstand von Leyla Güven und vielen anderen Genoss*innen im Hungerstreik erweckt den Geist von zurückliegenden Hungerstreiks in den Gefängnissen in der Türkei und Kurdistan, insbesondere dem vom 14. Juli 1982 im Gefängnis von Amed. Der Geist von Mehmet Hayri Durmuş, Ali Çiçek, Akif Yilmaz und Kemal Pir, die im Todesfasten ihr Leben verloren haben, zeigt ihre unbegrenzte Liebe zu Freiheit. Kemal Pir beschrieb vor seinem Tod ihre Aktion wie folgt:

„Wir lieben das Leben so sehr, dass wir bereit sind, dafür zu sterben.“

Was ist mit uns? Mit unserer Liebe zum Kampf und zum Leben? Was sind wir bereit, für die Freiheit aller unterdrückten Menschen zu geben? Genügt ein Tweet oder eine Statusänderung bei Facebook, um sein Mitgefühl auszusprechen? Plakativ spreche ich die Gefühlslosigkeit an, welche wir vom herrschenden System zu uns nehmen, ohne daran zu denken, was es eigentlich mit unserem Körper macht. Bekommen wir vom System existentielle Grundnahrungsmittel wie Freiheit, Gerechtigkeit und die freie Entfaltung der Identität und des Geschlechts?

Neben den existentiellen Nahrungsmitteln der Menschheit, die unseren Körper am Leben halten, bedarf der Mensch auch gesellschaftliche Werte, die unsere Seele und unseren Geist am Leben erhalten. Doch im Alltag sind wir mit anderen Realitäten konfrontiert – Überfluss an Lebensmitteln und eine ungerechte Aufteilung der Nahrungsmittel in allen Ecken der Welt - und das Resultat? Lebendige Tote. Die Menschen leben in einer unkontrollierten Akkumulation, so dass es für sie unvorstellbar ist, in einen Hungerstreik zu treten. Wozu Hungerstreik, wenn sich die Menschen in ihrer Gefühllosigkeit verlieren, die Massengesellschaft sich von der Gleichgültigkeit ernährt? Gleichgültig, ob du für den Staat nur existierst oder auch anfängst zu leben!

In der kapitalistischen Moderne saugen wir staatliche Denkweisen und Strukturen auf. Unser Körper, unsere Seele, Denkweise und unser Handeln werden dadurch ernährt. Der Staat ernährt uns und hat somit auch Einfluss auf unsere Körper, über die er seine Kriege und Ziele durchsetzt.

Für nichts anderes braucht der Staat den Körper der Menschen. Dieser modernen Form der Ausbeutung fügen wir uns. Es ist ein Teufelskreis in einem aktivierenden Staat wie der Bundesrepublik, in dem Menschen für die Interessen des globalen Marktes unter prekären Bedingungen und Mindestlohn arbeiten müssen, um sich im bestehenden System aufrecht erhalten zu können. Es ist ein Kreislauf von verschiedenen Institutionen, die allesamt das System aufrechterhalten. Um die Menschen wieder gefügig zu machen sind alle Institutionen – Jobcenter, Familienangebote auf der Arbeit, Angebote der Krankenkassen, Versicherungen, Maßnahmen, Arztbesuche bis hin zu den Medikamenten darauf fokussiert, im Interesse des Staates die Menschen bzw. ihre Arbeitskraft zu puschen. Sie werden  als Mittel zum Zweck benutzt, um den Menschen das Gefühl zu vermitteln, wichtig zu sein, für die Gesundheit des Einzelnen zu sorgen, um sie funktionsfähig zu machen bzw. sie dem ‚freien‘ Arbeitsmarkt zur Verfügung zu stellen! Wer sind wir, dass wir anderen Konzernen und Mächten ‚zur Verfügung‘ gestellt werden? Nichts als Objekte, die die Risse und Lücken des kapitalistischen Systems füllen sollen. Und genauso krankhaft fühlen und behandeln wir uns auch gegenseitig, aber wir bemerken es im Alltag nicht, weil wir dafür keine Zeit haben.

