Wirtschaftskrise in der Türkei: Menschen können kaum noch überleben

Das AKP/MHP-Regime stürzt die Türkei in eine immer tiefere ökonomische Krise. Die Menschen werden wütender und erkennen das Regime als Verantwortlichen für Hunger und Krise.

Die Bevölkerung in der Türkei wird immer wütender wegen der Wirtschaftspolitik des AKP/MHP-Regimes. Die bald täglichen Preiserhöhungen treffen die Menschen schwer. Die Teuerungen betreffen insbesondere Grundnahrungsmittel von Brot und Milch über Butter bis Zucker, aber auch Erdgas und Strom. Während die sich verschärfende Wirtschaftskrise und die rasante Abwertung der Lira die Kaufkraft der Menschen verringern, kämpft die Bevölkerung ums Überleben. Mit Protesten unter dem Motto „Wir können uns nicht versorgen“ begannen sogar Kinder, über die Wirtschaftslage zu debattieren. Wir haben in Istanbul mit Menschen zur ökonomischen Situation im Land gesprochen.

Butterpreis fast verdreifacht

Gefragt nach der wirtschaftlichen Lage, sagt der Dönerverkäufer Celal Suguti: „Zwischen der Vergangenheit und der Situation heute liegt ein Unterschied so tief wie ein Graben. Es gibt ohnehin bereits eine Wirtschaftskrise. Wir können die Mieten nicht bezahlen, wir können unsere Einkäufe nicht bezahlen. Früher kostete die Butter 35 Lira, jetzt sind es 95 Lira. Schaut euch nur die Butterpreise an, nichts weiter. Das reicht, um sich einen Eindruck von der Lage zu verschaffen.“

Suguti fährt fort: „Wenn dies kein Familienbetrieb wäre, stünden wir längst am Ende und hätten dichtgemacht. Die Regierung ist zu 100 Prozent verantwortlich für den Zustand, in den das Land gebracht worden ist.“ Gefragt nach einer Lösung antwortet Suguti: „Die Lösung liegt in den Wahlen. Man muss einmal in fünf Jahren die Macht wechseln. Das passiert, wenn 19 Jahre lang die gleiche Regierung herrscht. Glauben Sie, dass die Zentralbank im Moment voll oder leer ist? Ich denke, sie ist leer.“

„Jeden Tag wechseln wir die Preisetiketten“

Auch die kleinen Lebensmittelgeschäfte leiden schwer unter den Preissteigerungen. Yusuf, der seit zwei Jahren einen Laden betreibt, ist verzweifelt: „Es gibt einen stetigen Anstieg. Wir können keine Waren zu dem Preis ankaufen, zu dem wir gerade verkaufen. Jeden Tag erleben viele Produkte eine Steigerung von zehn bis fünfzehn Prozent. Und nicht nur das, die Mengen sinken, ebenso wie die Preise steigen. Butter oder Nudeln kann sich kaum noch jemand leisten. Gerade diese Grundversorgungsmittel werden immer teurer.“

Die Kundschaft sei bald nicht mehr in der Lage, irgendwelche Produkte zu kaufen. „Das, was sie mitnehmen, lassen sie anschreiben. Diese Methode hat innerhalb eines Jahres explosionsartig zugenommen. Die Menschen können einfach nicht mehr. Löhne werden nicht erhöht, aber die Preise umso mehr“, so Yusuf.

Supermarktketten verdrängen Kleingewerbetreibende

Necmettin betreibt einen traditionellen Laden für Reinigungs- und Pflegemittel. Er meint, die „Großen“ hätten die „Kleinen“ geschluckt. Vor allem die Supermarktketten machten den kleineren Gewerben zu schaffen und veränderten die Einzelhandelslandschaft zu ihren Gunsten. „Die Kundschaft wird mit Kampagnen geblendet, dabei ist Seife und Shampoo bei uns viel günstiger zu bekommen. Dennoch werden unsere Geschäfte gemieden“, beklagt er. Sobald der Ramadan vorbei ist, werde Necmettin seinen Laden wohl oder übel schließen. „Den meisten Kleingewerbetreibenden geht es ähnlich“, sagt er.

