Gönül Kaya: 5000 Jahre patriarchale Geschichtsschreibung

Im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg hat eine Veranstaltung unter dem Titel „Das kulturelle Erbe von Rojava“ mit der Jineologie-Forscherin Gönül Kaya stattgefunden.

Die Projektgruppe Armargî, bestehend aus dem kurdischen Frauenrat Rojbîn in Hamburg, dem Jineologie Komitee, dem Jineologie-Zentrum in Belgien und der Stiftung Freier Frauen in Rojava (WJAR), hat eines der 15 Projekte im Rahmen der Ausstellung „Mobile Welten“ im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe entwickelt. In der Ausstellung geht es um den transkulturellen Bereich sowie um Dinge, die sich der traditionellen Ordnung widersetzen, zum Beispiel weder der Moderne noch der Antike zugerechnet werden können, weder „asiatisch“ noch „europäisch“ oder „islamisch“ sind.

Amargî ist ein Begriff aus der sumerischen Sprache und bedeutet „Rückkehr zur Mutter“ im Sinne von Freiheit, da die Rückkehr zu einer matrizentristischen Kultur auch eine Rückkehr zu ihren Werten bedeutet: Ökonomie des Teilens statt Raub und Eroberung, Gemeinschaft statt Konkurrenz.

Die Projektgruppe Amargî hat die Jineologie-Forscherin, Journalistin und Aktivistin der kurdischen Frauenbewegung, Gönül Kaya, eingeladen, über das kulturelle Erbe von Rojava zu sprechen.

Gönül Kaya ging in ihrem Vortrag insbesondere auf die Zerstörung durch die seit 5000 Jahren bestehenden patriarchalen staatlichen Zivilisationen ein. Seit 2001 mit dem Afghanistan-Krieg und dem aktuellen Angriff des sogenannten Islamischen Staates (IS), der Al-Nusra-Front und des türkischen Staates wurden unschätzbare Güter einer von Frauen geschaffenen Kultur und eines großen Teils des kulturellen Erbes der Menschheit zerstört.

Patriarchale Geschichtsschreibung

Objekte, die aus matriarchalen, frauenzentrierten Kulturen stammen, werden aus einer sexistischen Perspektive nicht wahrgenommen, nicht geschützt bzw. falsch oder gar nicht interpretiert. Männer hätten ein Monopol der Geschichtsschreibung inne und die Erfindungen von Frauen marginalisiert, so Gönül Kaya. Somit sind nicht-staatliche frauenzentrierte Gesellschaften nicht im Fokus bzw. werden als lange vergangen oder unbedeutend behandelt. Dabei haben sie den längsten Teil der Menschheitsgeschichte, und auch den erfolgreicheren, existiert. Die Herrschenden stellen sich selbst ins Zentrum der Geschichte und löschen alle Beweise von Kulturen aus, die ihre Herrschaft nicht legitimieren, denn sie sind der Beweis für den Existenz einer Alternative. Sie stellen sich selbst als Schöpfer von Kultur dar, ein Bild einer gleichberechtigten Gesellschaft darf es in ihrer Geschichtsschreibung nicht geben.

Gönül Kaya betonte die Bedeutung der eigenen Geschichtsschreibung: Wer seine eigene Geschichte nicht schreiben könne, kann auch nicht in Freiheit leben. Überall auf der Welt leisten Völker Widerstand gegen die Dominanz staatlicher Unterdrückung und den Kolonialismus. In Amerika, Afrika oder Asien existieren immer noch nicht-staatliche Gesellschaften, die von der Auslöschung bedroht seien, jedoch Widerstand leisteten.

In den kurdischen Gebieten der Türkei finde eine systematische Vernichtung jeder Spur solcher Gesellschaften statt, die auch seit den 1930er Jahren belegt ist. So wurden zum Beispiel gezielt Inschriften aus den Steinen der Stadtmauer von Amed (Diyarbakir) herausgeschlagen, um die Existenz der Kurd*innen in der Geschichte zu negieren. Momentan wird das 12.000 Jahre alte Heskîf (Hasankeyf), die am längsten durchgehend bewohnte Stadt weltweit, mit einem Staudammprojekt vernichtet, das gleichzeitig Syrien und dem Irak das Wasser abgräbt.

Vernichtung der frauenzentrierten Kultur

Dieselbe Politik wird durch den sogenannten Islamischen Staat in Nordsyrien und Südkurdistan/Nordirak betrieben. In den sieben Jahren des Krieges wurden ganz gezielt Jahrtausende alte Objekte vernichtet. Zwar verurteilte die UN-Resolution 2347 die Vernichtung des kulturellen Erbes, blieb jedoch weitgehend untätig. So habe der IS 2014 8000 Schriften in der Bibliothek von Mosul, die Museen von Palmyra und Raqqa verbrannt. Auch im Sudan, in Mali und im Jemen werden bedeutende Teile des Erbes der Menschheit zerstört. Am 26. Januar 2018 bombardierte die türkische Armee gezielt den hethitischen Tempel der Göttin Iştar in Ain Dara, Proteste der Weltgemeinschaft blieben aus.

Das Kerngebiet der Kultur von Halaf (Xelef) befindet sich im Quellgebiet von Euphrat und Tigris, sie spielte eine entscheidende Rolle in der frauenzentrierten Kultur. Ausgegraben wurde in Tell Halaf von Max von Oppenheim zum Beispiel die thronende Göttin oder die Statue der Göttin und des Gottes, die einen Bezug zu dem heutigen Modell der Ko-Vorsitzenden in der Region Rojava darstellen.