Nun, was bedeutet es im globalen Kapitalismus, nichts zu sich zu nehmen – zu streiken? Ist es nur das, nichts zu sich zu nehmen? Das Nicht-Essen bedeutet nicht nur, keine Nahrung zu sich zu nehmen! Es bedeutet, selbst die Entscheidung zu treffen, den eigenen Körper als Waffe für politische Forderungen zu nutzen. Aktiv darüber zu entscheiden, was mit dem eigenen Körper passiert und das bedeutet auch gleichzeitig selbst dem eigenen Leben ein Ende zu setzen. Nicht das kapitalistische System entscheidet, was mit dem Körper und Geist passiert, sondern das starke und unabhängige ICH selbst!

Die Methode, für eine soziopolitische Veränderung und Forderung in den Hungerstreik zu gehen, taucht nicht nur in der Geschichte Kurdistans und der Türkei auf, sondern war im 19. Jahrhundert bei vielen widerständigen Gruppen und Menschen in Europa eine übliche Widerstandsart. Viele dieser Gruppen sind uns bekannt - die Suffragetten in England im Jahr 1913, die RAF in Deutschland 1973, im Jahr 1982 die Irisch-Republikanische Armee (IRA) in Irland.

Wichtig zu erwähnen sind hierbei die Suffragetten, die im Gefängnis für die Forderung nach Arbeits- und Frauenwahlrecht in den Hungerstreik getreten sind. Viele Mitglieder der Suffragetten gingen mit der Frauenrechtlerin Emmeline Pankhurst im Gefängnis in den Hungerstreik und wurden von der Regierung zwangsernährt. Nachdem die Zwangsernährung in der breiten britischen Öffentlichkeit für Entsetzen sorgte, reagierte der Staat mit der vorübergehenden Freilassung der Gefangenen, bis sie sich von den Folgen des Hungerstreiks erholen konnten, um sie wieder inhaftieren zu lassen. Durch ihre kämpferische Aktion wurde das Frauenwahlrecht eingeführt.

Die radikale Widerstandsart von Emmeline und die von Leyla Güven, zwei Frauen, die für die Durchsetzung der Forderung vieler Frauen bereit waren und es weiterhin sind, ihr Leben zu opfern, wiederholt sich in unserer Geschichte. Und hierbei ist auch die Haltung des Staates zu beachten, die vor 106 Jahren bei Emmeline Pankhurst und heute bei Leyla Güven dieselbe Mentalität aufzeigt. Mit Haftentlassungen und Nichtbeachtung soll die Aktionskraft dieser Menschen eingedämmt werden, weil der Staat keine Kontrolle über ihren Körper und Geist hat.

Diese Stärke zeigen alle Hungerstreikenden – sie stellen ihr Leben für die Veränderung der politischen Situation in Frage und sind Akteur*innen der eigenen Geschichte und Identität! Die Hungerstreikenden und ihre Angehörigen brauchen Empathie und ein Mitgefühl für ihre Aktion. Es ist wichtiger denn je, Solidarität mit den Hungerstreikenden in Form von stärkerer Organisierung, mehr Öffentlichkeit und Aufklärung für diese emotionale Form der Aktion und ihre Forderung zu zeigen. Nicht zuzusehen, wie Genoss*innen mehr und mehr abnehmen und ihre gesundheitliche Situation sich verschlechtert.

Fangt an die Bedeutung des Hungerstreiks zu verstehen und zu fühlen. Und beantwortet für euch selbst die Frage: Was ist krankhafter, ein lebloser Körper im System oder ein freier Körper und Geist im Hungerstreik?!

Eine Anmerkung zum Schluss: In Anbetracht der respektvollen Entscheidung der Hungerstreikenden sollten wir jedoch auch kritisch gegenüber dieser Aktionsform sein, denn sie ist ein Privileg derer, die jederzeit Zugang zu Nahrungsmitteln haben. Ein hungernder Mensch, der keinen Zugang zu Nahrung hat, kann diese Aktionsform nicht auswählen geschweige denn dadurch die Hoffnung auf eine Durchsetzung von Forderungen haben.