Karayilan: Türkische Armee hat an Kampfkraft verloren

Sollte der türkische Staat in Südkurdistan ins Landesinnere eindringen, werde sich die Guerilla nicht auf die Strategie der Verteidigungstaktik beschränken, sagt PKK-Exekutivratsmitglied Murat Karayilan im Gespräch mit Yeni Özgür Politika.

Im Gespräch mit der Zeitung Yeni Özgür Politika bewertete Murat Karayilan, Oberkommandierender der Volksverteidigungskräfte HPG und Mitglied im Exekutivrat der Arbeiter*innenpartei Kurdistans PKK, die Kriegsstrategie und Ziele der türkischen Armee und den Widerstands- sowie Aktionsstil der Guerilla. Die kurdische Freiheitsbewegung habe einen langen Weg beschritten, um nicht nur eine unbesiegbare, sondern auch erfolgreiche Guerillabewegung zu schaffen. Ohne näher ins Detail zu gehen, sagte Karayilan: „Ich glaube, dass wir ausschlaggebende Ergebnisse erzielen werden, indem wir eine neue revolutionäre Doktrin umsetzen, der die Organisierung und Selbstverteidigung innerhalb der Bevölkerung zu Grunde liegt und die sich nicht auf den Widerstand in den Bergen beschränkt, sondern auf alle Teile des Landes und der Gesellschaft stützt. Ich möchte betonen, dass sich unsere Bemühungen weiterhin in diese Richtung konzentrieren“.

Im Folgenden geben wir den ersten Teil des Interviews wieder.

Vom Zagrosgebirge bis nach Serhed, von Xisxêr (Pervari) bis hin nach Bradost befindet sich die Guerilla in einer intensiven Aktionsphase. Wie bewerten Sie den gegenwärtigen Aktionsstil und herausstechende Aktionen?

Die türkische Armee führt in der Regel jedes Frühjahr Operationen durch. Für das Militär ist diese Jahreszeit von strategischem Vorteil. Für die Guerilla ist der Übergang vom Winter zum Frühling eher ein Nachteil. Vor allem in den Monaten März und April hatte die Guerilla in den letzten Jahren die meisten Verluste zu verkraften. In diesem Jahr erzielte die türkische Armee mit ihren Frühlingsoperationen keine besonderen Ergebnisse, da die Guerilla zum Gegenangriff ansetzte. In fast allen Provinzen begann die Aktionsphase, die bisher sehr positiv ausfiel, im März. Die Phase dauert zwar noch an, allerdings könnte das Tempo in den Sommermonaten aus verschiedenen Gründen etwas nachgelassen haben. Oder aber die Kapazitätsentwicklung fiel nicht so aus, wie wir sie uns wünschen. Das Handlungstempo der Guerilla wird sehr wahrscheinlich mit den wetterbedingten Vorteilen im Herbst zunehmen.

Wie Sie schon sagten, fanden in vielen Regionen intensive Aktionsphasen statt. Aufgrund der Jahreszeit setzten wir dabei vor allem auf die Infiltrationstaktik, Sabotageaktionen, gezielte Attentate und Hinterhalte. Mit Rückblick auf die Aktionen, die seit dem Frühjahr stattfinden, kann man sagen, dass all die genannten Taktiken angewendet wurden. Natürlich hat es auch besonders hervorstechende Aktionen gegeben, besonders die infiltrationstaktischen Angriffe in der Botan-Region. Auch die Hinterhalte in der Region Zagros oder die Erbeutung feindlicher Waffen im Zuge von Aktionen in Xakurkê waren bedeutsam. Auch in Serhed haben einige Aktionen Aufmerksamkeit erregt, vor allem die in Gürbulak. Als uns nach der Aktion mündlich Bericht erstattet wurde, schien es sich um eine gewöhnliche Sache zu handeln. Nachdem dann die Aufnahmen eintrafen, stellten wir fest, dass es sich um eine höchst ergebnisreiche Aktion gehandelt hat.

Hinsichtlich der eigenen Verluste wendet der türkische Staat eine Politik der völligen Zensur an. Lediglich wir und kurdische Medien informieren die Öffentlichkeit über die Geschehnisse. Dennoch sieht die Berichterstattung einiger kurdischer Medien so aus, als seien die Ergebnisse unserer Aktionen nicht glaubwürdig. Um es zu konkretisieren: In der Praxis handelt es sich beispielsweise um eine sehr umfangreiche Aktion, aber die Berichterstattung sieht aus, als sei es ein gewöhnliches Ereignis. Selbst uns nahstehende Kreise treten teilweise mit Zweifeln an uns heran. Doch spätestens mit den Aufnahmen, die uns aus den verschiedenen Kampfgebieten erreichen, wird deutlich, dass die Guerilla ergebnisbringende und sehr ernstzunehmende Handlungen durchführt, die über die mündliche Berichterstattung hinausgehen. Leider funktioniert die Übertragung der Bilder bei uns nicht im Sinne der gewöhnlichen Kommunikationstechnik, daher dauert es manchmal bis zu zwei Monate, bis Aufnahmen von Aktionen veröffentlicht werden.