„Unsere Arbeit landet auf dem Müll“

Ein Schreiner, der seinen Namen nicht nennen will, merkt an: „Was soll ich sagen? Wir freuen uns schon, wenn wir die Einkaufspreise wieder reinbekommen. Wir bauen einen Tisch, aber noch nicht einmal unsere Arbeitskraft bekommen wir bezahlt. Unser Fleiß landet auf dem Müll.“

Chili zwölf Lira, Kürbis zehn

Trotz der großen Wut haben viele Menschen Angst zu sprechen. Sie wissen, dass jede Kritik am Regime die Gefahr beinhaltet, nach Terrorparagrafen verfolgt zu werden. Die Fragen beschränken sich daher auf die Preise. Caner arbeitet seit seiner Kindheit auf dem Markt, weist auf seine Waren und sagt: „Schaut euch die Preise an. Paprika kostet zehn, Peperoni sogar zwölf und Zucchini gibt es ebenfalls für zehn Lira. Seit einem Jahr wird es ständig teurer. Ich habe noch nie so eine Preissteigerung geschehen. Die Kaufkraft ist deutlich gesunken.“

„Wir können unsere Miete nicht bezahlen“

Fatmagül erledigt gerade ihren Einkauf, als sie sich in das Gespräch einmischt. „Fragt uns Kunden, statt die Händler. Für einen Einkauf, der früher 50 Lira kostete, zahlen wir jetzt 250 Lira.“ Sie öffnet ihre Geldbörse, ein paar Münzen sind zu sehen. Dann zeigt sie auf zwei kleine Einkaufstüten. Viel mehr sei mit fünfzig Lira inzwischen nicht mehr zu haben. Ihre Miete könne sie sich nicht mehr leisten.

Kaum ist Fatmagül weg, fügt der Händler Caner an: „Die Menschen haben kein Geld. Wir haben noch nie solche Preise gesehen. Wenn Kunden auf den Markt kommen, erleben sie beim Anblick auf die Preise erstmal einen Schock.“ Ein weiterer Einkäufer will wissen, warum ich dort bin. „Du fragst diese Dinge, wir reden, du schreibst. Aber fallen die Preise? Nein! Wozu soll das Ganze dann gut sein?“

Das Hauptnahrungsmittel der Armen: Die Kartoffel

An einem weiteren Stand beklagt Adem Gümüşten die Leere auf dem Markt. Das ganze Jahr über sei es bereits schlecht gelaufen, aber im letzten Monat sei es sehr schlimm gewesen. „Wenn das so weitergeht, werden wir bald weggehen. Wir werden diese Arbeit nicht mehr machen können. Weit und breit sieht man hier nur leere Stände. Ohne Kundschaft kein Verkauf. Die Kaufkraft der Menschen ist ohnehin eingebrochen. Maximal fünfzig Lira können Kunden ausgeben, die hier einkaufen kommen. Es reicht für eine Packung Eier und zwei Kilo Tomaten. Dann ist das Geld weg.“

„Wir werden kaum satt“

Cengiz Uluışık ist Gemüsehändler. Seine Prognose ist ebenfalls düster: „Wir sind am Ende, es ist vorbei. Die Mieten liegen bei 2.800 Lira. Wie soll man so überleben? Wir können nicht mehr. Wir werden kaum satt. Es gibt keine Arbeit, der Markt ist leer, was sollen wir machen? Schauen sie, die Menschen verhandeln um jeden Kurusch. Verantwortlich dafür ist die Regierung.“

Mir fällt eine junge Frau auf, die Second-Hand-Kleidung verkauft. „Zwei Teile für fünf Lira“, aber los wird sie die Klamotten nicht. Angefangen mit dem Job habe sie in diesem Jahr, für den Stand zahlt sie Miete. Ihr Einkommen reiche nicht mehr aus, damit die Kinder zu versorgen. Allein die Wohnungsmiete verschlinge 1.500 Lira. „Ich komme kaum über die Runden, Rechnungen sind kaum noch bezahlbar. In diesem Monat betrug die Gasrechnung 500 Lira. Wenn ich jetzt 10 Lira verdienen könnte, würde ich mich damit zufriedengeben. So weit ist es mittlerweile gekommen.“

