Neuer IS-Chef ist Erdoğan-Symphatisant

Der IS-Gefangene Taner Sabri Görenoğlu stammt aus dem nahen Umfeld des neuen IS-Chefs al-Salbi. Er berichtet über die Sympathie des Chefs der Terrormiliz für Erdoğan und die Türkei.

Taner Sabri Görenoğlu kommt aus dem direkten Umfeld des neuen IS-„Kalifen“ Amir Mohammed Abdul Rahman al-Mawli al-Salbi alias Abdullah Qardash, alias Hadschi Abdullah. Er stammt aus der arabischen Minderheit in der südtürkischen Provinz Hatay und befindet sich in Gefangenschaft bei den Demokratischen Kräften Syriens (QSD). Unsere Korrespondentin Bêrîtan Sarya konnte ein Interview mit Görenoğlu führen und exklusive Informationen über den neuen IS-Führer erhalten.

Der heute 32-jährige Görenoğlu lernte das Gedankengut des sogenannten „Islamischen Staats“ (IS) 2009 in Istanbul kennen und schloss sich 2014 der Terrormiliz an. Er wurde zum Scharfschützen ausgebildet und arbeitete später auf Befehl von al-Salbi in der Finanzverwaltung des IS. Er war verantwortlich für die Eintreibung von „Steuern“ und das Sammeln der Einkünfte in Syrien, die Auszahlung von Geldmitteln und die Weiterleitung der Gelder in den Irak. Als er im August 2017 mit seiner Familie versuchte in die Türkei zu entkommen, wurde er in Minbic vom Geheimdienst der QSD festgenommen. Görenoğlu, alias Abu Zeynep al-Turki, macht bezeichnende Aussagen über den heutigen IS-Chef al-Salbi.

Die Türkei sei „Lebensraum“ für den IS, meint Görenoğlu. Der neue IS-Chef habe immer wieder gesagt: „Wenn wir eines Tages unter Druck geraten, wird die Türkei der einzige Ort sein, an den wir gehen können. Uns werden allein Erdoğan und die Türkei helfen“, berichtet er.

Görenoğlu lernte den IS durch den irakisch-turkmenischen Dschihadisten und Helfer al-Salbis, Laith Abush, kennen. Er berichtet: „Abush, Mitglied des irakischen Islamischen Staats, war damals verletzt und zur Behandlung in die Türkei gebracht worden. Er war mein Nachbar in Bağcılar. Zuvor diente er unter Saddam Hussein als Soldat. Um den IS zu verstehen, habe ich mir zuerst ihre Videos angesehen und so ihre Ideologie kennengelernt. Bevor ich mich aber anschloss, rief ich Laith Abush an und fragte ihn. Er antwortete ‚Komm wann du willst‘.”

Soldaten zogen jeden Tag um sechs Uhr von Grenze ab

Görenoğlu stammt aus demselben Dorf wie der wegen Anschlägen in der Türkei dringend gesuchte IS-Verantwortliche für die Türkei, Ilhami Bali (Abubekir Turki). Der Gefangene erinnert sich, dass Bali mit ihm seine Ausreise nach Syrien vorbereitet habe und er 2014 über Kilis ins IS-Gebiet gereist sei. Über seinen Grenzübertritt gibt er an: „Als wir rüber sind, waren die Soldaten etwa 400 bis 500 Meter entfernt. Sie sahen uns, aber sie taten nichts. Es lief alles ohne das geringste Problem ab. Da ich aus einem Ort in der Nähe der Grenze komme, hatte ich schon früher Schmuggel über die Grenze betrieben. Ab 2013 wurden nach 18 Uhr die Soldaten von der Grenze abgezogen. Man hätte also auch mit einem Panzer die Grenze überqueren können. Sie wurde bewusst offengelassen.“

Erster Kontakt mit al-Salbi

Nachdem sich Görenoğlu einige Tage in al-Rai aufhielt, wurde er nach al-Bukamal bei Deir ez-Zor geschickt. Dort erhielt er eine 15-tägige militärische Ausbildung, bevor er am Flughafen von Deir ez-Zor stationiert wurde. Er erinnert sich: „Nach der Ausbildung traf ich Laith Abush. Er sagte: ‚Komm zu mir, ich werde dich jemandem vorstellen.‘ So lernte ich Hadschi Abdullah (al-Salbi) kennen. Er fragte mich, was ich machen wolle. Ich erklärte ihm, dass ich während meines Wehrdienstes in der Türkei Scharfschütze war und das hier auch machen könnte. Daher wurde ich dann auch Scharfschütze. Einen Monat später wurde ich von Hadschi Abdullah damit beauftragt, verdeckt die finanziellen Aufgaben in Syrien zu übernehmen. Ich fing an, zwei Arbeiten auf einmal zu machen. Ich war sowohl Scharfschütze als auch geheim im Finanzbereich tätig. Die Tätigkeit als Scharfschütze ließ ich dann nach nicht einmal drei Monaten sein.