Unter Berücksichtigung aller Umstände und zu einer Zeit, in der der Feind Himmel und Hölle in Bewegung setzt, um jeden einzelnen Fußbreit aus der Luft und am Boden zu bewachen, ist die Durchführung solcher Aktionen keine gewöhnliche Leistung. Dass wir die Ergebnisse von Zeit zu Zeit nicht unmittelbar im Anschluss präsentieren können, versteht sich glaube ich von selbst.

Statt dem geläufigen Stil wollen wir ein einzigartiges Niveau erreichen, das herausragt und Ergebnisse mit sich bringt. In diesem Sinne gab es bereits einige Aktionen, bei denen eine Sache ganz besonders herausstach: Bei jedem infiltrationstaktischen Angriff auf gegnerischen Raum am Boden konnten die türkischen Soldaten keinen Widerstand leisten und zogen sich sofort zurück. Sie sind geflohen, um genau zu sein. Davon liegen auch Aufnahmen vor. Bis heute hat die Guerilla, wo auch immer sie zugeschlagen hat, Ergebnisse erzielt, die binnen kürzester Zeit erreicht wurden. Dass dieser Stil Erfolg mit sich bringt, ist sehr deutlich. Hier zeigt sich einmal mehr, dass die türkische Armee an Kampfkraft verloren hat. Wir meinen zwar nicht, dass sie gänzlich verschwunden ist, allerdings besteht kein Zweifel daran, dass die Stärke heute nicht mehr die ist, die sie mal war. Ihren Verlust versucht das türkische Militär mit Luftangriffen, nachrichtendienstlichen Handlungen und Technik zu ersetzen. Die Bodenstreitkräfte jedoch sind von ihrer früheren Leistung weit entfernt. Zwar schaffen sie es, einige Gipfel zu besetzen, dabei handelt es sich allerdings um solche, die nicht bewohnt sind.

In der Vergangenheit fanden in sehr vielen Regionen Gefechte von Angesicht zu Angesicht statt, mittlerweile sind Kämpfe im Nahabstand selten geworden. Die Soldaten stehen nicht in Gefechtsposition auf dem Feld, um gegen die Guerilla anzustürmen. So etwas hat es bisher einfach nicht gegeben. Von Zeit zu Zeit finden im Rahmen von Guerillaaktionen direkte Konfrontationen statt. Manchmal trifft die türkische Armee auf vermeintlich freien Gipfeln auf unsere Einheiten und es kommt zu Zusammenstößen. Gewöhnlich wird in solchen Situationen deutlich, dass der Kampfeswille der türkischen Armee ganz besonders schwach ist. Die Soldaten ziehen sich kampflos zurück oder zerstreuen sich, sobald sie auf Widerstand stoßen. Dies ist eine konkrete Situation, die sich in der Praxis immer wieder zeigt. Es ist nicht so, dass wir den Anschein erwecken möchten, die Armee, der wir gegenüberstehen, sei schwach oder leistungsunfähig. Dies ist jedoch die Realität unseres Feindes. Nicht die Armee ist die primäre Kampfkraft des türkischen Staates, es sind bekanntermaßen die Spezialeinheiten von Gendarmerie und Polizei (JÖH/PÖH). Faktisch heißt das, dass der Staat den Bodenkrieg mit Söldnern und paramilitärischen Kräften führt. Für das Fernsehen werden Formate produziert, die den ‚Heldenmut‘ dieser Paramilitärs darstellen sollen, die im Krieg allerdings keine Leistung zeigen. Es handelt sich bei ihnen um Söldner, die fliehen, sobald sie die Not kommen sehen.

Krieg kann nicht mit Geld oder anderen materiellen Dingen geführt werden. Krieg ist ein Akt der Überzeugung. Einen Krieg zu führen, ist eng mit Glauben und Ideologie verbunden. Für diese Söldner steht der materielle Aspekt im Vordergrund. Die ideologische Haltung ist Nebensache. Aus diesem Grund haben sie in der Praxis kaum Kapazitäten für den Krieg. Wenn diese Kräfte keine ständige Luftunterstützung durch unbemannte Kampfdrohnen erhalten würden, wäre es ihnen wohl kaum möglich, eine einzige Stellung gegenüber der Guerilla zu halten.

Morgen: „Dies ist eine historische Phase der Abrechnung“

YÖP | TÎJDA YAĞMUR