Jineologie

Die Jineologie analysiert die soziologische Bedeutung der Objekte und stellt ihre Verbindung zu den heutigen Kontexten her. Es sei kein Zufall, dass sich die kommunale Kultur ausgerechnet in dieser Region erneut verbreite, erläuterte Gönül Kaya. Tell Halaf spiegle das Fortdauern einer frauenzentrierten Gesellschaft wider.

Frauen haben in der Region eine große schöpferische Kraft gezeigt. Göttinnen wie Iştar, Isis oder Inanna zeigen dies. 1300 Jahre v.u.Z. wird die Göttin Kybele oder auch Kubaba datiert, sie war die Göttin von Kobanê, eventuell geht sogar der Name der Stadt auf sie zurück. Auf ihrem heiligen Berg Karkamiş ist heute eine Militärstation.

In Efrîn gehen die Namen vieler Berge und Orte auf Göttinnen zurück, so zum Beispiel der Ort Cinderês von Jin (kurdisch: Frau, Mutter) und deresi (kurdisch: schaffen). Die Schutzgöttin von Minbic – Artargatis – war halb Frau und halb Fisch.

Der Name Efrîn geht auf vermutlich auf das kurdische Wort afirandin (aufbauen, schaffen) zurück. In den 365 Ortschaften im Kanton Efrîn wurde vor der Besatzung durch die Türkei ein kommunales Leben gelebt. In der Region Mabata gibt es sogar eine eigene Frauensprache. Efrîn ist ein Ort der demokratischen Kultur, in dem orale Traditionen große Bedeutung haben. Die Besatzer von Efrîn zerstören momentan diese Kultur, unter anderem brennen sie die heiligen Wunsch- und Gebetsbäume der Ezid*innen nieder.

Zurückgewonnen wird diese demokratische frauenzentrierte Kultur unter anderem im Frauendorf Jinwar bei Amûdê in Nordsyrien. Hier wird ein Ort von Frauen für Frauen aufgebaut, die sich selbst verwalten und eine autarke Ökonomie schaffen wollen.

Amargî in der Ausstellung Mobile Welten

Im Anschluss an den Vortrag von Gönül Kaya konnten die Besucher*innen an einer Führung durch die Ausstellung teilnehmen.

Zunächst konnte die Thronende Göttin aus Tell Halaf bewundert werden. Das Original wurde nach Berlin ins Pergamon-Museum verschleppt, wo es während des 2.Weltkrieges zerstört wurde. Bei der Göttin handelt es sich um einen Abguss. Angelehnt an sie ist eine Videoprojektion mit Portraits der „modernen Göttinnen“: Frauen aus Rojava, die diese Kultur wiederbeleben, zum Beispiel als Kämpferinnen oder Bürgermeisterinnen. Sie sind Araberinnen, Suryoyas, Kurdinnen…. Vielfalt wird als Reichtum begriffen.

Eine weitere Station war ein historisches Bild des Pergamon-Museums mit der thronenden Göttin. Oppenheim sollte für das Deutsche Reich Erkundungen über den Bau der Bagdad-Bahn auskundschaften. Ihre Strecke ist heute die Basis der Teilung von Nord- und Westkurdistan. Deutschland ist also gewissermaßen mitverantwortlich für die Teilung Kurdistans. Oppenheim stolperte zufällig über Tell Halaf.

Eine Videoinstallation zeigt mit Untertiteln die Tradition des Dengbej, der oralen Tradition der Region in Aramäisch, Arabisch und Kurdisch. Filmen war unter Assad kaum möglich in der Region. Nun erlebt diese Technik eine Wiederbelebung durch die Filmkommune Rojava.

Symbol für Lebensfreude und Vielfalt

Ein wahrhaft historischer Moment konnte in Minbic gefilmt werden. Das Video befindet sich eher versteckt in dem untersten Regal eines Schrankes. Nachdem die YPG und YPJ die Stadt 2016 befreit hatten, konnten Frauen die ihnen aufgezwungenen Niqabs abwerfen: Ein Akt der Befreiung, ein wunderschöner Moment der freien Frauen. Unter der Ganzkörperverhüllung tragen sie leuchtend bunte Kleider. Der Boden der Wüste bei Minbic ist übersät mit den abgeworfenen Niqabs. Eines der Bilder, eine Frau in einem leuchtend roten Kleid mit blauen und gelben großen Punkten, ging um die Welt. Die Künstlerin Susan Azizi, die seit 2014 in Deutschland lebt und aus Kermaschan in Rojhilat/Ostkurdistan stammt, hat den Stoff nachempfunden und so ist eine Bahn dieses wunderbaren Stoffes in der Ausstellung zu bewundern. Er ist ein Symbol für Lebensfreunde und Vielfalt. Die Künstlerin war anwesend.

Umso bedrückender ist der Gedanke, dass die türkischen Besatzer nun in Efrîn die Scharia wieder eingeführt haben und Frauen wieder unter den Niqab gezwungen werden.

Die Ausstellung wird noch durch weitere Objekte bereichert. Am 6. September wird es einen weiteren Vortrag von Haskar Kirmizigul, einer Soziologin und Vertreterin des Jineologie-Komitees, und eine weitere Führung durch die Ausstellung im Museum für Kunst und Gewerbe am Steintorplatz in der Nähe des Hamburger Hauptbahnhofs geben.