Ausgangssperre in nicht mehr vorhandenen Straßen aufgehoben

In der nordkurdischen Kreisstadt Nisêbîn (Nusaybin) ist die vor zwei Jahren verhängte Ausgangssperre aufgehoben worden.

Nach zwei Jahren ist die Ausgangssperre in der gesamten Kreisstadt Nisêbîn in der nordkurdischen Provinz Mêrdîn (Mardin) aufgehoben worden. Das am 14. März 2016 über zehn Stadtviertel verhängte Ausgangsverbot wurde teilweise bereits am 25. Juli 2016 aufgehoben. In den Stadtteilen Fırat, Dicle, Yenişehir, Abdulkadirpaşa, Zeynel Abidin und Kışla wurde das Verbot erst nach über zwei Jahren am vergangenen Samstag ungültig.

In der Stadt hatte es bereits vor 2016 etliche Male Ausgangssperren gegeben. 2016 war die Stadt 74 Tage heftig umkämpft. Zehntausende Soldaten und Polizisten waren dabei im Einsatz. Die Anzahl der bei den Kämpfen getöteten Sicherheitskräfte ist bis heute nicht veröffentlicht worden.

74 Angeklagte verteidigen die Selbstverwaltung

74 Personen wurden bei der Evakuierung aus den umkämpften Vierteln festgenommen und schwer gefoltert. Erst nach 19 Monaten begann der Prozess gegen sie. Die Angeklagten gaben vor Gericht an, ihre polizeilichen Aussagen seien unter Folter erpresst worden. Zu ihrer Verteidigung erklärten sie, gegen die kapitalistische Moderne für eine demokratische Moderne einzutreten. Die Lösung der Krisen im Mittleren Osten sei die autonome Selbstverwaltung, so der allgemeine Tenor der Angeklagten.

Mindestens 25 Zivilisten getötet

Während der Ausgangssperre in Nisêbîn kam es zu unzähligen Rechtsverletzungen. Die Bevölkerung wurde aus gepanzerten Fahrzeugen beschossen und es wurden Mörsergranaten eingesetzt. Nach Angaben von Menschenrechtsorganisationen wurden mindestens 25 Menschen aus der Zivilbevölkerung getötet, darunter auch die elfjährige Fehime Kurumaz.

Zehntausende Menschen mussten während der Ausgangssperre ihre Wohnungen verlassen. Sechs Stadtteile wurden nahezu komplett zerstört. Insgesamt wurden 11.386 Wohnungen und 2000 Geschäfte mit Bulldozern niedergerissen. Vielen Anwohnern gelang es später nicht, den Ort ihrer ursprünglichen Häuser zwischen den Bergen von Bauschutt wiederzufinden. Trotz Widerspruch wurden auch die noch intakten Gebäude zerstört. Das Bild der türkischen Fahnen an den wenigen noch stehenden Häusern hat sich unwiderruflich in das Gedächtnis der Menschen gebrannt.

Niemand will in den staatlichen Unterkünften wohnen

In den dem Erdboden gleichgemachten Vierteln wurden später ungefähr 4700 Unterkünfte von der staatlichen Wohnungsbauverwaltung TOKI errichtet. Die Bauarbeiten dauern noch an. Lediglich im Stadtteil Kışla wurde Eigentümern von Grundbesitz vereinzelt die Genehmigung erteilt, selbst neue Häuser zu bauen. Da die staatlichen Unterkünfte zu klein sind und gegen Kredite vergeben werden, will kaum eine Familie darin leben.

Bei den Bauarbeiten in den zerstörten Stadtvierteln sind bisher mindestens elf Leichen in den Trümmern entdeckt worden. Es wird davon ausgegangen, dass sich noch weitere Leichen dort befinden.

Obwohl das Verbot inzwischen aufgehoben worden ist, gibt es zu dem größten Teil der betroffenen sechs Viertel immer noch keinen Zugang, weil es sich um Baugelände handelt. Viele vertriebene Anwohner kehren trotzdem in die Stadt zurück.

MA