„Manche Menschen wollen nur noch sterben“

Die Verkäuferin fährt fort: „Sogar unsere Standmiete kostet 200 Lira, kann das denn wahr sein? Selbst für den Stand werde ich mich verschulden müssen, aber es gibt keinen anderen Ausweg. Einst habe sie ihre Heimat Mûş verlassen, um die finanziellen Sorgen loszuwerden. In Istanbul sei die Lage noch aussichtsloser. „Wir befinden uns in einer schweren Lage. Manche Menschen wollen sterben, sie wollen nicht mehr leben. Mein Portemonnaie ist leer, ich kann nicht in den Supermarkt gehen und einkaufen, ich kann meinen Kindern nicht einmal einen Kuchen kaufen. Lebensmittel oder Kleidung sind Luxuswaren, die wir uns einfach nicht mehr leisten können.“ Auf ihre Waren im Verkauf zeigend, sagt sie: „Diese Stücke sind aus zweiter Hand, manchmal lege ich was für meine Kinder beiseite. Neue Sachen sind nicht drin. Ich selbst trage auch Second Hand, mein Mann ebenso. Was sollen wir machen. Wenn es einen anderen Weg gäbe, würden wir ihn gehen. Sie sollen uns helfen. Insbesondere die Frauen werden belastet. Lass sie es sehen.“

„Nicht einmal mehr Geld für Tee“

Ein Teeverkäufer merkt wütend an: „Die Menschen haben nicht einmal mehr das Geld, sich ein Glas Tee zu leisten. Man muss blind sein, wenn man diese Krise nicht sieht. Ich will nicht reden. Wenn ich rede, dann kommen wir an einen anderen Punkt. Bring mich nicht zum Reden.“

„Wenn wir ihm keine Stimme geben, dann wird Erdoğan verschwinden“

An einem Stand sagt ein Mann: „Die Heimat gehört uns allen, aber die Wut richtet sich nicht auf das Land, sie richtet sich auf die Regierung. Die Menschen beschuldigen niemanden einfach so. Heute liegt der Mindestlohn bei 2.600 Lira, aber was der reiche Mann will, das geschieht. Erdoğan bekommt 100.000 Lira Lohn. Er verdient sie nicht, wir geben sie ihm. Die Regierung geht, wenn wir ihr keine Stimmen geben. Die Verteuerungen haben uns fertig gemacht. Ich hatte diese Waren für ein Lira das Stück eingekauft, jetzt sind es zehn. So wurden sowohl mein Kapital als auch mein Profit aufgebraucht.“

„Keine Gerechtigkeit“

Am Abend werden die Preisschilder ausgetauscht und die Produkte sind billiger, da die Waren zu verderben beginnen. Aber selbst Kartoffeln, das Hauptnahrungsmittel der Armen, kosten noch fünf Lira. Obwohl die Märkte abends voll sein müssten, bleiben sie auch zu dieser Zeit leer. Eine junge Frau erzählt: „Ich bin am Gymnasium und habe gerade Ferien. Ich müsste eigentlich zu Hause sein und mich ausruhen. Aber ich verkaufe hier Sachen, damit ich mir etwas kaufen kann. Ich bekomme keinerlei Unterstützung, von niemandem. Ich besorge Kleidung online und versuche sie zu verkaufen. Das geht ein bisschen. Davon kann ich meine Bücher und meine Ausgaben bezahlen, sonst bleibt nichts. Ich komme kaum über die Runden.“

Als der Markt endet, kommen Menschen zusammen und sammeln das verfaulte und weggeworfene Gemüse auf.

Der Text von Gülcan Dereli erschien im Original bei Yeni Özgür Politika