Vom Palast gelenkter Vernichtungsfeldzug
Die heutige Festnahmeoperation gegen den Demokratischen Kongress der Völker (HDK) ist laut der Partei EMEP nur das erste Glied in einer Eskalationskette zur Ausschaltung der demokratischen Zivilgesellschaft und politischen Opposition. Nach Angaben des Istanbuler EMEP-Abgeordneten und stellvertretenden Parteivorsitzenden Iskender Bayhan sollen im türkischen Innenministerium derzeit Vorbereitung für ein groß angelegtes Verfahren gegen den HDK laufen, um die Graswurzelbewegungen in der Türkei handlungsunfähig zu machen. Das sagte der Politiker am Dienstag der Zeitung „Evrensel“.
Rund 6.000 Menschen im Fokus neuer Ermittlungen
„Uns liegen Informationen über Ermittlungen vor, die rund 6.000 Menschen umfassen. Allein etwa 1.600 von ihnen leben in Istanbul“, erklärte Bayhan und bezeichnete das Vorgehen in Anspielung an die Regierung von Staatschef Recep Tayyip Erdoğan als „innenpolitische Frontbegradigung“ und „Operation des Palastregimes“. Ausführende Kraft sei eine weitgehend gleichgeschaltete Justiz im Land, die ohnehin seit Jahren als Knüppel gegen Andersdenkende eingesetzt werde.
Iskender Bayhan © Evrensel
Politische Aktivist:innen, Journalist:innen und Kunstschaffende in Gewahrsam
Auf Anordnung der Generalstaatsanwaltschaft Istanbul wurden am Dienstag mindestens 52 Personen in zehn verschiedenen Provinzen des Landes unter vermeintlichen Terrorverdacht festgenommen, insgesamt sind 50 Menschen zur Fahndung ausgeschrieben. In HDK-Kreisen heißt es, dass sich eine Neuauflage der sogenannten „KCK-Operationen“ aufzutun scheint, mit der ein Friedensprozess zur Lösung der kurdischen Frage sabotiert werden soll. Bei den Betroffenen handelt es sich um Mitglieder und Aktivist:innen der Parteien DEM, DBP, EMEP, SYKP und YSP, mehrere Journalist:innen und Kunstschaffende.
Eskalationsstrategie statt Frieden
Seit den Gesprächen der DEM-Partei mit dem PKK-Begründer Abdullah Öcalan auf der Gefängnisinsel Imrali in den beiden vorangegangenen Monaten und Initiativen der Partei für einen neuen Dialogprozess zwischen der kurdischen Bewegung und der türkischen Regierung – den ausgerecht Devlet Bahçeli, der ultranationalistische Koalitionspartner von Staatschef Recep Tayyip Erdoğan, vorgeschlagen hatte, vergeht kaum ein Tag ohne Festnahmen und Verhaftungen von Oppositionellen.
HDK als Terrororganisation kriminalisiert
Betroffen sind neben Kurd:innen aus dem Lager der DEM und ihrer Schwesterpartei DBP auch Aktive und Handelnde linker und sozialistischer Kleinparteien, die wie die DEM und DBP Teil des HDK sind. Der HDK wurde 2011 als Organisationsgremium hunderter politischer Parteien, Gruppen und Einzelpersonen gegründet, aus dem ein Jahr später die DEM-Vorgängerin HDP vorging. In dem Verfahren, das in Istanbul gegen den HDK läuft, wird das Gremium als „Tarnorganisation“ und verlängerter Arm „terroristischer Vereinigungen“ diffamiert. Angeblich sei der HDK eine Fortsetzung des Gremiums „Demokratischer Gesellschaftskongress“ (kurz KCD) und handele gleichermaßen „im Sinne der Ziele“ der PKK und damit „gegen den Staat“.
KCK-Operationen 2.0?
Er sei in Form eines parlamentsähnlichen Gebildes aufgebaut worden, um als „Alternative“ zur türkischen Nationalversammlung zu agieren, und sei „inhaltlich und organisatorisch eindeutig identisch“ mit dem Paradigma der PKK – genannt wird auch deren Dachverband KCK – und damit „ohne jeden Zweifel terroristisch“. Dies würde auch daran deutlich, dass die Mitgliedsgruppen des HDK „Anweisungen der PKK/KCK zur Organisierung“ von Kundgebungen, Demonstrationen, Presseerklärungen und weiteren Veranstaltungen befolgten, „um die gesellschaftliche Basis zu formieren“, so die Staatsanwaltschaft.
Die als „KCK-Operationen“ bezeichnete Verhaftungswelle begann nur einen Tag, nachdem die Gemeinschaft der Gesellschaften Kurdistans (KCK), bei der es sich um den Dachverband der kurdischen Befreiungsbewegung handelt, am 13. April 2009 ihre Waffenruhe bis zum 1. Juli verlängert und in ihrer Deklaration davon gesprochen hatte, dass „zum ersten Mal die Möglichkeit besteht, die kurdische Frage in einem Umfeld der Waffenruhe zu lösen“.
Zwei Wochen zuvor hatten in der Türkei Kommunalwahlen stattgefunden, die pro-kurdische Partei DTP konnte 99 Gemeinden gewinnen und damit die Zahl ihrer Bürgermeisterinnen und Bürgermeister beinahe verdoppeln. Der türkische Staat reagierte, indem ein Vernichtungsfeldzug gegen die kurdische und demokratische Opposition gestartet und die DTP noch im selben Jahr wegen Terrorvorwürfen durch Entscheid des Verfassungsgerichts verboten wurde.
Die sogenannten KCK-Operationen begannen damals mit der Verhaftung von kurdischen Politiker:innen und Vertreter:innen legaler NGOs, ergriffen anschließend wellenförmig alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens und betrafen auch Bürgermeister:innen, Gewerkschafter:innen, Journalist:innen, Verteidiger:innen der Menschenrechte und Rechtsanwält:innen. Am Ende der Operationen im Jahre 2011 waren etwa 10.000 Menschen unter dem Verdacht der Mitgliedschaft in der KCK verhaftet worden. Hunderte erhielten langjährige Freiheitsstrafen, nicht wenige wurden zu erschwerter lebenslanger Haft ohne Aussicht auf Entlassung verurteilt.
Foto: Kundgebung gegen Festnahmen heute in Istanbul © MA