Finanzverantwortlicher für Syrien

Hadschi Abdullah wollte, dass ich das so mache. Meine Frau kam aus Syrien. Ich kann auch sehr gut arabisch. Alle Menschen in den Regionen Bilel und Muhasen kennen mich. Damit die US-Drohnen mich nicht wahrnahmen, trug ich Zivilkleidung. Ich benahm mich wie jemand der zum IS gekommen war, um einfach nur dort zu leben, und setzte meine Arbeit fort. Qardaş (al-Salbi) war damals für ideologische Aktivitäten und Finanzen zuständig. Ich habe von September 2014 bis ich 2017 Deir ez-Zor verließ die Finanzen des IS in Syrien geregelt. Das Geld wurde an verschiedenen Orten eingetrieben und in Deir ez-Zor gesammelt. Ich bin hingegangen, habe es gezählt und nachgerechnet und dann meinen Stempel auf die Abrechnung gemacht. Ich habe das Geld den Anweisungen entsprechend in den IS-Provinzen verteilt. Das übrige Geld habe ich Hadschi Abdullah, also in den Irak geschickt.

Monatlich 100 bis 150 Millionen Dollar

95 Prozent der Einkünfte kamen aus dem Öl und der Firma Koniko [Gas-Unternehmen]. Das andere waren Spenden. Es kam auch Geld aus Strafen und der Landwirtschaft. Wir hatten sehr hohe Einkünfte. Ich kann jetzt keine genaue Zahl angeben, aber es waren monatlich so etwa 100 bis 150 Millionen Dollar. Als der Islamische Staat an Territorium zu verlieren begann, nahmen auch die Einkünfte ab; Anfang 2017 waren es nur noch 40 bis 50 Millionen Dollar monatlich.

Ölverkäufe in die Türkei

Es gibt keine Pipeline von der Türkei nach Deir ez-Zor. Die türkische Regierung nahm das Öl nicht direkt vom IS. Das lief über Zwischenhändler. Diese füllten ihre Tankwagen in Deir ez-Zor und brachten sie von dort nach Idlib und dann weiter nach Hatay. Wenn der türkische Staat das nicht gekauft hat, wer kann etwas mit so viel unaufbereitetem Rohöl anfangen? Ich habe auch gehört, dass das Öl vom IS in Iskenderun auf Schiffe geladen wird. Aber ich weiß nicht, an wen es gegangen ist. Auch die historischen Objekte, die der IS aus Mosul und von anderen Orten genommen hat, wurden über den Landweg in die Türkei gebracht. Von dort gingen sie weiter nach Europa. So wurden tausende Klein- und Großobjekte ausgeschafft. Dieses Geld ging aber nicht an uns.”

Al-Salbi war immer sehr auf Sicherheit bedacht

Görenoğlu beschreibt al-Salbi als eine äußertst intelligente Person. „Bevor er einen Schritt unternimmt, überlegt er erst 500 Mal und achtet extrem auf Sicherheit. Er mag keine Dinge, welche Sicherheitsprobleme mit sich bringen. Er nimmt nicht an Treffen teil und geht nicht unter Leute. Er hält sich aus Sicherheitsgründen immer im Hintergrund. Es gibt nicht viele, die ihn kennen. Er wechselt immer wieder das Fahrzeug und trägt Zivilkleidung. Manchmal wechselt er auf Strecken plötzlich zwei bis drei Mal den Wagen. Er hat mehrere Frauen. Eine heißt Zübeyde. Bei ihr könnte es sich um eine türkische Agentin handeln. Zübeyde hat behauptet, sie sei irakische Turkmenin, aber ihre Sprache entspricht dem nicht. Sie spricht perfekt türkisch. Ich glaube sie ist Türkin. Wenn Turkmenen sprechen, dann benutzen sie bestimmte Begriffe, die es im Türkischen nicht gibt. Sie benutzt diese aber nicht. Hadschi Abdullah schätzt ihre Meinung sehr. Man könnte sagen, dass sie Hadschi Abdullah führt. Sie hat gute Verbindungen ins Internet. Sie sprach ständig mit einer Frau namens Cemile Akgündüz in der Türkei. Von einem engen Vertrauten Hadschi Abdullahs, Murat Qardash, habe ich erfahren, dass sie, auch als in Mosul das Internet verboten worden war, permanent online war. Murat Qardash hielt sie ebenfalls für eine türkische Agentin.

Lob für die Türkei und Erdoğan

Wenn ich sie manchmal mit Murat Qardash zusammen besuchte, hörte ich immer wieder, wie sie Erdoğan und die Türkei lobte. Auch Hadschi Abdullah hat ein sehr positives Bild von Erdoğan. Er sagte immer wieder, dass wir, wenn wir eines Tages in Schwierigkeiten geraten sollten, nur in die Türkei gehen könnten. Erdoğan und die Türkei würden uns helfen. Wir könnten ohne Probleme in der Türkei leben. Wir wollen der Türkei nicht mit Anschlägen schaden, wir wollen die Politik der Türkei nicht stören.“